Razzia bei italienischen Clubs Eine große, furchtbar nette Familie

Mit dem Verdacht auf Steuerhinterziehung und Geldwäsche sind bei 41 italienischen Fußballvereinen Berge von Unterlagen beschlagnahmt worden. Im Visier der Finanzpolizei sind auch bekannte Spieler und ihre Agenten - wie so oft in den vergangenen Jahren.

  Ehemaliger Neapel-Spieler Lavezzi: Auffällige Transaktionen
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Ehemaliger Neapel-Spieler Lavezzi: Auffällige Transaktionen


Italiens Finanzpolizei, die "Guardia di Finanza", ist eine spezielle Truppe. Sie untersteht zwar dem Ministerium für Wirtschaft und Finanzen und ist zuständig für Steuerdelikte und Wirtschaftskriminalität. Aber sie ist streng militärisch organisiert, schwer bewaffnet und im Verteidigungsfall für die Grenzsicherung zuständig. Die über 60.000 Polizisten haben einen Kombattantenstatus, wie Soldaten. Entsprechend treten sie auf. Und wo sie auftreten, kommt nicht viel Spaß auf.

Am Dienstagvormittag fuhren sie bei 41 italienischen Fußballvereinen vor, darunter bis auf Bologna und Cagliari alle Adressen der Serie A. Der Meister Juventus Turin genauso wie die beiden Mailänder Clubs Inter und Milan, Neapel und die beiden römischen Erstligisten. Aber auch Fußballbetriebe der zweiten, dritten und vierten Liga standen auf der Agenda der uniformierten Fahnder.

Unter Verdacht: Legrottaglie, Lavezzi, Oddo

Durchsuchen, wie im Krimi, mussten die gar nichts. Sie wussten genau, was sie haben wollten. Und bekamen es: Unterlagen über die Spielergehälter, den Verkauf und die Verteilung von Bild- und Fernsehrechten, den An- und Verkauf von Spielern und sämtliche Zahlungsvorgänge mit Spielerberatern und Agenten. Besonders aufgefallen sind bislang offenbar die Finanztransaktionen der Vereine mit 12 Spielervermittlern und 18 Kickern. Einige davon sind bekannte Namen wie der Nationalspieler Nicola Legrottaglie oder Massimo Oddo, der bei verschiedenen italienischen Clubs unter Vertrag war und eine Weile auch beim FC Bayern. Oder Ezequiel Lavezzi, Argentinier, derzeit bei Paris St. Germain, von 2007 bis 2012 beim SSC Neapel beschäftigt.

Dort, in Neapel, hatte die neueste Untersuchung begonnen. Vor gut einem Jahr waren den Steuerfahndern Verträge zwischen Spielern, deren Agenten und dem lokalen Verein in die Hände gefallen. Und daran kam ihnen offenkundig einiges merkwürdig vor. Die Staatsanwaltschaft Neapel eröffnete ein Untersuchungsverfahren. Dabei erhärtete sich wohl der Verdacht, dass manche Verträge und Zahlungsvorgänge vorsätzlich so konstruiert worden waren, dass eigentlich in Italien fällige Steuern entweder kostengünstiger in Niedrigsteuerländern bezahlt wurden - oder gar nicht.

Auch sollen die An- und Verkäufe von ausländischen Baby-Fußballern, wie Erfolg versprechende Jung-Kicker im Jargon genannt werden, so eigenwillig verbucht worden sein, dass die Staatsanwaltschaft nicht nur von Steuerflucht, sondern auch von Geldwäsche ausgeht. Dabei sollen Belege gefälscht worden sein. Etliche Akteure hätten sich faktisch zu einer "kriminellen Vereinigung" zusammengeschlossen.

Italiens Fußball: Skandalerprobt

Sollte sich der Verdacht erhärten, käme damit ein neuer, gravierender Problemfall auf den italienischen Fußball zu - kaum dass die Vorläufer juristisch aufgearbeitet sind. Seit langem macht Italiens Lieblingssport immer wieder mit Spiel-, Wett- oder Steuerbetrugsgeschichten negative Schlagzeilen.

Allein in den Jahren 2011 und 2012 erschütterten Enthüllungen über verkaufte Spiele und getürkte Sportwetten die heimische Fußballwelt so mächtig, dass der damalige Regierungschef Mario Monti laut und öffentlich darüber nachdachte, den Spielbetrieb einige Jahre auszusetzen. Doch daraus wurde natürlich nichts. Man wickelte die Sache ab wie die Betrügereien zuvor: Ein paar Vereine, darunter der SSC Neapel, wurden mit Punktabzug und Geldbußen bestraft, ein paar Spieler, wie Neapels Kapitän Paolo Cannavaro, wurden eine Weile gesperrt. Basta.

So lief es schon 2006, als ruchbar wurde, dass Rekordmeister Juventus Turin und dessen Sportdirektor Luciano Moggi mehr als die Hälfte von 38 Ligaspielen manipuliert hatten. Moggi und Juve wurden hart bestraft: Der Manager zu fünf Jahren und vier Monaten Haft - allerdings ist das erstinstanzliche Urteil bislang nicht rechtskräftig - und einem lebenslangen Berufsverbot. Juventus wurden die Meistertitel für die Jahre 2005 und 2006 aberkannt, der Verein wurde in die zweite Liga verbannt. Heute sind die Turiner wieder Meister. Geändert hat sich in der Welt des italienischen Fußballs nicht viel.

Als Juve-Trainer Antonio Conte - der im Wettskandal 2012 eine tragende Rolle gespielt hatte - kürzlich in seinem Maserati vor der Kirche der "Heiligen Schutzengel" vorfuhr, um dort zu heiraten, erwartete ihn unter seinen Freunden natürlich auch Luciano Moggi. Und auf der Liste der jetzt aktuell verdächtigten Spieleragenten steht ein Alessandro Moggi, Lucianos Sohn. Alles eine große, furchtbar nette Familie: So ist das eben, schon lange.

Über 2,5 Milliarden Euro Schulden

Die Liga ist hochverschuldet, deshalb anfällig für alle, auch zweifelhafte Versuche, Steuern zu sparen oder die Bilanz zu verschönern. Etwa 2,5 Milliarden Euro Schulden sollen die Erstliga-Vereine seit der Jahrtausendwende zusammengetragen haben, schreiben italienische Medien. "Wäre die Serie A eine normale Firma, hätte sie schon längst dichtmachen müssen", kommentierte die "Gazzetta dello Sport" im März 2012 die Lage.

Und manche Vereinsmanager hätten ins Gefängnis wandern müssen. Denn um immer neue Schulden auftürmen zu können, mussten viele Clubs ihre Bilanzen kosmetisch aufhellen. Etwa so: Verein A und Verein B tauschen vier junge Spieler vom einen gegen vier junge Spieler vom anderen und taxieren den Wert jedes Spielers auf 2,9 bis 3,5 Millionen Euro. Zwar gibt keiner einen Euro aus, keiner nimmt einen ein - man tauscht ja nur gleichwertige Beine. Aber die Bilanz beider Vereine strahlt um etwa zwölf Millionen heller - und für diese zwölf Millionen kann der Schatzmeister den dreifachen Betrag als Kredit aufnehmen.

Das klingt clever, ist es aber nicht. Es führte - zusammen mit vielen anderen Taschenspielertricks - den italienischen Fußball tief in die Misere, in der er heute steckt und sich, wie es scheint, nur mit immer neuen Kunstgriffen am Rande oder jenseits der Legalität vor der ansonsten drohenden großen Pleite retten kann.



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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
raber 25.06.2013
1. Sport wird immer unsauberer
FIFA, IOC, FIA und wie die Vereine alle heissen. Bayern München und italiensiche Fussballclubs. Herr Hoeness und Herr Messi. Tour de France und Radsport allgemein. Und viele, viele Andere mehr. Bei so vielen Ausnahmen wird es schon schwierig zu glauben, dass Sport ein ehrliches Geschäft geblieben ist.
Thomas Kossatz 25.06.2013
2. Wettbewerbsverzerrung
2.5 Milliarden Schulden der Liga in Italien, 4 Milliarden in Spanien, davon 750 Millionen Euro Steuerschulden gegenüber dem hochverschuldeten Staat. Man kann die Seriosität der Bundesliga nur loben, in der 14 von 18 Vereine Überschüsse erzielen. Ich bin bereit, Spanien und Italien zu helfen. Aber deutsche Steuermittel, damit Messi in Barcelona bleibt?
Robert_Rostock 25.06.2013
3.
Zitat von raberFIFA, IOC, FIA und wie die Vereine alle heissen. Bayern München und italiensiche Fussballclubs. Herr Hoeness und Herr Messi. Tour de France und Radsport allgemein. Und viele, viele Andere mehr. Bei so vielen Ausnahmen wird es schon schwierig zu glauben, dass Sport ein ehrliches Geschäft geblieben ist.
Geblieben ist? Das würde ja heißen, dass er das irgendwann mal war.
TheDjemba 25.06.2013
4. Überschüsse
Überschüsse zu erzielen heißt nicht schuldenfrei zu sein. Sie wollen wohl kaum behaupten, 14 von 18 Mannschaften der Bundesliga wären schuldenfrei. Die Mannschaften mit dem größten Gewinn in Europa heißen immer noch Man Utd, Real und Barca. Mit der Verschuldung hat das aber wenig zu tun.
Fackel 25.06.2013
5. es liegt
im öffentlichem Interesse, dass solche Mauscheleien und Betrügerreien nicht bestraft werden. Und die Mentalität wird halt davon geprägt.
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