Weibliche Fußballfans in der Islamischen Republik Wie Irans Frauen dem Stadionverbot trotzen

Wenn in sieben Wochen die Fußball-WM beginnt, wird Iran das einzige Teilnehmerland sein, in dem Frauen nicht ins Stadion dürfen. Doch ein kleines Dorf widersetzt sich dem Verbot.

Fußballfan mit iranischer Flagge
AP/dpa

Fußballfan mit iranischer Flagge

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Shahidjan ist ein kleines Dorf, tief im Süden Irans, mit nur etwas mehr als 200 Einwohnern. Und doch ist dieses Kaff in der Provinz Buschehr in einem Punkt weiter als der Rest des Landes: Wenn die Dorfmannschaft auf dem staubigen Fußballplatz am Ortsrand einmal im Jahr ein Fußballturnier ausrichtet, dürfen die Frauen des Dorfs zuschauen. Und das nicht erst seit kurzem, sondern schon seit mehr als zehn Jahren.

Anfang April berichtete die iranische Tageszeitung "Sobhe No" erstmals über Shahidjan. Und seither ist das Dorf landesweit bekannt. Denn Shahidjan widersetzt sich damit einem seit 1981 geltenden Verbot: Die schiitischen Geistlichen, die seit der islamischen Revolution von 1979 Religion, Politik und Gesellschaft in Iran dominieren haben es Frauen verboten, Fußballspiele von Herrenteams im Stadion anzuschauen. Die Iranerinnen sollten dadurch von der maskulinen Atmosphäre auf den Tribünen geschützt werden, heißt es zur Begründung.

In Shahidjan sieht man das anders: "Wenn alle, die jetzt noch die Anwesenheit von Frauen in den Stadien ablehnen, unsere Turniere besuchten, würden sie ihre Meinung ganz schnell ändern", sagt Ali Amrani, der ehemalige Dorfvorsteher, der die Spiele in Shahidjan organisiert. Auf dem Lande arbeiteten Männer und Frauen gemeinsam auf den Feldern - also sollten sie auch gemeinsam Fußball schauen dürfen, sagt Amrani.

Das Dorf macht auch kein Geheimnis daraus, dass Frauen hier vom Spielfeldrand zuschauen dürfen. Offizielle Vertreter der Provinz Buschehr hätten schon mehrfach Spiele in Shahidjan besucht und keinen Anstoß genommen, erzählt Amrani.

In der Hauptstadt Teheran sieht das ganz anders aus. Diese Erfahrung muss auch Shohreh Mousavi machen. Die 51-Jährige ist seit vergangenem Jahr Chefin des Zweitligisten FC Baadran Teheran. Damit ist sie die einzige Frau, die in Iran an der Spitze eines Fußballclubs steht. Aber das Stadionverbot gilt auch für sie. Zwar hat man für Mousavi im VIP-Bereich des Kargar-Stadions einen eigenen Bereich für sie geschaffen, der mit dunklen Scheiben abgetrennt ist - aber das reicht nicht. "Ich wurde mehrmals von Sicherheitsbeamten aus unserem eigenen Stadion herausgeschmissen", sagte Mousavi der iranischen Nachrichtenagentur Isna.

Als im Dezember im Achtelfinale des iranischen Pokals Persepolis Teheran, der beliebteste Verein des Landes, zu Gast war, wollte Mousavi das Spiel unbedingt live im Stadion verfolgen. Daraus wurde nichts. "Ich durfte nicht ins Stadion", sagt Mousavi. Ihre Mannschaft unterlag dem Favoriten damals 1:2.

Wenn selbst Vereinspräsidentinnen nicht ins Stadion gelassen werden, müssen weibliche Fußballfans in Iran erfinderisch werden. Manche verkleiden sich als Männer, um Polizisten und Ordnungskräfte zu überlisten. Eine von ihnen ist Zahra Khoshnavaz. Mehrfach hat sie sich schon einen falschen Bart angeklebt und ist so ins Stadion gelangt. Fotos und Videos davon postet sie bei Instagram.

Auch beim vom deutschen Trainer Winfried Schäfer trainierten Lokalrivalen Esteghlal Teheran mogelte sich Ende Januar eine Frau mit falschem Bart ins Stadion.

Am 1. März besuchte Fifa-Präsident Gianni Infantino das Teheraner Lokalderby zwischen Persepolis und Esteghlal. Mehrere Frauen, die ins Stadion gelangen wollten, wurden festgenommen. Vor einem Stadion, das ironischerweise "Azadi", zu Deutsch: "Freiheit", heißt. Vom Fifa-Chef war damals kein kritisches Wort zu hören - weder generell zum Stadionverbot, noch zu den Festnahmen.

In sieben Wochen beginnt die Fußball-WM in Russland. Iran wird dann das einzige Teilnehmerland sein, in dem Frauen nicht ins Stadion dürfen. Saudi-Arabien, der geopolitische Erzrivale auf der anderen Seite des Persischen Golfs, hat Anfang dieses Jahres erstmals Frauen ins Fußballstadion gelassen. Damit zeigt sich das strengreligiöse Königreich, auf das viele Iraner wegen des Fahrverbots für Frauen oder dem Verbot von Kinos verächtlich herabblicken, in einem wichtigen gesellschaftspolitischen Punkt inzwischen fortschrittlicher als Iran.

Die Hoffnung, dass sich daran etwas ändert, ist nicht sehr groß. Seit Jahrzehnten berichten iranische Zeitungen immer mal wieder von Überlegungen, das Stadionverbot für Frauen aufzuheben. Passiert ist nichts. Im Gegenteil: Seit 2012 sind auch Volleyballspiele für Iranerinnen tabu. Anders als die Fifa zog der Volleyballweltverband FIVB immerhin Konsequenzen. Er entzog Iran die Ausrichtung der U-19-WM 2015. So lange Frauen nicht in die Volleyballhallen dürfen, werden keine internationalen Turniere in der Islamischen Republik stattfinden. Die Fifa lässt diese Konsequenz vermissen.



insgesamt 3 Beiträge
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Draw2001 28.04.2018
1. Tja, dann ab ins 14. Jahrhundert...
Also hat Iran ein Problem bei der männlichen Bevölkerung. Aus meiner Sicht ist das ein Machtspiel der Männer. Was sind das wohl für “männliche“ Waschlappen, die es nicht schaffen, Gleichberechtigung in ihrem Land herzustellen.
hansfrans79 28.04.2018
2.
Zitat von Draw2001Also hat Iran ein Problem bei der männlichen Bevölkerung. Aus meiner Sicht ist das ein Machtspiel der Männer. Was sind das wohl für “männliche“ Waschlappen, die es nicht schaffen, Gleichberechtigung in ihrem Land herzustellen.
Bevor wir kollektiv die Männer anderer Länder beleidigen, sollten wir vielleicht auch unsere Gleichberechtigungs-Hausaufgaben erledigen.
nwz86 28.04.2018
3.
Zitat von Draw2001Also hat Iran ein Problem bei der männlichen Bevölkerung. Aus meiner Sicht ist das ein Machtspiel der Männer. Was sind das wohl für “männliche“ Waschlappen, die es nicht schaffen, Gleichberechtigung in ihrem Land herzustellen.
Wie sollen sie das tun, wenn es die Religions-Junta massiv unterdrückt? Für die geht es dabei um die Wurst -- die ganzen sinnlosen Schikanen, die diese Religion ihren Anhängern aufbürdet, werden doch nur ertragen, weil Mann im Gegenzug dafür die Herrschaft über die Frauen gesichert bekommt. Fällt das weg, steht der Islam nackt da.
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