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Interview zum Fifa-Geburtstag: "Der Fußball hat sich völlig prostituiert"

Der Fußballweltverband feiert seinen 100-jährigen Geburtstag. Für David A. Yallop, Autor des Buches "Wie das Spiel verloren ging", kein Grund zur Freude. Der Engländer hält die Organisation für korrupt. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht Yallop über Fifa-Boss Blatter, Superstar Beckham, fette Funktionäre und heiße Hotpants.

SPIEGEL ONLINE: Herr Yallop, die Fifa zelebriert ihr hundertjähriges Jubiläum. Feiern Sie mit?

David Yallop: Nein, warum sollte ich? Wir erleben, dass sich das Spiel völlig prostituiert hat. Marketing ist alles, Können nichts. Wir erleben, wie etwa Real Madrid daran denkt, David Beckham wieder nach England zu verkaufen, weil das Geschäft mit den T-Shirts im fernen Osten abgeerntet ist. Das hat doch alles gar nichts mit Fußball zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Fifa-Boss Joseph Blatter wurde gerade von Frankreichs Staatspräsident Jaques Chirac zum Ritter der Ehrenlegion ernannt, weil er es verstanden hätte, die "menschlichen Dimensionen des Spiels" am Leben zu erhalten.

Yallop: In Blatter haben wir einen Mann, der sich 1998, wie ich in meinem Buch belegt habe, mit dem Kauf von 22 Stimmen zum Fifa-Präsidenten wählen ließ. Pro Stimme 50.000 Dollar.

SPIEGEL ONLINE: Blatter ist gegen ihr Buch "How they stole the game" gerichtlich vorgegangen.

Yallop: In einer ganzen Reihe von Ländern hat er das gemacht. Das einzige Land, in dem er Erfolg hatte, war, raten Sie mal, die Schweiz - wo Blatter lebt.

SPIEGEL ONLINE: Blatter behauptet, er habe vom Stimmenkauf nichts gewusst.

Yallop: Dann ist er ein sehr glücklicher Mensch, dass es jemanden gibt, der sich so um ihn sorgt und ihm ganz uneigennützig hilft.

SPIEGEL ONLINE: Blatter sagt, das Spiel trage heute wesentlich zur Völkerverständigung bei.

Yallop: Na ja, er sagt solche Sachen. Das Problem bei Blatter ist, dass er jeden Tag 50 Ideen hat, von denen 51 nichts taugen.

SPIEGEL ONLINE: Lassen Sie uns über die 52. Idee reden, die Rückpassregel, die das Defensivgeschiebe weitgehend abgeschafft hat - eine gute Sache.

Fifa-Präsident Blatter (nach seiner Wiederwahl 2002 mit Tochter und Enkelin): "Pro Stimme 50.000 Dollar"
REUTERS

Fifa-Präsident Blatter (nach seiner Wiederwahl 2002 mit Tochter und Enkelin): "Pro Stimme 50.000 Dollar"

Yallop: Ohne Zweifel. Auch die Ersatzbälle, die gleich zur Verfügung sind. Ich bezweifle aber, dass das nun Blatter-Ideen sind. Der wollte das Spiel sexy machen, bei Frauenfußball denkt er nur an Spielerinnen in Hotpants.

SPIEGEL ONLINE: Der Frauenfußball hat sich enorm entwickelt in den vergangenen Jahren.

Yallop: Dennoch bleibt die Fifa eine chauvinistische Veranstaltung. Die Mitglieder: Männer, das Exekutivkomitee: Männer. Das Spiel wird kontrolliert von alten, hässlichen, übergewichtigen Männern.

SPIEGEL ONLINE: Die Superstars sind männliche Sexbomben wie David Beckham, der gerade in der National Portrait Gallery in London im Bett gezeigt wird. Früher träumten kleine Jungens von ihren Idolen auf dem Platz. Heute ist Fußball ein feuchter Frauentraum geworden. Wie sehen Sie das?

Yallop: Wir hatten Helden, heute gibt es nur noch Sexsymbole, Popstars, auf dem Rasen und außerhalb. Eher außerhalb. Diese Welt steckt in fürchterlichen Problemen, mit dem Irak-Krieg, den steigenden Ölpreisen etc., und die Zeitungen berichten darüber, dass Posh Beckham nun doch nach Spanien ziehen will und alle rufen: Hallelujah, was kümmert uns da der Krieg!

SPIEGEL ONLINE: Auf Blatters Art ist Fußball Politik. Sie schreiben, dass Tony Blair damals, aus taktischen Gründen, dessen Kandidatur unterstützt habe ...

Yallop: ... weil er sich damit etwas für eine mögliche WM in England versprach. Interessant dabei ist, dass der damalige Fifa-Präsident Joao Havelange, wie er mir anvertraute, eine gemeinsame WM England-Deutschland angeregt habe. Blair sagte damals, das würde er noch nicht mal diskutieren.

SPIEGEL ONLINE: Da können Sie sehen, was für ein großer Europäer er ist.

Yallop: Na ja, das wäre wahrscheinlich wirklich keine gute Idee gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Die Fifa, der heute weit über 200 Landesverbände angehören, wurde 1904 von sieben europäischen Ländern gegründet. England war nicht dabei und hat sich erst später für einen Beitritt entschieden.

Yallop: Das war für uns eine Art erstes Europa-Referendum, und wir haben es tüchtig vermasselt - in den vergangenen hundert Jahren hat sich nicht viel geändert! Ich meine, jedes Land hat seinen Nationalismus, aber die Briten haben ihn zur Kunst entwickelt.

SPIEGEL ONLINE: Fußball war immer eine politische, auch nationalistische Sache.

Yallop: Sicher, und die Fifa hat da mitgespielt. Zum Beispiel die Vergabe der WM 1934 ans faschistische Italien. Oder 1978 an das Argentinien der Junta. Sport lässt sich immer wunderbar ausbeuten. Heute ist Fußball eine Ersatzreligion. In den vorigen Jahrzehnten, das lässt sich sagen, ist das Christentum als dominierende Religion durch den Fußball abgelöst worden ist. Heute gucken mehr Menschen Fußball als sonntags in die Kirche gehen.

SPIEGEL ONLINE: Lieben Sie Fußball?

Popkicker Beckham: "Enorm überschätzt"
REUTERS

Popkicker Beckham: "Enorm überschätzt"

Yallop: Natürlich, es ist ein wundervolles Drama, das da von 22 Spielern aufgeführt wird, und anders als bei Shakespeare weiß man nicht, wie es ausgeht. Nehmen Sie das Finale 1966 zwischen England und Deutschland ...

SPIEGEL ONLINE: ... lieber nicht, aber wir haben England vergeben.

Yallop: Ihr habt ein so großes Herz ...

SPIEGEL ONLINE: ... weil wir in den folgenden Jahrzehnten regelmäßig gewonnen haben.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie mit der englischen Auswahl zur EM zufrieden?

Yallop: Defoe von Tottenham sollte spielen, Heskey, unser Mittelstürmer dagegen... da habe ich Bäume gesehen, die schneller sind als er. Die Neville-Brüder? Die würde ich noch nicht mal als Kellner beschäftigen. Owen hat Bänderprobleme. Und Beckham ist enorm überschätzt. Er ist sicher einer der besten, wenn es darum geht, einen ruhenden Ball zu treten. Aber das passiert selten. Das ist bei uns anders als beim American Football, wenn der Spezialist nur für Freistöße aufs Feld kommt, Lampard von Chelsea ist viel, viel besser.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie vom englischen Nationaltrainer Sven-Göran Eriksson?

Yallop: Er hat aus wenig Talent unglaublich viel gemacht. Nur, wenn jetzt dieser Hype kommt, glaube ich, dass wir Glück haben, wenn wir ins Halbfinale kommen.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird Deutschland abschneiden?

Yallop: Ihr werdet uns wieder schlagen.

Die Fragen stellte Matthias Matussek

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ZUR PERSON
David A. Yallop, Jahrgang 1937, ist einer der erfolgreichsten und renommiertesten Enthüllungsautoren Englands. Der Schreiber hat zahlreiche Sachbücher verfasst. Zu einem Bestseller wurde sein Buch „Die Verschwörung der Lügner“ (1993, Droemer Knaur) über den Terroristen Carlos. Sein Werk „Im Namen Gottes?“ (1984, Droemer Knaur) handelt vom mysteriösen Tod Papst Johannes Paul I., der nur 33 Tage im Amt war. Das Erscheinen des Buches „How they stole the game“ („Wie das Spiel verloren ging“, Econ Verlag) im Jahre 1998 versuchte die Fifa gerichtlich zu unterbinden – mit geringem Erfolg: In den meisten Ländern durfte das Buch erscheinen. Das WM-Finale 1970 in Mexiko zwischen Brasilien und Italien hält Yallop für das schönste Spiel aller Zeiten. "Das war ein Meisterwerk, das 'Citizen Kane" des Fußballs."
Cover des Yallop-Buches

Cover des Yallop-Buches



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