Japan-Coach Zico Der Erlöser wagt mehr Demokratie

Als Spieler nahm er für Brasilien an drei Weltmeisterschaften teil. Doch heute Abend ist es mit der Verbundenheit vorbei. Der japanische Nationaltrainer Zico muss sein Team zum Sieg gegen den Weltmeister führen, sonst ist die WM schon nach der Vorrunde beendet.

Von Matthias Greulich


Für die Japaner ist die Debatte, ob es einen Fußballgott gibt, längst entschieden. Ihrer heißt "Sakka No Kamisama", in der übrigen Welt ist er als Zico bekannt. Nach der WM 2002 übernahm der einstige brasilianische Weltklassespieler die japanische Elf, mit der er 2004 Asienmeister wurde. "Ich werde als eine Art Erlöser gesehen", sagte der 53-Jährige dem Fußballmagazin RUND, "wo immer ich auftauche, machen die Leute Fotos von mir, als wäre ich ein Rockstar." In Brasilien ist Zico immer noch populär, in Japan ist er ein großer Star.

Japan-Coach Zico: "Ich muss stark bleiben"
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Japan-Coach Zico: "Ich muss stark bleiben"

Hat sich der einst wegen seiner Bescheidenheit und seines höflichen Auftretens bekannte Arthur Antunes Coimbra in Fernost verändert? Wer das ebenso spektakuläre wie intelligente Spiel Brasiliens in den achtziger Jahren und seinen Regisseur mit der Nummer zehn liebte, kann aufatmen: Zico, der besondere Spieler ist auch als Trainer besonders geblieben. So offen und demokratisch wie möglich gehe er mit seinen Spielern um, sagt der frühere Mittelfeldspieler, den viele für den intelligentesten brasilianischen Spieler aller Zeiten halten.

Trotz aller Lockerheit lässt sich der "weiße Pelé" allerdings von seinen Spielern nicht auf der Nase herumtanzen. Als zu Beginn der WM-Qualifikation einige Stars während der Vorbereitung auf ein Spiel heimlich nachts ausgingen, warf Zico sie aus dem Kader. "Ich habe ihnen gesagt, dass Demokratie Respekt bedeutet. Es geht nicht darum, dass sie ausgehen und trinken oder Frauen treffen. Das ist ihr Problem. Mein Problem ist, dass sie begreifen müssen, dass wir als Trainer Verantwortung haben und dass sie uns informieren müssen, wenn sie ausgehen." Die Krise ist längst ausgestanden, die Spieler haben verstanden. Und wenn ihr Trainer Lust hat, "gehe ich manchmal sogar mit ihnen gemeinsam aus".

Zico hasst es, wenn Spieler wie Marionetten behandelt werden – dann kann er alle Zurückhaltung ablegen. 1998 gehörte er als Koordinator zur brasilianischen WM-Delegation und erlebte, wie ein völlig apathisch wirkender Ronaldo von Trainer Mario Zagallo im Endspiel gegen Frankreich (0:3) aufgestellt wurde, obwohl er am Nachmittag einen mysteriösen Anfall erlitten hatte. Nur Zico sprach sich in der Kabine gegen den Einsatz von Ronaldo aus und konnte sich das Finale nicht von der Bank aus ansehen. "Ich hatte das ganze Spiel über Angst um den Jungen." Anschließend hat der dreimalige WM-Teilnehmer der Seleção nicht mehr für den brasilianischen Verband gearbeitet. Und nun geht es mit Japan im letzten Spiel der Gruppenphase ausgerechnet gegen Brasilien.

Für Japans Trainer sind es "starke und gemischte Gefühle". Die Medienhysterie, die vor dem 2:2 zwischen beiden Teams beim Konföderationen-Cup herrschte, wurde noch einmal übertroffen. Jeder in Zicos Umfeld wurde befragt, in Brasilien fürchtet man das Insiderwissen, das Japan zur dringend für das Weiterkommen benötigten Überraschung gegen den Weltmeister verhelfen könnte. "Bei der WM werde ich meinen Spielern zeigen, dass sie es schaffen können, das großartige Brasilien zu schlagen", tut Japans Coach nichts dazu, damit sich die Fans in Brasilien über seine Rolle zwischen beiden Ländern beruhigen könnten.

Zicos Familie ist in Brasilien geblieben, er selber kehrt regelmäßig nach Rio de Janeiro zurück, ein Erfolg Japans würde ihm große Probleme in der Heimat bereiten. Zico bleibt gelassen: "Ich muss stark bleiben und darf mich nicht verunsichern lassen." In Japan hat er den Begriff "Malícia" geprägt, der dort inzwischen in aller Munde ist. Er bedeutet gewieftes, einfallsreiches und schnelles Denken. "Sie haben gelernt, auf brasilianische Art geschickt zu sein."

Und das ist vielleicht das größte Verdienst des Nationaltrainers, der den Verband dazu brachte, sich nicht mehr an der europäischen Spielweise, sondern an den Südamerikanern zu orientieren. Nach der Weltmeisterschaft wird er Japan verlassen, sein Vertrag läuft aus. "Ein Engagement in Europa reizt mich." 1982 und 1986 lenkte Zico das Spiel der Brasilianer, die bis dato den vielleicht schönsten Fußball spielten, aber vorzeitig ausschieden. Als Trainer von Japan zählt für ihn gegen die Seleção nur ein Sieg.



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