Island vor dem Viertelfinale "Wir sind Gewinner, so oder so"

Dass sie so weit kommen, hätten sie nie gedacht. Doch nach dem Sieg über England trauen sich die Isländer alles zu. Unter den größten Fans: der Bürgermeister von Reykjavik mit seiner Familie.

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Aus Reykjavik berichtet


Einer der größten Fußballfans von Island sitzt in einem Ledersessel, er versinkt mit seinen sechs Jahren fast darin, und schaut gebannt auf den Bildschirm vor ihm. Dort läuft: Fußball. Allerdings nur ein virtuelles Match auf der Playstation, um die Zeit bis zum EM-Viertelfinale zu überbrücken.

Eggert, der jüngste Sohn des Bürgermeisters von Reykjavik, spielt Fußball, seit er vier Jahre alt ist. Sein großer Bruder ist nicht zu Hause, er steht gerade selbst für seinen Verein auf dem Platz. Die ganze Familie ist ziemlich fußballverrückt. Vater Dagur Eggertsson, 44, flippte beim Spiel Island gegen Österreich vor Freude aus und hüpfte wild durchs Wohnzimmer.

Im Video: Dagur Eggertsson im Siegestaumel

Baldur Kristjans

Jetzt gießt sich der Bürgermeister an seinem Küchentisch einen Kaffee ein und sinniert darüber, wie diese EM seine Landsleute verändert hat. Isländer seien eigentlich eher stille Menschen, sagt er. Doch dank des Fußballs umarmen sie plötzlich Fremde und rufen im Stadion aus tiefen Kehlen "Huh", als hätten sie es nie anders getan. "Wir entdecken eine neue Seite an uns selbst", sagt Dagur Eggertsson.

Im Video: Eggertsson über die neue Fußball-Begeisterung

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Es ist diese kindliche Begeisterung über ihren unerwarteten Siegeszug, die die Isländer zu Lieblingen dieser EM gemacht hat. Und ihre grenzenlose Zuversicht. "Wir schlagen Frankreich 2:1", sagt der Bürgermeister. "Wir gewinnen", sagt seine Frau. "2:1 für Island", sagt der sechsjährige Eggert.

Taxifahrer Atli Simonarson, 56, der draußen in der Stadt seine Runden dreht, glaubt ebenfalls ans 2:1 gegen Frankreich. "Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass wir es schaffen. Aber gegen England war es auch nicht wahrscheinlich. Also ist alles drin."

Am Ingolfstorg, einem Platz in der Innenstadt mit Public-Viewing-Leinwand, sitzen Kristin Jonsdottir und Lilja Palsdottir auf einer Treppenstufe. Die Freundinnen, beide 30, haben jedes EM-Spiel ihrer Mannschaft verfolgt. "Es ist wie ein Traum, der in Erfüllung geht", sagen sie. Wenn Island die Franzosen schlägt, wollen sie zum Halbfinale fliegen, koste es, was es wolle.

Der isländische EM-Erfolg ist auch so rührend, weil die Isländer keine Superstars anfeuern, sondern Freunde. Die beiden Frauen sind mit Innenverteidiger Ragnar Sigurdsson zur Schule gegangen. Der Bürgermeister spielte früher im selben Reykjaviker Verein wie Sigurdsson. "Es sind ganz normale Jungs, die hart gearbeitet haben und den Fußball lieben", sagt Lilja Palsdottir.

Wenn Island gewinnt, wird Bürgermeister Dagur Eggertsson wieder vor Freude durchdrehen, seine Urlaubspläne über den Haufen werfen und sich auf den Weg nach Frankreich machen, fürs Halbfinale. Wenn nicht? "Dann sind wir dankbar, dass wir so weit gekommen sind", sagt er.

Lilja Palsdottir und Kristin Jonsdottir wollen trotzdem tanzen, bis in die Morgenstunden: "Wir sind Gewinner, so oder so."

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