Interview mit Thomas Doll: "Nur Bayern ist besser als wir"

Der heimliche Star beim Hamburger SV ist der Coach. Thomas Doll gelang das Kunststück, den Bundesligisten vom Tabellenkeller ins obere Drittel zu hieven. Mit SPIEGEL ONLINE spricht der 38-Jährige über schlechte Erfahrungen mit Trainern, seinen Schlüsselspieler Sergej Barbarez und internationale Ambitionen.

SPIEGEL ONLINE:

Glückwunsch, Herr Doll! Sie haben den HSV schon zum zweiten Mal gerettet. 1991 finanziell, als Sie für 17 Millionen Mark Ablöse zu Lazio Rom wechselten. Jetzt haben Sie den Verein vom letzten Tabellenplatz nach oben geholt. Was haben Sie, was Ihr Vorgänger Klaus Topmöller nicht hatte?

Doll: Über einen Mann wie Toppmöller, der so viel Erfolg hatte, auch nur einen Satz zu verlieren - im Positiven oder im Negativen - steht mir nicht zu. Manchmal muss sich eine Mannschaft im Laufe der Saison erst finden. Wir haben viele neue ausländische Spieler bekommen. Da steht Kommunikation an erster Stelle. Man muss aufeinander zugehen und sich respektieren. Das braucht Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Was fehlt dem Hamburger SV noch, um ganz oben mitzuspielen?

Doll: Wir müssen cleverer werden und lernen, in den entscheidenden Momenten konsequenter zu sein. Wir haben mehrmals 2:0 geführt und uns dann zurückgezogen. Stattdessen hätten wir das 3:0 machen müssen. Ansonsten können wir mit jeder Mannschaft mithalten - außer mit Bayern München. Eine Spitzenmannschaft steht auf Platz eins bis fünf - und da stehen wir nicht, noch nicht. Also sind wir auch kein Topteam.

HSV-Star Sergej Barbarez: Chef ohne Kaptänsbinde
DDP

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SPIEGEL ONLINE: Der HSV steht auf Rang sieben, einen Punkt vom Uefa-Cup-Platz und drei Zähler von der Champions-League-Qualifikation entfernt. Was erwarten Sie von Ihrer Mannschaft?

Doll: Die Champions League ist für mich aktuell weder Ziel noch Thema. Der Uefa-Cup aber schon. Es klingt zwar abgedroschen - aber abgerechnet wird am 21. Mai. Wir wollen auf jeden Fall besser abschneiden als im vergangenen Jahr und uns für den internationalen Fußball qualifizieren.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt bescheiden. In Hamburg wird man sich aber damit auf Dauer nicht zufrieden geben.

Doll: Ich möchte mit dem HSV wieder über Jahre hinweg zur Spitze Deutschlands gehören. Hamburg ist eine Weltstadt. Wir haben also ein ganz tolles Umfeld. Mein Ziel ist es, jedes Jahr international zu spielen und italienische, englische und spanische Clubs in Hamburg zu sehen. Die Zuschauer lechzen danach.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie bitte den HSV-Fans erklären, wieso Sie einen erfolgreichen Stürmer wie den Argentinier Bernardo Romeo abgegeben haben und lieber auf den Japaner Naohiro Takahara setzen?

Naohiro Takahara: "Passt besser zum HSV als Romeo"
DPA

Naohiro Takahara: "Passt besser zum HSV als Romeo"

Doll: Bernardo passte einfach nicht in unser System, er ist ein reiner Strafraumspieler. Wir haben keine Außenstürmer, die ihm die Bälle von links und rechts zuschießen. Für mich ist es schon wichtig, dass ich mein System nach den Spielern ausrichte - aber das hat mit Bernado eben nicht funktioniert. Takahara passt besser zu uns. Er arbeitet sehr viel und ist sehr laufstark.

SPIEGEL ONLINE: Sergej Barbarez ist die Personifikation des Hamburger Aufschwungs. Unter Toppmöller waren seine Leistungen ungenügend, nachdem er offenbar beleidigt war, dass er nicht zum Kapitän ernannt wurde. Haben Sie ihm gut zugeredet?

Doll: Sergej ist ein Spaßfußballer, der nicht geführt werden muss, weil er selbst eine starke Persönlichkeit hat. Er fühlt sich einfach wohl im neuen Spielsystem, das offensiv und mutig ausgerichtet ist. Das kommt seinem Stil zugute. Wenn ein Fußballer eine gewisse Klasse besitzt, muss man natürlich auch versuchen, diese im Team zu fördern. Aber Sergej muss nicht erst die Kapitänsbinde tragen, um eine Führungspersönlichkeit zu sein. Ich glaube, das hat er eingesehen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Perspektive hat der Langzeitverletzte Benjamin Lauth? Eher HSV-Einwechselspieler oder WM-Teilnehmer 2006?

Thomas Doll: "Beim 2:0 noch nachlegen"
DDP

Thomas Doll: "Beim 2:0 noch nachlegen"

Doll: Er hatte zwei ganz schwere Verletzungen und hat sich jetzt sensationell wieder zurückgemeldet. Das war ja wie im Märchen, wie er als Einwechselspieler drei Tore geschossen hat. Dass er mit dem Nationalteam in Verbindung gebracht wird, ist ganz normal. Aber man sollte nicht den zweiten Schritt vorm ersten machen. Er muss jetzt erstmal Kraft tanken und Stammspieler beim HSV werden.

SPIEGEL ONLINE: Neben dem Bielefelder Uwe Rapolder und dem Mainzer Jürgen Klopp werden Sie zur neuen Trainergeneration gezählt. Was zeichnet Sie aus?

Doll: Man sieht an diesen Beispielen, dass auch junge Trainer ihren Weg gehen können. Das ist wie bei den Spielern - da geht man ja auch nicht nach alt oder jung, sondern nach Leistung. Mir persönlich ist vor allem Kommunikation wichtig. Wenn ich an meine aktive Zeit denke, war die Tür beim Trainer oft zu. Da war nichts mit Austausch. Ich versuche Begeisterung rüberzubringen, positives Denken zu vermitteln und auch mal eingefahrene Abläufe zu ändern, zum Beispiel im Training - dass man nicht jede Woche das gleiche macht.

Benjamin Lauth (r.) im DFB-Trikot: "Erstmal wieder Stammspieler werden"
DPA

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SPIEGEL ONLINE: Vor einer Woche wurde dem HSV als Entschädigung für die manipulierte 2:4-Niederlage im DFB-Pokal gegen Paderborn eine finanzielle Entschädigung in Höhe von zwei Millionen Euro zugesagt. Sind Sie mit diesem Ergebnis zufrieden?

Doll: Es ist uns zwar ein sportliches Highlight entgangen und vielleicht wären wir ja sogar am 28. Mai in Berlin im Finale aufgelaufen. Aber wir können damit sehr gut leben. Es wäre außerdem sehr schwer gewesen, wieder in den Wettbewerb reinzukommen, und den anderen beteiligten Mannschaften gegenüber nicht fair. Ich freue mich auch über das vom DFB zugesagte Länderspiel in der AOL-Arena.

Das Interview führte Michael Lieb

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