Sport

Kritik an RTL-Experten Lehmann

"Ich würde fast sagen: Muss man mal sehen"

Die Löw-Elf gewinnt, RTL-Experte Jens Lehmann nicht. In Belfast fiel er mit Wissenslücken beim DFB-Personal auf und gab den Nörgler. Das war zum Teil peinlich - zum Teil aber auch einfach nur: sein Job.

Ein Kommentar von

imago/ Jan Huebner

Florian König (l.), Jens Lehmann (Archiv, Oktober 2016)

Freitag, 06.10.2017   14:48 Uhr

Deutschland ist Weltmeister - nicht nur im Fußball, sondern auch beim Aufregen über die Fußballberichterstattung im Fernsehen. Regelmäßig konzentriert sich der Zorn der Zuschauer auf die TV-Schaffenden.

Ein Kommentator verwechselt zwei Spieler? Was für ein Trottel!
Ein Moderator, der sich im Interview verhaspelt? Alles Idioten!
Ein Experte, der eine überraschende Meinung vertritt? Unerträglich!

Twitter und Co. sind sofort zur Stelle - hart und unerbittlich. Am gestrigen Donnerstag traf es Jens Lehmann.

Was war passiert? Der RTL-Experte hatte vor dem WM-Qualifikationsspiel zwischen Nordirland und Deutschland offensichtlich wenig Informationen über Marvin Plattenhardt zur Hand. Er wusste nicht, in welchem Land Herthas Europa-League-Gruppengegner Östersunds FK spielt - und auch nicht, dass Plattenhardt dort zuletzt gar nicht im Kader der Berliner gestanden hatte. Der Verein half gern aus.

Lehmann kritisierte anschließend den starken Joshua Kimmich trotz zweier Torbeteiligungen für sein risikoarmes Spiel. Er nörgelte sich durch den Nachlauf, weigerte sich, in Moderator Florian Königs Superlative einzustimmen und Deutschland zum WM-Favoriten Nummer eins zu erklären.

Seit der ehemalige Weltklassetorhüter seinen Expertenjob bei RTL angetreten hat, reiben sich die Zuschauer an ihm - zumindest an diesem Abend in Belfast ließ sich die Kritik klar in zwei Blöcke teilen: Einerseits wurde bemängelt, dass Lehmann sehr exklusive Einschätzungen zum Spielgeschehen hatte, andererseits, dass er schlicht und ergreifend schlecht vorbereitet war. Wirklich problematisch ist nur der zweite Punkt.

"In Schweden, ja, Östersund"

Live-Fernsehen ist grundsätzlich eine schwierige Disziplin. Es gibt viele Unwägbarkeiten - und Fernsehleute hassen Überraschungen. Entsprechend präzise wird gerade der Vorlauf, die halbe Stunde zwischen Begrüßung und Anpfiff durchgeplant. Erst im Anschluss soll die unliebsame Phase der Improvisation beginnen. Jeder Einspieler, jede Schnittfolge, jede Frage steht Stunden vor der Sendung fest, alles wird geprobt und maximal noch einmal an ganz aktuelle Entwicklungen angepasst.

Der Kader der DFB-Elf war ebenfalls keine Überraschung, die Aufstellungen weit vor Sendungsbeginn bekannt. "Hinten Plattenhardt, muss man sehen, wie er sich schlägt", kommentierte Lehmann dann die Aufstellung der deutschen Mannschaft, "letzte Woche hat er ein schlechtes Ergebnis gehabt, in Norwegen, glaub ich, war's. Mit Hertha, gegen... äh...". König ging dazwischen: "In Schweden, ja, Östersund."

Dass Löw das Duo nach dem Spielende ein weiteres Mal zum Thema Plattenhardt korrigieren musste, der mitnichten "sein Pflichtspieldebüt" (Lehmann) oder "zumindest von Anfang an" (König) bestritten hatte, passte leider ins Bild eines Senders, der das eigene Produkt nicht ernst nimmt. Beim Confed Cup hatte Plattenhardt schon einmal in der Startformation gestanden.

Sich vorzubereiten, vielleicht die eine oder andere hilfreiche Information oder Einschätzung parat zu haben, dafür wird Lehmann bezahlt: Wenn ihm zu einem Nationalspieler nicht viel mehr einfällt als dessen Klub - und dass der in der Vorwoche irgendwo in Skandinavien gespielt hat - dann ist er tatsächlich fehl am Platz.

An einer weiteren Stelle wirkte Lehmann zu Beginn komplett überrascht: Ob das Zusammenspiel zwischen Thomas Müller und Sandro Wagner funktionieren könne? "Ich würde fast sagen, muss man mal sehen", stammelte Lehmann. Überflüssiger geht es kaum - wenn man von Lukas Podolskis Videobotschaft mit einer Einschätzung zum vermeintlichen neuen Bayern-Coach Jupp Heynckes ("Immer Spaß, immer locker") einmal absieht.

Es ist auch Lehmanns Aufgabe, Wasser in den Wein zu kippen

Der zweite Kritikblock richtete sich gegen Lehmanns stetes Genörgel am Auftritt des deutschen Teams. Das allerdings ist ein wichtiger Teil seiner Expertenrolle: Ein Team loben, das neun von neun Spielen in seiner Gruppe gewonnen hat - dafür bräuchte es keine zwei Leute. Lehmanns Aufgabe ist es auch, Wasser in Königs Wein zu kippen. Manchmal war es etwas zu viel, wie bei der Kimmich-Kritik oder bei der verwegenen Forderung, das deutsche Team hätte nach dem 2:0 mehr "ins Risiko, ins Dribbling oder nach vorne" gehen müssen.

Manchmal allerdings auch wohldosiert, wie beim Hinweis auf die katastrophale Europapokalwoche der Bundesliga und die Fortschritte der Konkurrenz. "Wir haben 'ne gute Qualität, aber andere haben noch 'ne bessere Qualität", sagte Lehmann. Das ist sprachlich nicht überragend, aber es ist nun einmal Live-Fernsehen. Gegenmeinung äußern, damit so etwas wie eine Diskussion anzuschieben, nicht nur wie König nach den Statements des Bundestrainers nicken, das ist Lehmanns Job. Und den hat er erledigt.

Lehmann verdient sein Geld im TV, ist aber immer noch kein Fernsehprofi. Das zeigte die Plattenhardt-Episode, das zeigte aber auch der Moment ganz am Ende der Sendung, als er vergaß, sein Mikrofon vor den Mund zu halten. Anschließend versprach er sich - rettete sich aber mit einem Lächeln und einer Portion Selbstironie elegant. Davon künftig etwas mehr und die Zuschauer verzeihen ihm auch den verdünnten Wein. Wer dieser Marvin Plattenhardt ist, vergisst Lehmann ohnehin nicht mehr.

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