EM in Schweden: "Der Begriff Profi passt nicht zum Frauenfußball"

DFB-Direktorin Jones, Bundestrainerin Neid (r.): Zuversichtlich für EM Zur Großansicht
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DFB-Direktorin Jones, Bundestrainerin Neid (r.): Zuversichtlich für EM

Die Weltmeisterschaft 2011 in Deutschland sollte dem Frauenfußball einen Schub verschaffen. Zwei Jahre ist das nun her - doch was ist geblieben? Wie steht es vor der EM in Schweden um den Sport? Nachgefragt bei DFB-Frauenfußball-Chefin Steffi Jones.

Hamburg - Während sich die europäischen Ligen noch in der Sommerpause befinden, steht die deutsche Frauen-Nationalmannschaft vor ihrem Saisonhöhepunkt: Am Mittwoch beginnt in Schweden die Europameisterschaft. Rekordmeister und Titelverteidiger Deutschland muss die Ausfälle von sechs Leistungsträgerinnen (Babett Peter, Verena Faißt, Viola Odebrecht, Alexandra Popp, Linda Bresonik und Kim Kulig) verkraften, geht aber trotzdem mit Selbstbewusstsein ins Turnier. Zuletzt besiegte das Team von Bundestrainerin Silvia Neid Weltmeister Japan 4:2.

Vor dem EM-Start sprechen Steffi Jones, DFB-Direktorin für Frauenfußball, und Heike Ullrich, beim Deutschen Fußball-Bund verantwortlich für die Frauen-Bundesliga, über die derzeitige Stimmung im Frauenfußball, über die Nachwirkungen der Heim-WM 2011 und Vereine in finanzieller Schieflage.

SPIEGEL ONLINE: Vor der EM wurde in Deutschland vor allem über die vielen Ausfälle im Nationalteam berichtet. Wie ist die Stimmung in der Mannschaft?

Steffi Jones: Wir waren unsicher, ob die jungen Nachrückerinnen diese Ausfälle sofort kompensieren können. Aber die Integration hat geklappt, das haben die Testspiele wie das 4:2 gegen Japan gezeigt. Die Mädels haben viel Selbstbewusstsein.

SPIEGEL ONLINE: Vor einigen Jahren schien es undenkbar, dass sechs Leistungsträgerinnen einfach ersetzt werden können. Es fehlte schlicht an gutem Nachwuchs. Wo kommt der jetzt her?

Heike Ullrich: Früher war der Unterschied zwischen den Leistungen der Spitze und dem Rest groß. Heute gibt es Spielerinnen, die schon in den U-Nationalmannschaften, mit 16, 17 Jahren, bei großen Turnieren internationale Erfahrungen sammeln. Die können dann auch schnell in der A-Elf Verantwortung übernehmen.

Jones: Das sind die Auswirkungen der WM 2011 hier in Deutschland. Wir hatten im Vorfeld viel an der Nachwuchsförderung gearbeitet, um für das Turnier besser aufgestellt zu sein. Das ist noch immer unser Schwerpunkt. Wir haben in die duale Ausbildung investiert, mit der die Spielerinnen Leistungssport, Schulisches und Berufliches verbinden können.

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EM-Aufgebot: Deutschland ohne sechs
SPIEGEL ONLINE: Es gab Spielerinnen, die sich nach der WM erhofft hatten, als Fußballprofi ihr Geld zu verdienen. Ist das mittlerweile möglich?

Ullrich: Der Begriff Profi und Frauenfußball passen nicht zusammen. Wir haben keine Lizenzspieler wie bei den Männern, sondern nur Vertragsspielerinnen. Und als solche giltst du bereits, wenn du 250 Euro im Monat verdienst. Natürlich verdienen einige wenige Spielerinnen genug Geld, mit Werbeverträgen und ähnlichem, um davon zu leben. Aber das sind die wenigsten.

Jones: Es ist wichtig, dass die Spielerinnen eine solide Ausbildung haben, auf die sie nach der sportlichen Karriere aufbauen können. Darauf achten mittlerweile auch die Vereine.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt nicht so, als habe sich die finanzielle Situation der Sportlerinnen seit der WM 2011 erheblich verbessert.

Jones: Der Frauenfußball wird dem Männerfußball nie Konkurrenz machen. Aber unsere Strukturen werden immer professioneller. Die sportlichen Rahmenbedingen lassen sich durchaus als professionell bezeichnen, und innerhalb des DFB gibt es seit der WM sogar eine eigene Direktion. Das haben nicht viele Verbände.

Ullrich: Wenn wir es schaffen, das Umfeld so zu optimieren, dass sich die Spielerinnen vor einem Großereignis wie der EM voll auf den Sport konzentrieren können, haben wir das Wichtigste erreicht.

SPIEGEL ONLINE: Täuscht das Gefühl, dass zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung der nach der WM vorhergesagte Schub auf sich warten lässt?

Ullrich: Wir wollten mit dem Turnier über die Grenzen hinaus für Aufmerksamkeit sorgen. Das haben wir erreicht, unabhängig vom sportlichen Erfolg. Der Frauenfußball ist in den Köpfen angekommen. In der Bundesliga stellen wir fest, dass Zuschauer, Medien und Sponsoren viel mehr über den Sport wissen. Das Interesse ist natürlich immer noch sehr stark fokussiert auf die Nationalspielerinnen, aber das tut dem Frauenfußball trotzdem gut. Auch mit Marketingpartnern ist es einfacher, ins Gespräch zu kommen und zu verhandeln.

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SPIEGEL ONLINE: Aber die Zuschauerzahlen waren in der vergangenen Saison rückläufig.

Ullrich: Nach der WM hatten wir eine Rekordsaison, da lagen wir bei durchschnittlich über 1100 Besuchern pro Ligaspiel. Das ist noch nicht viel, für uns war das aber eine Steigerung von rund 34 Prozent. In der vergangenen Saison waren die Zahlen etwas geringer, aber es war immerhin die zweitbeste Saison seit Gründung der Liga. Was fehlt, ist die Ausgeglichenheit: Wir haben drei, vier Vereine, die regelmäßig über 2000 Zuschauer haben. Und dann gibt es solche, die keine vierstelligen Zahlen erreichen.

SPIEGEL ONLINE: Das Testspiel gegen Japan in München wollten über 46.000 Zuschauer live sehen, das war Rekord. Macht das Hoffnung?

Jones: Die Nationalmannschaft ist das Zugpferd, und wir versuchen, das auch auf die Bundesliga zu übertragen. Aber das ist nicht einfach. Dass so viele Besucher da waren, lag vor allem an einem ausgeklügelten Konzept. Wir haben dieses Testspiel mit Sponsoren, Medien, Vereinen und Landesverbänden gemeinsam auf die Beine gestellt, viel investiert. Aber ein solcher Aufwand ist nicht immer möglich. Im Schnitt kamen zuletzt bei Länderspielen 10.000 bis 12.000 Zuschauer. Das ist derzeit die Realität. Auch, weil die Nationalmannschaft 2012 an keinem großen Turnier teilgenommen hat.

SPIEGEL ONLINE: Realität ist es auch, dass der FCR Duisburg und Bad Neuenahr mit großen finanziellen Problemen kämpfen, Bad Neuenahr musste sich sogar aus der Bundesliga zurückziehen. Woher kommen diese Schwierigkeiten?

Ullrich: Meist ist so etwas ein langfristiger, schleichender Prozess. Wir sehen es in diesem Jahr ja nicht nur im Frauenfußball, sondern auch bei anderen Vereinen, die an der Schwelle vom Amateur- zum Profisport stehen, dass sie finanzielle Probleme bekommen. Professionellere Strukturen erfordern eben Investitionen. Im Frauenfußball gibt es zudem nicht so viele Sponsoren, manchmal hängt ein ganzer Verein von einem regionalen Geldgeber ab. Wenn der pleitegeht, droht auch dem Club die Insolvenz. Die Vereine sind für ihre Strukturen und Finanzen selbst verantwortlich, da kann der DFB nicht eingreifen.

Das Interview führte Sara Peschke

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EM in Schweden - Der DFB-Kader
  • DPA
    Tor: Nadine Angerer (1. FFC Frankfurt), Laura Benkarth (SC Freiburg), Almuth Schult (SC 07 Bad Neuenahr)

    Abwehr: Saskia Bartusiak (1. FFC Frankfurt), Jennifer Cramer (Turbine Potsdam), Josephine Henning (VfL Wolfsburg), Annike Krahn (Paris St. Germain), Leonie Maier (SC 07 Bad Neuenahr), Bianca Schmidt (1. FFC Frankfurt), Luisa Wensing (VfL Wolfsburg)

    Mittelfeld: Fatmire Bajramaj (1. FFC Frankfurt), Melanie Behringer (1. FFC Frankfurt), Sara Däbritz (SC Freiburg), Lena Goeßling (VfL Wolfsburg), Svenja Huth (1. FFC Frankfurt), Nadine Keßler (VfL Wolfsburg), Simone Laudehr (1. FFC Frankfurt), Melanie Leupolz (SC Freiburg), Isabelle Linden (Bayer Leverkusen) )

    Angriff: Lena Lotzen (Bayern München), Dzsenifer Marozsan (1. FFC Frankfurt), Anja Mittag (FC Malmö), Celia Okoyino da Mbabi (SC 07 Bad Neuenahr)
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