Jena-Legende Kurbjuweit: "Halbes Leben im Stadion verbracht"

Er ist einer der bekanntesten Spieler, die der FC Carl Zeiss Jena je hervorgebracht hat. Im Interview mit dem Magazin "11 FREUNDE" spricht der ehemalige DDR-Auswahlkicker Lothar Kurbjuweit über Leidensfähigkeit, aggressive Fans und die Suche nach einem losen Holzbrett.

Frage: Herr Kurbjuweit, Sie haben über 650 Spiele in unterschiedlicher Funktion beim FC Carl Zeiss Jena erlebt - als Spieler, Trainer und Präsident. Welches war das bedeutendste?

Kurbjuweit: Das ist schwierig. Ich denke, mein Match als Aktiver gegen den AS Rom im Europapokal der Pokalsieger 1980.

Frage: Was machte das Spiel so außergewöhnlich?

Kurbjuweit: Das Hinspiel hatten wir in Rom 0:3 verloren. Im Rückspiel war unser Stadion trotzdem ausverkauft. Als wir dann auch noch in der ersten Halbzeit eine 2:0-Führung herausschossen, glaubten unsere Fans wieder ans Weiterkommen. Am Ende gewannen wir 4:0 – wegen der überragenden Stimmung und weil wir Spieler damals eine gewaltige Portion Wut im Bauch hatten, weil wir in Rom vom Schiedsrichter verschaukelt worden waren.

Frage: Erinnern Sie sich auch noch an Ihren skurrilsten Moment im Jenaer Stadion?

Kurbjuweit: Spontan fällt mir da ein Länderspiel gegen den Irak im Sommer 1970 ein. Ein gegnerischer Spieler ist plötzlich wutentbrannt hinters Tor gerannt, um einen Absprungbalken aus der Erde zu reißen und einen meiner Mitspieler damit zu verprügeln.

Frage: Was war passiert?

Kurbjuweit: Der irakische Spieler war offensichtlich der Überzeugung, er sei gefoult worden und man habe ihm einen Freistoß vorenthalten. In seiner Wut nahm er wohl an, dass er dort hinterm Tor ein loses Holzbrett finden würde und machte sich deshalb an der Weitsprunggrube zu schaffen. Nach einigem Gezerre gab er aber irgendwann auf und trabte geläutert auf das Spielfeld zurück.

Frage: Mehr als 25 Jahre später, in Ihrer Amtszeit als Präsident, wurde das Ernst-Abbe-Sportfeld ausgebaut. Welche Rolle kam Ihnen dabei zu?

Kurbjuweit: Meine zentrale Aufgabe bestand darin, alle politischen Strömungen in der Stadt davon zu überzeugen, dass wir eine neue Haupttribüne brauchen. Da der Umbau mit öffentlichen Geldern finanziert wurde, war die entscheidende Frage, ob es uns gelingt, die Stadt auf die Seite des Sports zu ziehen. Letztlich hat es geklappt, weil uns die Leichtathleten vom TuS Jena unterstützt haben.

Frage: Wünschen Sie dem Club eine moderne Fußball-Arena oder ist Ihnen als ehemaliger Aktiver eher das klassische Stadion mit Tartanbahn und Flutlichtmasten ans Herz gewachsen?

Kurbjuweit: Ich wage nicht zu prognostizieren, ob ein modernes Stadion in Jena realisierbar ist. Als Fußballer wünsche ich dem Verein aber natürlich ein reines Fußballstadion. Da hat man eine ganz andere Atmosphäre als in den alten, weitläufigen Spielstätten, wo nur richtig Stimmung aufkommt, wenn alle Plätze belegt sind.

Frage: Ist die Stimmung im Stadion heute schlechter als zu Ihrer aktiven Zeit?

Kurbjuweit: Sie ist vor allem aggressiver. Ich finde es sehr bedauerlich, wie manche Anhänger mit den Verantwortlichen aus dem Verein umgehen.

Frage: Hatten Sie auch persönlich darunter zu leiden?

Kurbjuweit: Während meiner Präsidentschaft wurde beispielsweise meine Familie bedroht. Natürlich lief es in dieser Zeit fürchterlich schlecht für den Verein, wir sind aus der Zweiten Liga abgestiegen und viele Sponsoren sind weggebrochen. Aber dennoch wurde da von einigen eine Grenze überschritten. Ich war heilfroh, als ich den Präsidenten-Job los war – das muss ich klipp und klar sagen.

Frage: Würden Sie jemals wieder ein Amt beim FC übernehmen?

Kurbjuweit: Ich könnte mir das schon vorstellen. So ist es nun einmal, wenn man mit diesem Virus infiziert wurde. Nur zur Übernahme einer ganz bestimmten Position würde ich mich nicht noch einmal überreden lassen. Und dreimal dürfen Sie raten, welche ich meine.

Frage: Sie kamen erst als 19-Jähriger nach Jena und sind bis heute dort geblieben. Fühlen Sie sich nach so vielen Jahren als echter Jenaer?

Kurbjuweit: Ja, ich denke schon. Ich werde meine Zelte hier wohl nicht mehr abbrechen. Ich bin ein richtiger Jenenser geworden. Oder heißt das Jenaer? Ich glaube, es gibt Unterschiede zwischen Jenensern und Jenaern.

Frage: Und die wären?

Kurbjuweit: Die einen sind hier geboren, die anderen zugezogen. Wenn ich mich nicht irre, bin ich ein Jenaer.

Frage: Unabhängig davon - sind Sie auch heute noch regelmäßig im Stadion?

Kurbjuweit: Ganz ehrlich, wenn ein Spiel läuft, könnte ich nicht am Ernst-Abbe-Sportfeld vorbeigehen, ohne reinzuschauen. Ich habe dort schließlich mein halbes Leben verbracht. Seit drei Jahren sind meine Besuche jedoch seltener geworden, da mir mein Job beim 1. FC Nürnberg kaum noch Zeit dafür lässt.

Die Fragen stellte Christoph Muxfeldt

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