Deutschland-Gegner im Ramadan: Algerien streitet über Fastenpflicht bei der WM

Von

Deutschland-Gegner Algerien: Fünf Torschützen, ein grimmiger Trainer Fotos
Getty Images

An diesem Wochenende beginnt der muslimische Fastenmonat Ramadan. Eine enorme Herausforderung für Deutschlands WM-Gegner Algerien: Dürfen die Spieler vor dem Match essen und trinken? DFB-Star Mesut Özil hat sich entschieden.

Ein Reizwort genügte, um Vahid Halilhodzic die Freude über den größten Triumph der jüngeren afrikanischen Fußballgeschichte zu vermiesen: Ramadan. Als algerische Journalisten ihren Nationaltrainer nach dem sensationellen Achtelfinaleinzug bei der WM auf die Folgen des islamischen Fastenmonats für sein Team ansprachen, verdüsterte sich Halilhodzics Miene. "Wir reden nicht über Religion und Politik, ist das klar?", blaffte der Bosnier. "Ich bin nicht hier, um über Islam oder etwas zu sprechen."

In Algerien sprechen in diesen Tagen dagegen sehr viele Menschen über das eine Thema: Was macht die Fußballnationalmannschaft im Ramadan?

Am diesem Wochenende beginnt für 1,6 Milliarden Muslime weltweit der Fastenmonat. Vom Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang dürfen Gläubige noch 29 Tage lang nichts essen und nichts trinken, so verlangt es der Koran. Fasten ist eine der obersten fünf religiösen Pflichten, und in Algerien, wo der Islam Staatsreligion ist, werden überführte Fastenbrecher schon mal mit Gefängnis bestraft. Zugleich aber sieht das Heilige Buch auch Ausnahmen vor. Daher diskutieren nun die Algerier über die Frage: Sollen die "Fennecs" ("Wüstenfüchse") den Ramadan einhalten? Und: Was ist mit anderen muslimischen Kickern wie Deutschlands Mesut Özil oder Frankreichs Karim Benzema?

"Gott ist mit den Fastenden"

Das Achtelfinale gegen Deutschland am Montag könnte für die Algerier kaum ungünstiger liegen. Anpfiff in Porto Alegre ist um 17 Uhr - etwa elf Stunden nach der Morgendämmerung. So lange müssten die Spieler ohne Nahrung auskommen - und ohne einen einzigen Tropfen Wasser. Essen und trinken dürften die muslimischen Kicker erst wieder um 17.30 Uhr. Andererseits heißt es im Koran aber auch: Wer sich auf einer Reise befinde, der solle später eine gleiche Anzahl von anderen Tagen fasten.

Über die Interpretation sind sich Algeriens Religionsführer uneins. Mitglieder des Hohen Islamrats (HCI) sagten der Zeitung "al-Schuruk", den Fußballspielern sei auf ihrer Brasilien-Reise das Fastenbrechen gestattet. Im selben Blatt aber entgegnete Scheich Mohammed Mekerkeb von der Vereinigung der Ulama (Rechtsgelehrten): "Es ist nicht erlaubt, das Fasten zu brechen. Gott ist mit den Fastenden." Und auch Dschellul Hadschimi, Generalsekretär des Koordinationsrats der Imame, rät den Kickern, das Fasten einzuhalten. Laut italienischen Medien hat er die Fifa aufgefordert, das Achtelfinale in die Nacht zu verlegen.

Fotostrecke

9  Bilder
Algeriens Duell mit Deutschland: Die Rache der "Wüstenfüchse"
Ein Funktionär des Weltverbands sagte, es gebe keinen Anlass zur Sorge. "Wir haben umfangreiche Untersuchungen über Spieler während des Ramadan gemacht. Wenn der Ramadan adäquat befolgt wird, gibt es keine Abschwächung der physischen Leistung von Spielern." Markus de Marées sieht dies anders: "Es ist mehr als sehr unwahrscheinlich, eine 90-minütige Belastung innerhalb einer zwölfstündigen Fastenperiode bei 30 Grad Celsius und einer Luftfeuchtigkeit von über 80 Prozent ohne Leistungseinbuße - wenn überhaupt - ohne gesundheitliche Schäden zu absolvieren", sagte der Leiter des Bereichs Leistungsphysiologie an der Deutschen Sporthochschule in Köln dem Sportinformationsdienst sid.

In Algerien werden böse Erinnerungen an die WM 1982 wach. Damals begann kurz nach dem 2:1-Sieg gegen Deutschland der Ramadan. Im letzten Vorrundenspiel gegen Chile brachen die fastenden "Fennecs" nach einer 3:0-Führung ein, kassierten zwei Gegentreffer und vermiesten sich so das Torverhältnis. Tags darauf besiegte Deutschland im Skandalspiel von Gijón die Österreicher passgenau 1:0, die Nordafrikaner schieden wegen der Tordifferenz aus. Vergessen hat das dort niemand.

Was sagt der DFB?

Auch 2014 sind viele algerische Spieler sehr religiös. Ein Imam ist mit im Tross. Den Führungstreffer gegen Belgien feierten Torschütze Sofiane Feghouli und vier Mitstreiter per Kurzgebet auf dem Rasen. "Ich entscheide nach meiner körperlichen Verfassung, aber ich glaube, ich werde es machen", sagt Abwehrspieler Madjid Bougherra. Teamkollegen äußerten sich bisher nicht zur heiklen Frage.

Die Muslime im deutschen Trikot werden nicht fasten. "Ich kann da leider nicht mitmachen, weil ich arbeite", sagt Mesut Özil. "Das kommt für mich leider nicht infrage." Der Deutsch-Tunesier Sami Khedira hat bereits vor Jahren erklärt, er brauche Nahrung und Flüssigkeit, um 100 Prozent Leistung geben zu können. Shkodran Mustafi hat sich bislang ebenso wenig geäußert wie Frankreichs Star Karim Benzema; der Belgier Nacer Chadli will das Fasten später nachholen.

Der DFB erklärt auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE: "Seit 2010 besteht für muslimische Profis die Möglichkeit, angesichts der intensiven Belastung das reduzierte und reglementierte Essen und Trinken im Ramadan zu einem anderen Zeitpunkt nachzuholen." Man stütze sich auf ein religionswissenschaftliches Gutachten, das "unter Mitarbeit des Zentralrats des Muslime in Deutschland" umgesetzt werde.

Rückendeckung erhalten Özil und Co. von der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (DITIB), der mitgliederstärksten islamischen Vereinigung in Deutschland. "Allah sagt, dass Menschen, die auf Reisen sind, auf das Fasten verzichten und es später nachholen können", erklärt Bekir Alboa, Beauftragter der DITIB für interreligiösen Dialog im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE: "Religion ist nicht nur Frömmigkeit. Wir haben auch Verständnis für die Lage der Menschen."

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 55 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. TLDR, während bei SPON dies zu einer ganzen Seite aufgebläht wird
stranzjoseffrauss 28.06.2014
ist man beim DRadio schon bei der kurzen Zusammenfassunbg angekommen, dass Sportler im Ramadan von der Fastenpflicht ausgenommen sind.
2. Unfug
thomas.diemisere 28.06.2014
Für "Reisende" sieht der Koran Ausnahmen vor. Das hätte man durch einen kurzen Blick in die Wikipedia herausfinden können. Für die Zuschauer, die zu Hause das Spiel ansvhauen wird das halt eine "trockene " Angelegenheit. Aber einen Trost gibt es: Gott prüft den, den er liebt.
3. Falsch...
jseeger1956 28.06.2014
Es müssen 30 Tage gefastet werden. Nicht 29.
4.
jahrhausdylanm 28.06.2014
Das lustige ist das am Sonntag der Fastenmonat Ramadan beginnt und nicht Samstag. Dieser Artikel wurde wieder mal auf falschen Indizien verfasst.
5. Was soll's diese Quatsch?
megamekerer 28.06.2014
Mehr als 3/4 alle Muslime in Nahe Osten fasten nicht, sie Sportler sowieso nicht, ich glaube auch nicht dass Özil irgendwann sich Gedanken über das Fasten gemacht hat bevor man ihn die Frage gestellt hat! Was stellt ihr euch wie die Muslime leben? Denkt ihr wie die streng gläubige alte Katholiken auf dem Dorf, die jeden Tag die Kirche aufsuchen? Nein, 3/4 alle Muslime leben das Leben genauso wie die Europäer ohne irgendwelche Zwänge der Religion, und der Rest lebt genauso wie der Rest in Europa. Ich finde dieser Art zu denken dass die Muslime jetzt alle fasten und algerische Mannschaft mit leere Magen auf dem Feld kommt ist rückständig und Vorurteilshaft.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Fußball-News
RSS
alles zum Thema Fußball-WM 2014
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 55 Kommentare

Fotostrecke
Fußball-WM 2014: Von Maracanã bis Amazonas-Arena

Fotostrecke
Alle Fußball-Weltmeister: Fünfmal Brasilien, viermal Deutschland

Fußball-WM: Alle Gastgeber und Gewinner
Jahr Gastgeber Weltmeister
2022 Katar ???
2018 Russland ???
2014 Brasilien Deutschland
2010 Südafrika Spanien
2006 Deutschland Italien
2002 Japan und Südkorea Brasilien
1998 Frankreich Frankreich
1994 USA Brasilien
1990 Italien Deutschland
1986 Mexiko Argentinien
1982 Spanien Italien
1978 Argentinien Argentinien
1974 Deutschland Deutschland
1970 Mexiko Brasilien
1966 England England
1962 Chile Brasilien
1958 Schweden Brasilien
1954 Schweiz Deutschland
1950 Brasilien Uruguay
1938 Frankreich Italien
1934 Italien Italien
1930 Uruguay Uruguay
Fotostrecke
WM-Stars: Einmal kurz weltberühmt

Anzeige