Italien verpasst die WM Großes Leid, große Chance

Zu alt, zu harmlos, zu schlecht: Das Playoff-Aus gegen Schweden hat die Probleme des italienischen Fußballs verdeutlicht. Zieht die Nation die richtigen Schlüsse?

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Die Bilder des Gianluigi Buffon, der unter Tränen um Entschuldigung für das Versagen seiner Mannschaft bittet, gehen um die Welt. Dabei kann der Torwart am allerwenigsten für Italiens historisches Verpassen der WM 2018. Denn die Gründe für das Scheitern der Squadra Azzurra liegen weiter vorne auf dem Platz und, vor allem, daneben.

Brechen wir zunächst einmal mit einem Klischee: Dass Italien seine Erfolge allein der Abwehrkunst des Catenaccio zu verdanken habe, ist eine Mär. Bei ihren WM-Triumphen mogelten sich die Italiener keineswegs mit 1:0-Siegen in Serie bis ins Endspiel. 1934 erzielten die Azzurri im Schnitt 2,4 Tore pro Spiel, 1938 waren es 2,8, bei den Erfolgen 1982 und 2006 jeweils 1,7 pro Partie. Dass der Schnitt gesunken ist, darf dabei vernachlässigt werden, denn das entspricht dem Trend, dass WM-Tore über die Jahrzehnte weniger wurden.

Die Zahlen zeigen, dass Italiens Erfolge verknüpft sind mit einer starken defensiven Organisation und einer erfolgreichen Offensive. Die aktuelle Qualifikationsrunde hat bewiesen, dass nur noch ein Teil funktioniert.

In 180 Minuten gelang der Mannschaft in zwei Playoff-Partien gegen Schweden kein Treffer. Dabei verfügen die Skandinavier keineswegs über ausgeklügelte Verteidigungsmechanismen. Ihr im Spiel gegen den Ball passiv angelegtes 4-4-2 ist guter Durchschnitt, mehr nicht. Kein Wunder, dass Schweden in der Gruppenphase in jeweils 180 Minuten gegen die Niederlande, Frankreich und Bulgarien je drei Gegentore kassierte.

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Italiens Fußballtorwart beendet Karriere: Buffons Tränen

Dass Italien leer ausging, mag punktuell auch an den Faktoren Glück oder Pech liegen, schließlich gab das Team in Mailand 27 Schüsse ab. Großchancen waren indes nur wenige darunter. Auch in den Qualifikationsspielen davor taten sich die Azzurri in der Offensive schwer. Der Mannschaft fehlen schlicht die Mittel, klare Gelegenheiten zu kreieren. Deshalb steht das Relegations-Aus gegen Schweden für ein größeres Problem des italienischen Fußballs. Der Nation fehlt es an kreativen Fußballern.

Nur wenige Nationalspieler sind in der Lage, auf engem Raum an einem Gegenspieler vorbeizudribbeln. Kaum einer beherrscht die Fähigkeit, die Organisation des Gegners mit einem Pass durcheinanderzuwirbeln. Gegen Schweden führte das dazu, dass Italien irgendwann einfach nur noch Bälle hoch in den Strafraum drosch. Das wirkte verzweifelt und versprach gegen die kopfballstarke schwedische Abwehr kaum Erfolg.

2016, bei der EM in Frankreich, konnte Italien das noch durch die taktische Überlegenheit ausgleichen, was vor allem an Erfolgscoach Antonio Conte lag. Die Mannschaft, die in Bezug auf die Kaderqualität bereits bei der EM nicht zur Spitze des Teilnehmerfelds gehörte, blieb anschließend nahezu unverändert. Der Trainer ging. Contes Nachfolger, Gian Piero Ventura, kommt taktisch nicht an das Niveau seines Vorgängers heran, seine Berufung war eine ziemliche Überraschung. Für Italiens WM-Aus gilt das weniger.

Wer sich die Mannschaften in der oberen Tabellenhälfte der Serie A anschaut, der findet viele herausragende Stürmer. Juves Gonzalo Higuaín und Paolo Dybala, Inters Maurizio Icardi oder Napolis Dries Mertens. Italienische Offensivspieler unter 30 Jahren wie Ex-BVB-Stürmer Ciro Immobile, 27, finden sich nur wenige.

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WM-Aus: Italiens "unerträgliche Fußball-Schande" in Bildern

Verdiente Profis genießen in Italien einen anderen Ruf als beispielsweise in Deutschland. Der Altersschnitt der Startelf des Nationalteams beträgt oft mehr als 30 Jahre, so auch im Hinspiel gegen Schweden (30,5). Buffon wird mit seinen 39 Jahren angehimmelt, das erlebte zuvor auch schon Roma-Legende Francesco Totti, er beendete seine Karriere im Sommer mit 40 Jahren. Milans Paolo Maldini spielte, bis er 41 war, in den Achtzigerjahren stand mit Dino Zoff ein 40-Jähriger im Tor der Nationalmannschaft.

Das sind zwar Einzelbeispiele, aber umgekehrt fällt es ungleich schwerer, italienische Talente aufzuzählen, die in jungen Jahren Starstatus erreichten und so zum Vorbild für Kicker im Kindesalter taugten.

Insofern eröffnet Italiens WM-Aus der Nation womöglich auch eine Chance. Vielleicht markiert es einen Wendepunkt in der Geschichte, so wie das EM-Debakel 2004 für Deutschland. Wie in Italien herrschte auch hier ein Mangel an jungen Spielern, insbesondere im Offensivbereich. Verbesserte Bedingungen in der Nachwuchsausbildung und der regelmäßige Einsatz von Jungprofis in der Bundesliga waren die Folge und sind bis heute einer der Gründe für den Erfolg des DFB-Teams. Ob Italien einen ähnlichen Weg einschlägt?

Unmittelbar nach dem Scheitern gegen Schweden haben Giorgio Chiellini, 33, Andrea Barzagli, 36, und Daniele de Rossi, 34, ihre Nationalmannschaftskarrieren beendet. Das gilt auch für Gigi Buffon, der noch am Spielfeldrand unter Tränen seinen Rücktritt verkündete. Sein Nachfolger, Gianluigi Donnarumma, steht schon bereit. Er ist 18 Jahre alt.

Wir haben das Alter von Paolo Maldini im Text korrigiert.

insgesamt 25 Beiträge
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userama09 14.11.2017
1. Italiener mogelten sich keineswegs mit 1:0 ins Endspiel
Na ja, bei der WM 1982 mogelten sich die Italiener in der Gruppenphase sogar mit drei Unentschieden ins Endspiel.
Tavlaret 14.11.2017
2. Das ist doch das Schöne am Fußball :-)
Irgendeiner versagt immer, sonst wären es immer die Gleichen (darauf arbeiten die Großkopferten ja hin). Grundsätzlich gibt es immer einen oder sogar mehrere, die nicht das erreichen, was sie gerne hätten. Dann kann man Artikel darüber schreiben, Weltuntergangsstimmung verbreiten etc. etc.. Das nächste Mal sind es wieder andere - aber es gibt immer welche Der eine wird (Welt-) Meister, dem wird gehuldigt, der andere scheidet nach 3 Lattenschüssen und einem verschossenen Elfer unglücklich im Achtelfinale aus. Der hat dann alles falsch gemacht (schon über Jahre wohl). Wie schöne für die Medien. :-)
Le Beau Noiseur 14.11.2017
3. Die richtigen Schlüsse ziehen?
Welch eine Frage! Natürlich nicht. Das ist nach dem Calciopoli-Skandal von 2006 ja auch nicht geschehen. Den Kurs werden weiterhin die jeweiligen Partikularinteressen bestimmen, wie in jedem Bereich des italienischen Lebens, und zwar getreu der Maxime Tancredis aus "Der Leopard" von Tomasi di Lampedusa: "Wenn wir wollen, daß alles bleibt wie es ist, dann ist nötig, daß alles sich verändert."
alcapone0815 14.11.2017
4.
Zitat von userama09Na ja, bei der WM 1982 mogelten sich die Italiener in der Gruppenphase sogar mit drei Unentschieden ins Endspiel.
1982? Stimmt, dort mogelte sich ja Deutschland durch einen erkauften Sieg in einem historischen Skandalspeil die Qualifikation für die Zwischenrunde....Und wurde im Finale dann von Italien vom Platz gefegt, die zuvor Brasilien und ARgentinien besiegt hatten. Soviel zu Ihrem Sachverstand. Setzen, 6!!
Moppi1970 14.11.2017
5. Durchgemogelt.?
Also bei der WM 82 bestimmt nicht. Hier wurden in einer Zwischen Gruppenphase Argentinien UND Brasilien besiegt.
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