Italien nach Finaleinzug: "Unser größter Sieg"

Ganz Italien träumt vom EM-Titel: Zwei Jahre nach der WM-Blamage in Südafrika steht die "Squadra Azurra" in Polen und der Ukraine kurz vor dem großen Triumph. Nach dem Halbfinalsieg gegen Deutschland strotzt die Mannschaft vor dem Finale gegen Spanien nur so vor Selbstbewusstsein.

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Italienischer Nationalspieler Pirlo: Sieg gegen Deutschland

Hamburg - Maestro Andrea Pirlo war müde. Einige Schulterklopfer, ein paar Umarmungen, dann trottete der überragende Spieler der bisherigen EM nach dem 2:1 (2:0) im Halbfinale gegen Deutschland in die Kabine, als wäre nichts Besonderes passiert. Doch so abgeklärt der Spielmacher auch auftritt, in seiner Heimat wird er nun erst recht in den Himmel gehoben.

"Er ist ein Begnadeter. Er ist wie Mozart, der ein Requiem für die Deutschen komponiert", schrieb die "Gazzetta dello Sport": "Es fehlt nur noch, dass er Wasser in Wein verwandelt." Was auf den ersten Blick wie übertriebene Heldenverehrung anmutet, kam am Donnerstagabend in Warschau zumindest der Realität der Fußball-Fans sehr nahe.

"Das war unser bislang größter Sieg, gemessen an der Bedeutung des Spiels", sagte Italiens Coach Cesare Prandelli nach der Partie. Unter der Leitung Pirlos hat die "Squadra Azzurra", in der EM-Vorbereitung erschüttert von einem Wett- und Manipulationsskandal, wieder einmal allen Widrigkeiten getrotzt. Nur zwei Jahre nach der Blamage bei der WM in Südafrika ist sie nun drauf und dran, die Herrschaft der Spanier über die Fußball-Welt im EM-Endspiel am Sonntag (20.45 Uhr Liveticker SPIEGEL ONLINE) in Kiew zu beenden.

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Niederlage gegen Italien: Balotelli zerstört Deutschlands Träume
Die Erinnerungen an 2006 sind präsenter denn je

Was Prandellis Squadra Azzurra auszeichnet, musste die deutsche Mannschaft schmerzhaft erfahren. Der geniale Pirlo dirigierte unnachahmlich das Spiel des viermaligen Weltmeisters. Vor ihm hebelte Riccardo Montolivo mit Traumpässen immer wieder die deutsche Abwehr aus, im Angriff bereiteten Doppeltorschütze Mario Balotelli (20./36.) und Antonio Cassano den Innenverteidigern Holger Badstuber und Mats Hummels einen albtraumhaften Abend. "Die Italiener", stellte Hummels anerkennend fest, "hatten acht Leitwölfe auf dem Platz."

Spätestens der Sieg gegen Deutschland hat auch die Menschen in Italien überzeugt. Nach dem Finaleinzug feierten Zehntausende Tifosi auf den Straßen, die Medien überschlugen sich fast vor Lob. "Talent und Kraft, Italien versenkt die Deutschen", schrieb die Zeitung "Corriere della Sera" und stellte fest, die DFB-Auswahl habe "vor einer unerwartet starken Mannschaft kapituliert."

Die Erinnerungen an die WM 2006 sind nun präsenter denn je. Im Endspiel in Berlin standen fünf Italiener auf dem Platz, die als Spieler von Juventus Turin vom bis dahin größten Skandal der italienischen Fußballgeschichte betroffen waren. Am Ende holten sie im Elfmeterschießen (5:3) den Titel gegen Frankreich. Geht es nach dem Deutsch-Italiener Montolivo, wird das im Finale am Sonntag gegen Spanien ähnlich sein. "Die Chancen stehen 51:49 - für uns", sagte der Mittelfeldspieler des AC Florenz.

Deutschland - Italien 1:2 (0:2)
0:1 Balotelli (20.)
0:2 Balotelli (36.)
1:2 Özil (90.+2/Handelfmeter)
Deutschland: Neuer - J. Boateng (71. T. Müller), M. Hummels, Badstuber, Lahm - B. Schweinsteiger, S. Khedira - T. Kroos, Özil, Podolski (46. Reus) - Gomez (46. Klose Italien: Buffon - Balzaretti, Barzagli, Bonucci, Chiellini - Pirlo - Marchisio, Montolivo (64. T. Motta), De Rossi - Balotelli (70. Di Natale), Cassano (58. Diamanti) Schiedsrichter: Lannoy (Frankreich)
Zuschauer: 55.540
Gelbe Karten: M. Hummels - Bonucci, De Rossi, Balotelli, T. Motta

mib/dpa/sid

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insgesamt 25 Beiträge
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1. Überrascht
Zenturio.Aerobus 29.06.2012
Ich drücke den Italienern am Sonntag die Daumen, weil ich gestern Abend - trotz der deutschen Niederlage - so angenehm von ihnen überrascht war. Kein Gezeter, keine fiesen, versteckten Fouls, keine Schwalben, keine peinlichen Aufforderungen an den Schiedsrichter, dem Gegner Karten zu zeigen. Weiter so :-)
2. Löw muß weg
leser75 29.06.2012
Zitat von sysopGanz Italien träumt vom EM-Titel: Zwei Jahre nach der WM-Blamage in Südafrika steht die "Squadra Azurra" in Polen und der Ukraine kurz vor dem großen Triumph. Nach dem Halbfinalsieg gegen Deutschland strotzt die Mannschaft vor dem Finale gegen Spanien nur so vor Selbstbewusstsein. Italien nach Finaleinzug: Unser größter Sieg - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,841789,00.html)
Das Gute an der gestrigen Niederlage, die zweifellos hochverdient war, ist, dass wir nun tiefenentspannt am Sonntag dem Finale zusehen können - und ob da die Italiener hinterher feiern, na da habe ich doch erhebliche Zweifel.
3. ...
hajueberlin 29.06.2012
Zitat von leser75Das Gute an der gestrigen Niederlage, die zweifellos hochverdient war, ist, dass wir nun tiefenentspannt am Sonntag dem Finale zusehen können - und ob da die Italiener hinterher feiern, na da habe ich doch erhebliche Zweifel.
Ich gönne es ihnen. Nicht nur, damit wir sagen können, wir hätten nur gegen den späteren Sieger gewonnen. Nee, auch weil ich privat immer sehr gut mit ihnen ausgekommen bin. Damals auf dem Bau hat es auch immer Spaß gemacht, mit ihnen zu arbeiten(und zu feiern).
4. optional
bluto 29.06.2012
Dieses Mal wird es doch hoffentlich niemanden geben , der angesichts der Überlegenheit der Italiener etwas von "unverdient" faselt. Aber das Spiel war schon vor dem Anpfiff verloren. Wenn man gesehen hat, wie hochmotiviert die Italiener ihre Hymne geschmettert haben und im Vergleich dazu leichte Lippenbewegungen zu sehen waren, dann braucht man sich nicht zu wundern. Bitte nicht falsch verstehen: Ich verlange nicht, dass Spieler wie Özil, Khedira, Podolski die deutsche Hymne schmettern. Aber schaut euch mal bitte das Defillée der Kamera vor dem Spiel an.
5. Italien hat Glück gehabt!
Ciao Ragazzi 29.06.2012
In meinen Augen hat Deutschland das Spiel dominiert und war die bessere Mannschaft, was sich auch leicht in der Statistik wiederfinden lässt: http://www.kicker.de/news/fussball/em/startseite/europameisterschaft/2012/5/1122685/optaspieldaten_deutschland_italien-924.html Allerdings gewinnt beim Fussball diejenige Mannschaft, die mehr Tore als die andere schiesst, und da keines der 2 Italien Tore illegal war, ist der Sieg Italiens dennoch verdient. Letztlich hätte Deutschland ganz einfach mal ins Tor schiessen sollen. Löw war mit seiner Aufstellung auch nicht ganz unschuldig, das Podolski zur Zeit nicht zu den 11 Besten gehört, dazu braucht man kein Trainerdiplom. Sehe persönlich auch Boateng und Gomez nicht in der Startelf. Reus hätte unbedingt starten müssen, das der Trainer dafür nicht genug Instinkt hatte, ist ein schlechtes Zeichen.
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Italien vs. Deutschland: Eine Hassliebe
Deutschlands Turnierbilanz gegen Italien
Turnier Runde Ergebnis
WM 1962 Vorrunde 0:0
WM 1970 Halbfinale 3:4 n.V.
WM 1978 2. Finalrunde 0:0
WM 1982 Finale 1:3
EM 1988 Vorrunde 1:1
EM 1996 Vorrunde 0:0
WM 2006 Halbfinale 0:2 n.V.
EM 2012 Halbfinale 1:2

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