DFB-Gegner Italien Die Ruhe im Sturm

Baggio, Del Piero, Inzaghi: Italiens Nationalmannschaft hatte häufig Stürmer, um die sie andere Nationen beneideten. Das hat sich geändert. Weil zahlreiche Talente scheiterten, muss der Trainer nun auf ältere Spieler setzen.

AP

Am 15. Mai soll endgültig Schluss sein. Wenn es in der italienischen Serie A zum Saisonfinale kommt, werden Francesco Totti (AS Rom) und Luca Toni (Hellas Verona) wohl zum letzten Mal für ihren jeweiligen Klub auflaufen. Mit Totti, 39, und Toni, 38, gehen zwei Spieler, die sich über viele Jahre nahtlos in eine Liste italienischer Weltklassestürmer einreihten. Das Land des vierfachen Fußballweltmeisters war jahrzehntelang gesegnet mit Offensivakteuren. Doch diese Zeiten gehören der Vergangenheit an.

Beim 1:1 gegen Spanien vor einer Woche stürmten mit Graziano Pellè (FC Southampton), Éder (Inter Mailand) und Antonio Candreva (Lazio Rom) drei Spieler, die zusammen auf nur 56 Länderspiele kommen und bei Vereinen beheimatet sind, die international momentan auf überschaubaren Niveau agieren. Auch perspektivisch stellen die drei ein Problem dar: Pellè, 30, Éder, 29, und Candreva, 29, werden nicht mehr allzu lange das Gesicht der "Squadra Azzurra" sein können. Die Enttäuschung in Italien darüber ist groß.

Große Hoffnungen, gescheiterte Talente

Italiens Fußball steht seit jeher nicht für begeisternden Offensivfußball. Unter der Prämisse "Safety First" feierten Trainer wie Enzo Bearzot, Arrigo Sacchi und Marcel Lippi mit der Nationalmannschaft große Erfolge. Dennoch konnte man sich immer auch auf die außergewöhnlichen Qualitäten der Stürmer verlassen. In den Neunzigerjahren auf Roberto Baggio und Gianfranco Zola, wenig später auf die hoch talentierten Christian Vieri, Alessandro Del Piero und Francesco Totti. Spielertypen wie Filippo Inzaghi und Luca Toni waren in ihren technischen Möglichkeiten zwar limitiert, zählten aber in ihrer Glanzzeit auch zu jenen Akteuren, die eine Partie entscheiden konnten.

Nachdem die Stars ihren Zenit überschritten oder ihre Karriere beendet hatten, kam es zu einem Umbruch. Hoffnungsvolle Talente wie Antonio Cassano und Alberto Gilardino sollten die Lücke schnellstmöglich schließen - und scheiterten. Giovanni Trapattoni bezeichnete die beiden einst als "Zukunft des italienischen Fußballs". Womöglich war diese Bürde zu groß. Geplagt von großem Verletzungspech machte vor allem Cassano abseits des Platzes mit schwulenfeindlichen Äußerungen negative Schlagzeilen.

Ein weiteres "Jahrhunderttalent", dass die Hoffnungen vieler Italiener weckte, stand Cassano in dieser Hinsicht in nichts nach: Mario Balotelli. Der gebürtige Italiener mit ghanaischen Wurzeln galt lange Zeit als begabtester Profi im europäischen Fußball. Doch die Hoffnungen einer Nation sind längst der Wut auf einen kapriziösen Exzentriker gewichen. Zuletzt wurde der 25-Jährige vom AC Mailand nicht mehr in den Kader berufen. Das Verhältnis zwischen Balotelli und seinem Trainer Antonio Conte gilt nach einem öffentlichen Streit als zerrüttet.

Ein ähnliches Szenario scheint nun auch Stephan El Shaarawy zu drohen. Der 23-jährige Stürmer vom AC Mailand, der momentan auf Leihbasis beim AS Rom spielt, hat seinen Stammplatz in der Nationalelf verloren. Auf eine gute Saison 2012/2013, in der er 16 Tore erzielte, folgten enttäuschende Spielzeiten in Monaco und Rom. Das Interesse europäischer Top-Klubs, das El Shaarawy mit guten Leistungen auf sich gezogen hatte, ist verpufft.

Die Zeit wird knapp

Trainer Conte hat zehn Wochen vor dem Beginn der EM in Frankreich (10. Juni bis 10. Juli) wenig Auswahl im Sturm. In der heimischen Liga führen mit Gonzalo Higuaín (Argentinien), Carlos Bacca (Kolumbien) und Paulo Dybala (Argentinien) drei südamerikanische Spieler die Torjägerliste an. Pellè ist im Zentrum momentan gesetzt, gilt aber als Wackelkandidat. Der 30-Jährige ist ein Spätstarter und spielte vor zwei Jahren noch in der niederländischen Eredivisie, eine im europäischen Vergleich eher schwächere Liga. In der EM-Qualifikation setzte sich Italien souverän durch, in zehn Partien erzielte der Europameister von 1968 gegen Malta, Aserbaidschan, Bulgarien, Norwegen und Kroatien allerdings nur 16 Tore. Zu wenig, um ernsthafte Ambitionen auf einen EM-Titel anzumelden.

Beim Remis gegen Spanien tauschte Conte im Laufe der zweiten Halbzeit die komplette Offensive aus. Ein weiteres Indiz dafür, dass sich der Trainer bis zum Schluss alle Möglichkeiten offenhalten will. Mit Federico Bernardeschi, Lorenzo Insigne und Simone Zaza kamen drei Spieler, die sich noch Hoffnungen auf einen Platz in der ersten Elf machen dürfen. Insigne, ebenfalls erst siebenfacher Nationalspieler, traf nur sechs Minuten nach seiner Einwechslung zur zwischenzeitlichen Führung.

Sollten Conte die Leistungen seiner Stürmer in den verbleibenden drei Testspielen vor dem Saisonhöhepunkt nicht genügen, könnte er sich immer noch an Francesco Totti und Luca Toni wenden. Zumindest an Erfahrung mangelt es den beiden nicht.



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