Italienischer DFB-Koch "Ich halte 100 Prozent zu Deutschland"

Saverio Pugliese ist Italiener, bekocht aber die deutschen Fußball-Nationalspieler. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der 50-Jährige über Patriotismus, verärgerte Landsleute, die Lieblingsspeisen der DFB-Kicker und ein kulinarisches Geheimnis.


SPIEGEL ONLINE: Herr Pugliese, die deutsche Fußball-Nationalmannschaft trägt drei Sterne auf der Brust, wie viele haben Sie?

Pugliese: Ich habe keinen Stern. Ich habe einen guten Namen.

SPIEGEL ONLINE: Und wofür steht der gute Name?

Pugliese: Für Qualität, Kontinuität und Seriosität. Schon seit langer Zeit. Ich habe seit 26 Jahren ein Restaurant in Neu-Isenburg. Das Lokal heißt "Alter Haferkasten". Ich habe mich allmählich hochgearbeitet.

DFB- Koch Pugliese: "Ein bisschen würzig muss es schon sein"
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DFB- Koch Pugliese: "Ein bisschen würzig muss es schon sein"

SPIEGEL ONLINE: "Alter Haferkasten" - das klingt nach Grünkernlaibchen und Tofu.

Pugliese: Nein, der Name ist alt. Es ist ein italienisches Restaurant mit mediterraner Küche und frischen Produkten. Keine Pizza. Und es gibt kalabresische Spezialitäten, Spaghetti calabrese zum Beispiel mit etwas Knoblauch, Pepperoni, Chili, ein bisschen Olivenöl und Tomaten. Die Spaghetti müssen natürlich al dente sein. Schmeckt traumhaft.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie ein Promi-Koch?

Pugliese: Nein. Ich bin ein ganz normaler Mensch.

SPIEGEL ONLINE: Aber ein paar Stars waren bei Ihnen schon essen?

Pugliese: Ja, es gibt wenige Lokale in Deutschland, die so viele Künstler zu Gast hatten. Angefangen von den Rolling Stones bis Xavier Naidoo, Guns N' Roses, Dire Straits, Simply Red, Tina Turner oder Simple Minds.

SPIEGEL ONLINE: Danke, Sie haben uns überzeugt.

Pugliese: Außer den Beatles waren alle da. Bei mir wird die Privatsphäre noch respektiert. Ich habe keine Fotowände im Lokal. Und Autogramme sammele ich von den Stars auch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Und bei den Nationalspielern machen Sie das genauso?

Pugliese: Ich sehe die jeden Tag. Warum soll ich mir ein Autogramm geben lassen? Es reicht mir, wenn ich im Herzen weiß, was ich alles gemacht habe.

SPIEGEL ONLINE: Kommt Ihr Essen beim DFB-Team gut an?

Pugliese: Sicher, fragen Sie die Spieler mal!

SPIEGEL ONLINE: Es gibt zum Frühstück oder Mittagessen Büffets, richtig?

Pugliese: Ja, immer Büffet. Jeder hat einen anderen Geschmack. Da kann man nicht individuell kochen. Mittags gibt's eine Suppe mit ein bisschen Fleischeinlage, Gemüse, Pasta mit verschiedenen Soßen, gegrillten Fisch, alles ganz einfach.

SPIEGEL ONLINE: Keine Experimente?

Pugliese: Genau. Fisch essen die Spieler gern. Steinbutt, Dorade, Seeteufel oder weiß der Teufel. Mal gibt es auch Geflügel oder ein Filetsteak. Reis, Kartoffeln, Obst. Alles ohne Fett.

SPIEGEL ONLINE: Ohne Fett?

Pugliese: Naja, ein bisschen würzig muss es schon sein, sonst kann man es nach drei Tagen nicht mehr sehen.

SPIEGEL ONLINE: Haben die Spieler bestimmte Vorlieben oder Aversionen?

Pugliese: Eigentlich nicht. Ich bin ja auch so variabel, dass die Geschmäcker immer getroffen werden. Außerdem gibt es nichts Besseres als italienische Küche. Man hat nie das Gefühl: Puh, bin ich voll!

SPIEGEL ONLINE: Seit 2003 sind Sie dabei. Als Bundestrainer Jürgen Klinsmann kam, soll es zu einem Duell zwischen Ihnen und dem alten DFB-Koch Heinz Imhof gekommen sein.

Pugliese: Die Neuen haben gesagt: Wir haben zwei Köche, was machen wir jetzt? Also hat erst der eine gekocht und dann der andere.

SPIEGEL ONLINE: Wie lief das konkret?

Pugliese: Imhof hat das erste Klinsmann-Spiel in Österreich gemacht. Und ich war im zweiten Spiel dran in Berlin gegen Brasilien. Nach dem Spiel hat mir Klinsmann gesagt: Saverio, wir sehen uns in vier Wochen in Teheran (beim Test gegen Iran; d. Red.) wieder. Klar, ich habe auch davon profitiert, dass der alte Koch eine neue Stelle hatte und nicht mehr so oft verfügbar war.

SPIEGEL ONLINE: Herr Pugliese, Sie sind Italiener, wie können Sie nur die Deutschen bekochen?

Pugliese: Mein Herz ist italienisch, aber ich lebe sehr gern in Deutschland, dem Land meiner Karriere. Meine Frau ist übrigens auch Deutsche.

SPIEGEL ONLINE: Sagen Ihre Freunde denn nicht: Saverio, misch' dem Schweini mal was ins Essen?

Pugliese: Da kommen blöde Sprüche, ja. Dass ich ein Verräter wäre und so. Aber das stimmt nicht. Ich habe mich eben entwickelt und nach neuen Horizonten gesucht. Ich sehe nicht Italien oder Deutschland, ich sehe Europa.

SPIEGEL ONLINE: Im Halbfinale am 4. Juli in Dortmund könnten die Deutschen auf die Italiener treffen. Zu wem halten Sie?

Pugliese: Ich halte zu Deutschland. 100 Prozent.

SPIEGEL ONLINE: Die "Bild"-Zeitung wollte Michael Ballack, der im Italia-Trikot abgelichtet wurde, unterstellen, er sei nicht 100-prozentig dabei.

Pugliese: So ein Quatsch! Jeder Mensch kann in der Freizeit tragen, was er will. Das muss doch jedem Spieler freistehen.

SPIEGEL ONLINE: Es heißt, sie hätten schon den Menüplan für die WM-Feier der Deutschen geschrieben. Was gibt es im Falle des Falles?

Pugliese: Tut mir leid, das kann ich nicht verraten. Jetzt gibt es erstmal die Büffets für unsere jungen, hungrigen Spieler. Die können sie plündern.

Die Fragen stellte Christian Gödecke

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