Hamburg - Maestro Andrea Pirlo war müde. Einige Schulterklopfer, ein paar Umarmungen, dann trottete der überragende Spieler der bisherigen EM nach dem 2:1 (2:0) im Halbfinale gegen Deutschland in die Kabine, als wäre nichts Besonderes passiert. Doch so abgeklärt der Spielmacher auch auftritt, in seiner Heimat wird er nun erst recht in den Himmel gehoben.
"Er ist ein Begnadeter. Er ist wie Mozart, der ein Requiem für die Deutschen komponiert", schrieb die "Gazzetta dello Sport": "Es fehlt nur noch, dass er Wasser in Wein verwandelt." Was auf den ersten Blick wie übertriebene Heldenverehrung anmutet, kam am Donnerstagabend in Warschau zumindest der Realität der Fußball-Fans sehr nahe.
"Das war unser bislang größter Sieg, gemessen an der Bedeutung des Spiels", sagte Italiens Coach Cesare Prandelli nach der Partie. Unter der Leitung Pirlos hat die "Squadra Azzurra", in der EM-Vorbereitung erschüttert von einem Wett- und Manipulationsskandal, wieder einmal allen Widrigkeiten getrotzt. Nur zwei Jahre nach der Blamage bei der WM in Südafrika ist sie nun drauf und dran, die Herrschaft der Spanier über die Fußball-Welt im EM-Endspiel am Sonntag (20.45 Uhr Liveticker SPIEGEL ONLINE) in Kiew zu beenden.
Was Prandellis Squadra Azzurra auszeichnet, musste die deutsche Mannschaft schmerzhaft erfahren. Der geniale Pirlo dirigierte unnachahmlich das Spiel des viermaligen Weltmeisters. Vor ihm hebelte Riccardo Montolivo mit Traumpässen immer wieder die deutsche Abwehr aus, im Angriff bereiteten Doppeltorschütze Mario Balotelli (20./36.) und Antonio Cassano den Innenverteidigern Holger Badstuber und Mats Hummels einen albtraumhaften Abend. "Die Italiener", stellte Hummels anerkennend fest, "hatten acht Leitwölfe auf dem Platz."
Spätestens der Sieg gegen Deutschland hat auch die Menschen in Italien überzeugt. Nach dem Finaleinzug feierten Zehntausende Tifosi auf den Straßen, die Medien überschlugen sich fast vor Lob. "Talent und Kraft, Italien versenkt die Deutschen", schrieb die Zeitung "Corriere della Sera" und stellte fest, die DFB-Auswahl habe "vor einer unerwartet starken Mannschaft kapituliert."
Die Erinnerungen an die WM 2006 sind nun präsenter denn je. Im Endspiel in Berlin standen fünf Italiener auf dem Platz, die als Spieler von Juventus Turin vom bis dahin größten Skandal der italienischen Fußballgeschichte betroffen waren. Am Ende holten sie im Elfmeterschießen (5:3) den Titel gegen Frankreich. Geht es nach dem Deutsch-Italiener Montolivo, wird das im Finale am Sonntag gegen Spanien ähnlich sein. "Die Chancen stehen 51:49 - für uns", sagte der Mittelfeldspieler des AC Florenz.
Deutschland - Italien 1:2 (0:2)
0:1 Balotelli (20.)
0:2 Balotelli (36.)
1:2 Özil (90.+2/Handelfmeter)
Deutschland: Neuer - J. Boateng (71. T. Müller), M. Hummels, Badstuber, Lahm - B. Schweinsteiger, S. Khedira - T. Kroos, Özil, Podolski (46. Reus) - Gomez (46. Klose Italien: Buffon - Balzaretti, Barzagli, Bonucci, Chiellini - Pirlo - Marchisio, Montolivo (64. T. Motta), De Rossi - Balotelli (70. Di Natale), Cassano (58. Diamanti) Schiedsrichter: Lannoy (Frankreich)
Zuschauer: 55.540
Gelbe Karten: M. Hummels - Bonucci, De Rossi, Balotelli, T. Motta
mib/dpa/sid
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