Interview zum WM-Plakat "Kosmischer Pass ins Nirwana"

Nach der deftigen Kritik am Logo gibt es nun auch eine Kontroverse um das Plakat, mit dem sich Deutschland bei der Fußball-WM 2006 präsentieren will. Klaus Hesse ist peinlich berührt. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der Designprofessor von einem weiteren Eigentor der Organisatoren.


Gestalter Hesse: "Vor allem eine sehr abgenutzte Idee"

Gestalter Hesse: "Vor allem eine sehr abgenutzte Idee"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Professor Hesse, nach der Präsentation des WM-Logos sprachen Sie von einem ersten Eigentor. Liegt Deutschland nach der Poster-Entscheidung seit gestern 0:2 zurück?

Hesse: Zumindest was das Erscheinungsbild Deutschlands in der Welt angeht, ja. Die Städte und Stadien werden in Zukunft mit dem Poster oder dem Logo asphaltiert werden. Die Fernsehtrailer müssen mit diesem Material bestückt werden. Nach jedem Tor wird uns wahrscheinlich einer von den fröhlichen Logodeppen auslachen. Man weiß nicht, ob man mitlachen soll oder weinen.

SPIEGEL ONLINE: Was genau kritisieren Sie denn an dem blauen Plakat mit den Sternen?

Hesse: Es ist vor allem eine sehr abgenutzte Idee, dass sich irgendetwas im Sternenhimmel abzeichnet. Nicht nur der Große Wagen, sondern auch Automarken und ähnliches - man hat das alles schon mal gesehen, dass durch Sternenkonstellationen Zeichen transportiert werden. Und warum dieser kosmische Pass ins Nirwana? Muss das alles so riesig und gigantisch sein? Diesen Gedanken finde ich zumindest sehr unsympathisch. Die Idee müsste menschlicher sein, näher am Fußball und nicht derart austauschbar.

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WM-Poster: Die neun von der Auswechselbank

SPIEGEL ONLINE: "Vorfreude und Feststimmung sind gefühlsmäßige Zustände, die weder beschrieben noch analysiert werden können. [...] Alle Beiträge werden danach beurteilt, ob sie diese Gesamtstimmung nicht nur wiedergeben, sondern aktiv dazu beitragen" heißt es in der Ausschreibung für das WM-Poster. Hat der Sieger die Vorgaben erfüllt?

Hesse: Partiell gesehen, ja. Festlich wirkt es irgendwie, aber es gibt wesentlich originellere Methoden, dies zum Ausdruck zu bringen. Der Begriff "Festival" hätte mir im Übrigen auch besser gefallen. Das Briefing macht bereits einen hilflosen Eindruck. Freude kommt überhaupt nicht rüber, von daher ist die Checkliste da nicht ganz erfüllt. Die geforderte Atmosphäre ist doch selbstverständlich. Wenn ein so großer Event wie die WM ansteht, darf es kein Trauerspiel sein. Es muss Spaß machen, und deshalb ist es wichtig, das Wesentliche in den Mittelpunkt zu stellen.

SPIEGEL ONLINE: Konkreter bitte.

Hesse: Es geht um Fußballemotion pur. Einen Fußball sehe ich, aber von Emotion keine Spur.

SPIEGEL ONLINE: Mit den "11 Designern", einem Zusammenschluss von Designbüros, haben Sie sich für eine Neuausschreibung des WM-Logos stark gemacht. Nicht sehr erfolgreich...

Hesse: ... die Initiative ist dem Organisationskomitee bekannt und hat neben den Enthüllungen der Süddeutschen Zeitung wahrscheinlich auch ein wenig zur Umstrukturierung innerhalb des OK beigetragen. Vorher lag die Verantwortung für den Kulturetat allein beim OK, aber Innenminister Otto Schily hat mittlerweile dafür gesorgt, dass das Ministerium ein entscheidendes Mitspracherecht darüber besitzt, wie das Geld verteilt wird. Und möglicherweise hat unsere Initiative vielleicht auch dazu geführt, dass es zu dieser öffentlichen Ausschreibung für das WM-Poster erst kommen konnte inklusive der Volksabstimmung. So als nachgelegtes Feigenblatt. Im Fall des WM-Logos hatte das OK noch befreundete, geschäftlich miteinander verbandelte Firmen beauftragt - ohne Ausschreibung. Wobei ich nicht der Meinung bin, dass solche Aufgaben grundsätzlich öffentlich ausgeschrieben werden müssen. Aber das Ergebnis muss stimmen und das hat es leider nicht.

SPIEGEL ONLINE: Es sind ja lediglich fünf Plakate zur Wahl gestellt worden...

Hesse: ... daran ist nichts auszusetzen. Eine Jury musste es geben. Leider ist nicht zu sehen, dass die Fachjuoren sogar in der Mehrheit waren. Entweder gab es eine ungeschickte Vorauswahl oder das Level der eingesandten Arbeiten war einfach nicht höher. Dann ist auch die beste Jury machtlos. Bedenklich finde ich auch, dass trotz des fantastischen Preisgeldes von 50.000 Euro nur 900 Arbeiten den Weg zum DFB gefunden haben. Leider nehmen viele anerkannte Grafikdesigner solch einen Wettbewerb nicht ernst. Der DFB hat sich in Sachen Kultur noch nicht mit Ruhm bekleckert und erscheint wenig vertrauenswürdig. Und viele können sich auch einfach nicht für Fußball begeistern. Bei Andre Heller scheint das ja auch nicht anders zu sein. Mit Naserümpfen kommt man bei diesem Thema nicht weiter.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie eigentlich schon im Fußball-Globus, dem Prestigeprojekt des WM-Kulturbeauftragten?

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DDP

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Hesse: Nein, ich habe nur von einem geschätzten Kollegen, der für das informative Innenleben des Globus zuständig war, ein paar Sachen gesehen. Das machte alles einen sehr beeindruckenden, interaktiven und elektronischen Eindruck. Enttäuscht war ich über das Symbol. Eine übergroße Fußballweltkugel in die City zu stellen finde ich äußerst harmlos, einfach schwach. Und wenn man die Interviews mit Andre Heller liest, merkt man auch, dass da jemand beauftragt wurde, der überhaupt keine Beziehung dazu hat. Der mit einer relativ starken Distanz oder fast Abneigung an das Thema ran geht. Ich kann noch keine fruchtbare Reibung zwischen Fußball und Kunst entdecken. Aber vielleicht kommt das noch. Auf jeden Fall liegt dort der Schlüssel für etwas wirklich Neues und Innovatives. Im Moment sehe ich nur Kitsch, aber das ist ja auch Kultur.

SPIEGEL ONLINE: Demnächst kommt auch noch das WM-Maskottchen. Haben Sie schon Angst?

Hesse: Nein, es kann nur besser werden.

Die Fragen stellte Christian Gödecke

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