Jan-Aage Fjörtoft: "George Bush wird gewinnen"

Von Andreas Kötter

Der Norweger Jan-Aage Fjörtoft, 33, wird noch bis Ende März für Eintracht Frankfurt spielen und dann in seine Heimat zurückkehren. Ein herber Verlust für die Fußball-Bundesliga, wie Fjörtoft im Interview mit SPIEGEL ONLINE bewies.

"Ich liebe es ganz einfach, Fußball zu spielen"
DPA

"Ich liebe es ganz einfach, Fußball zu spielen"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Fjörtoft, warum sind eigentlich alle norwegischen Fußballer, wie Rune Bratseth, Erik Mykland oder auch Sie, so nette, aufgeschlossene und charmant-witzige Menschen?

Jan-Aage Fjörtoft: Das liegt vielleicht daran, dass Fußball in Norwegen in erster Linie als Hobby, nicht als Beruf verstanden wird, als etwas, das Spaß machen soll. Wer begreift, dass vom Fußball nicht das Weltgeschick abhängt, der spielt meiner Meinung nach nicht schlechter, sondern besser. Diese Mentalität konnten wir uns auch als Profis erhalten und auf das Training und den Wettbewerb übertragen. Dass soll aber auf gar keinen Fall heißen, dass wir unseren Beruf nicht ernst nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Sagen Sie!

Fjörtoft: Ich bin Fußballer durch und durch, ich liebe es ganz einfach, Fußball zu spielen. Aber man sollte dennoch für sich selbst immer wieder mal den Fußball in Bezug setzen zum großen Ganzen und nicht vergessen, dass es sich eben doch nur um Fußball handelt. Der Fußball hat mich und meine Art nicht verändert, ich habe mir viele Wesenszüge, wie meine Direktheit und Intuition, seit der Kindheit bewahren können. Die meisten ändern sich, wenn sie Profi werden, wenn all die neuen Einflüsse auf einen einstürmen.

SPIEGEL ONLINE: Und das viele Geld hinzu kommt.

Fjörtoft: Geld ist wirklich nicht alles. Natürlich nehme ich mit, was ich bekommen kann. Wie jeder andere auch. Aber Fußball würde ich auch spielen, wenn ich dafür kein Geld bekommen würde.

SPIEGEL ONLINE: Es überrascht, dass kein anderes europäisches Land mehr so genannte "Fußball-Legionäre" stellt als Norwegen. Die sportlichen Stärken ihrer Heimat liegen für gewöhnlich eher in Schnee und Eis, auf Skiern und Kufen.

Fjörtoft: Obwohl Norwegen in der Tat hervorragende Wintersportverhältnisse bietet, ist Fußball dennoch die Sportart Nummer eins. Zum einen spielen wir im Winter in Großfeld-Hallen, zum anderen hat sich der norwegische Verband gemeinsam mit den Vereinen bemüht, für die Wintermonate auch Spielstätten in Südeuropa zu organisieren, wo die Klubs für einige Wochen gegen einander antreten können. Und die Legionäre bringen natürlich europäisches Fußball-Knowhow mit in die Nationalmannschaft.

SPIEGEL ONLINE: Sind norwegische Fußballer also besser als deutsche - oder haben sie einfach den "besseren Fußball-Charakter", wie Günter Netzer meint?

Fjörtoft: Wenn Günter Netzer das sagt, dann muss da auch etwas dran sein. Vor seiner Meinung habe ich sehr großen Respekt. Ob wir besser sind, weiß ich nicht, wir sind aber sicherlich, was taktische Dinge betrifft, hervorragend geschult. Norwegen ist nur eine kleine Fußball-Nation. Uns war klar, dass wir den Vorsprung, den große Fußball-Länder, wie Deutschland oder England, hatten, nur einholen konnten, wenn wir als Kollektiv, als Mannschaft funktionieren würden. Das haben wir erreicht, jetzt befinden wir uns in einer Phase, wo auch die individuellen Qualitäten der Spieler weiter entwickelt werden müssen.

SPIEGEL ONLINE: An individueller Qualität mangelt es auch etlichen deutschen Rumpelfüßlern.

Fjörtoft: Dass bei uns die Entwicklung vielleicht schneller ging als in Deutschland, ist doch nur normal. Ein Land mit einer solch großen Tradition tut sich naturgemäß schwerer, auf Veränderungen zu reagieren und vom eingeschlagenen Weg abzuweichen, als ein Land ohne diese Tradition, das ohne größere öffentliche Diskussionen auch ungewöhnliche Wege gehen kann.

SPIEGEL ONLINE: Es war zu hören, dass Sie sich in Ihrem Haus in Norwegen eine eigene Bibliothek einzurichten möchten?

Fjörtoft: Ja, ich empfinde Bücher als etwas Wunderbares. Ich lese und sammle Bücher seit ich ein junger Mann bin, und ich habe dadurch ungeheuer viel gelernt und lerne immer noch. Gerade heute habe ich in der Mannschaftskabine gesagt, dass es mir leid tut, behauptet zu haben, Deutschland hätte den ersten Weltkrieg angefangen. Denn ich habe gelesen, dass der Sachverhalt sehr viel differenzierter war. Geschichte, vor allem der zweite Weltkrieg und internationale Politik, interessieren mich ungemein.

29. Mai 1999: Volksheld Fjörtoft (r.) hat den Abstieg der Frankfurter Eintracht durch sein Tor zum 5:1 gegen Kaiserslautern am letzten Bundesligaspieltag verhindert
AP

29. Mai 1999: Volksheld Fjörtoft (r.) hat den Abstieg der Frankfurter Eintracht durch sein Tor zum 5:1 gegen Kaiserslautern am letzten Bundesligaspieltag verhindert

SPIEGEL ONLINE: Was hält der politikinteressierte Fußballer Fjörtoft von den Vorgängen bei der US-Wahl?

Fjörtoft: Ich halte es für richtig, die Stimmen per Hand auszuzählen. Das verlangt der demokratische Geist einfach. George Bush wird die Wahl dennoch gewinnen, wobei ich überzeugt bin, dass Gore der bessere Mann wäre im Hinblick auf die Zusammenarbeit mit Europa. Bush scheint mir zu sehr eine Politik der Nabelschau zu betreiben, als in globalen Dimensionen zu denken. Warten wir es ab.

SPIEGEL ONLINE: Im März nächsten Jahres werden Sie der Bundesliga den Rücken kehren und nach Norwegen zurückkehren, um dort für den Erstligisten Stabaek zu spielen. Jetzt, wo Sie nach längerer Pause wieder Tore für die Eintracht schießen, scheint man Ihren Schritt in Frankfurt außerordentlich zu bedauern.

Fjörtoft: Den Fans zuliebe wäre ich gerne geblieben, weil die mich in fantastischer Weise auch in der Zeit unterstützt haben, als ich keine Tore geschossen habe. Aber einmal muss einfach Schluss sein, einmal muss man auch nach Hause fahren.

SPIEGEL ONLINE: Ist denn Norwegen nach den vielen Jahren im Ausland noch Ihr Zuhause?

Fjörtoft: Mit 18 Jahren habe ich mein Elternhaus verlassen, seit ich 22 bin, spiele ich im Ausland, ich bin also lange unterwegs gewesen. Natürlich ist Norwegen in gewisser Hinsicht immer meine Heimat geblieben und wird es auch bleiben, dennoch fühle ich mich vor allem als Europäer. Ich habe in Österreich und England gespielt und bin nun seit zwei Jahren bei der Eintracht.

SPIEGEL ONLINE: Was nehmen Sie aus den elf Jahren als "Fußball-Legionär" mit?

Fjörtoft: Ich habe gelernt, globaler zu denken. Man ist nicht mehr so verhaftet in der eigenen Nationalität, man begreift, was Integrationsprozess meint. Denn wer im Ausland zurechtkommen will, der sollte die Bereitschaft aufbringen, die fremde Sprache zu erlernen. Allerdings haben wir Fußballprofis es natürlich auch leicht. Wir sind privilegiert, man nimmt uns alle möglichen Wege ab.

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