Verletzung von Jérôme Boateng Den können nicht mal die Bayern ersetzen

Es ist ein Schock für den FC Bayern: Jérôme Boateng wird den Münchnern mit einer Adduktorenverletzung lange fehlen. Der Ausfall bringt Trainer Josep Guardiola in Not - seine Alternativen haben selbst mit Problemen zu kämpfen.

Jérôme Boateng: Einmalige Fähigkeiten
AP/dpa

Jérôme Boateng: Einmalige Fähigkeiten

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Als sein Muskel riss, verzog Jérôme Boateng keine Miene. Es lief die 55. Minute im Spiel des FC Bayern beim Hamburger SV (2:1), der Münchner Abwehrchef ging nach einem Duell mit Dennis Diekmeier zu Boden. Er erkannte sofort, dass etwas nicht stimmte.

Was Boateng ahnte, ist nun gewiss: Der 27-Jährige hat sich eine Verletzung im linken Adduktorenbereich zugezogen. Wenn es gut läuft, steht er dem Klub zum Saisonschlussspurt wieder zur Verfügung. Der Nationalspieler wird etliche Partien verpassen, darunter K.o.-Spiele in Champions League und DFB-Pokal. Den FC Bayern trifft das schwer.

In einem Kader voller Weltklassespieler ist Boateng einer der wenigen unverzichtbaren. Seit mehr als zwei Jahren spielt er konstant auf Top-Niveau. Unter Trainer Josep Guardiola hat er sich vom starken, in seinen Leistungen aber schwankenden Profi zu einem entwickelt, der kaum noch Fehler macht. Boateng ist mittlerweile einer der besten Verteidiger der Welt.

Wie kann der FC Bayern sein Fehlen kompensieren?

Man werde nicht mehr auf dem Transfermarkt aktiv, teilten die Bayern mit. "Es gibt keinen guten Spieler, der auf dem Markt ist. Und Notlösungen bringen einen nicht weiter", sagte Bayerns Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge. Was bleibt, ist eine interne Lösung. Wie könnte die aussehen?

Um diese Frage zu beantworten, muss Boatengs Schlüsselrolle erklärt werden. Der Nationalspieler ist ein verkappter Spielmacher. Im Aufbau hat er das gesamte Geschehen vor sich, gegen die oft sehr defensiven Gegner positionieren sich die Münchner in einer 2-3-5-Formation. Boateng nimmt den rechten Part der Zweierabwehr ein, seine Aufgabe besteht darin, das Geschehen ins vordere Drittel zu tragen.

Bundesliga-Saison 2015/2016: Alle Pässe von Jérôme Boateng ins Angriffsdrittel
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Bundesliga-Saison 2015/2016: Alle Pässe von Jérôme Boateng ins Angriffsdrittel

Boateng ist also der erste Entscheider im Münchner Spiel. Oft bieten sich ihm bis zu sechs Anspielstationen und er muss bestimmen, auf welche Weise der Angriff durchgeführt wird. Entweder er spielt einen Vertikalpass zwischen die gegnerische Abwehr- und Mittelfeldlinie. Hierbei ist eine schnelle Auffassungsgabe erforderlich, denn das Zeitfenster, das sich für einen solchen Pass ergibt, ist oft verschwindend gering. Zudem sind hohe Präzision, Passschärfe und eine variable Technik entscheidend. Seine weiten Diagonalschläge und langen Bälle in den Rücken hoch stehender Abwehrreihen wirken nicht nur spektakulär, sie kommen auch an.

Zudem ist Boateng defensiv eine Bank. Er vereint Größe und Zweikampfstärke mit Stellungsspiel und Schnelligkeit. Gerade bei Letzterem kann von Bayerns Abwehrspielern einzig David Alaba mithalten. Dabei ist Speed unabdingbar im Münchner System, das vorsieht, den Gegner zu langen Bällen zu zwingen. Um diese zuverlässig verteidigen zu können, müssen die Abwehrspieler immense Räume abdecken können.

Erster Ersatzkandidat ist Javi Martínez. Dem Spanier, 27, geht zwar Boatengs Schnelligkeit ab, doch dafür verfügt er über das etwas bessere Timing in direkten Duellen. Er ist jedoch kein so starker Ballverteiler. Wo Boateng Chancen erkennt, sieht Martínez Risiken. Zudem bleibt er unter Druck nicht so souverän wie Boateng.

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Verletzter Bayern-Star Boateng: Der spielmachende Abwehrboss
Medhi Benatia und Holger Badstuber wären die nächsten Anwärter auf Boatengs Platz. Benatia, 28, fehlt der Antritt Boatengs, zudem trifft er im Stellungsspiel noch mitunter die falschen Entscheidungen. Er ist zwar elegant am Ball, spielt im Schnitt aber seltener Pässe ins Angriffsdrittel. Badstuber, 26, reicht in Sachen Spieleröffnung an Boateng heran. Als Linksfuß ist er jedoch ungeeignet für den rechten Part in der Abwehr, weil er von dort aus nur umständlich Diagonalpässe spielen kann. Im Alltag würden diese Defizite vielleicht nicht ins Gewicht fallen, in der Champions League jedoch, wo den Ballführenden weniger Zeit bleibt, kann das zum Problem werden. Was außerdem Sorgen bereitet, ist der Faktor Gesundheit.

Benatia kämpft noch mit den Folgen eines Muskelbündelrisses und bestritt in dieser Saison gerade mal 610 von 2520 möglichen Minuten. Badstuber ist ohnehin einer der Pechvögel des deutschen Fußballs, erst seit November 2015 ist er wieder einsatzfähig, ob er es bleibt, ist ungewiss. Auch Martínez plagten in den vergangenen Jahren größere und kleinere Verletzungen.

Sollten die etatmäßigen Verteidiger ebenfalls ausfallen, müssten andere einspringen. Rafinha spielte bereits in der Innenverteidigung. Dort könnte auch Arturo Vidal aushelfen, als Jungprofi sammelte er in Südamerika bereits Erfahrungen in der Abwehr. Eine mögliche Variante wäre eine Dreierkette, etwa mit dem passstarken Xabi Alonso als zentralem Akteur. So wäre die Last des Spielaufbaus auf mehrere Spieler verteilt, die einzelnen Verteidiger müssten bei gegnerischen Kontern weniger Raum abdecken.

Allerdings würde so ein Spieler in der Offensive fehlen, Guardiolas Statik wäre nicht mehr dieselbe. Dieses Problem bestünde auch, wenn der Coach Alaba nicht mehr als aufrückenden Verteidiger, sondern als Absicherung hinten behielte. Guardiola müsste sein mühsam etabliertes taktisches Konzept umbauen.

Spätestens, wenn schwere Brocken auf die Bayern warten, könnte es dann eng werden. Guardiola wird sich etwas einfallen lassen müssen. Er kann das. Das Fehlen von Jérôme Boateng zu kompensieren, wird aber selbst für ihn zur harten Nuss.


Zusammengefasst: Jérôme Boateng wird dem FC Bayern lange fehlen. In der Abwehr ist der Nationalspieler nicht zu ersetzen. Im Bundesligaalltag dürfte der Ausfall für den Rekordmeister kein größeres Problem darstellen. In der Champions League hingegen warten europäische Spitzenklubs. Dort wird sich Trainer Josep Guardiola etwas Besonderes einfallen lassen müssen. Sogar eine Umstellung in der Defensive ist denkbar.

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Seite 1
johannesraabe 26.01.2016
1.
Und am Ende holt Bayern die CL. Not macht erfinderisch. Gibt es heute nichts anderes, als sich zehnmal am Tag über Bayerns Abwehrreihe den Kopf zu zerbrechen?! Selbst ohne JB ist die Abwehr immernoch die beste der BL. Und selbst wenn Bayern darunter leidet, genießen wir doch einfach mal, dass vielleicht jemand anderes einen Pokal gewinnt.
dave1986 26.01.2016
2. dummes Geschwafel!
Bayern hat für 40 Million Martinez und er ist fit und mindestens genau so gut wie boateng! schaut euch die Bilanzen an was Martinez wegräumt und boateng! Also schreibt nicht so einen Stuss!
torflut 26.01.2016
3. @ Nr. 2
geschwafel? Ich finde die Analyse in Ordnung. Es geht eben nicht nur ums "wegräumen". Spieleröffnung, lange- und genaue Pässe, Schnelligkeit usw.! Ich wünsche Badstuber ein stabiles Jahr 2016. Er hat sich den Spaß am erfolgreichen Fußball verdient. Und wir alle würden ihn im Sommer gerne bei der N11 sehen oder?
UncleRuckus 26.01.2016
4. Reden wir hier von Boateng?
Lassen Sie mal die Kirche im Dorf, Herr Montazeri. Bei Bayern muss man sich nur wegen Neuer Sorgen machen. Alle anderen sind ersetzbar, es dürfen nur nicht mehrere auf einmal ausfallen natürlich. Aber Boateng? Auch wenn Bayern in der IV etweas dünn besetzt ist, wird das kaum eine Rolle spielen. In der Buli sowieso nciht. Und in der CL eigentlich auch nicht. Nur gegen Barca oder Real sollte man in topform sein, aber gegen die kommt es nicht auf Boateng an, wie wir in den letzten Jahren deutlich gesehen haben.
loncaros 26.01.2016
5.
So ein Unsinn. Bayern wird unangefochten Meister. Die CL war's wohl, aber das ist ja nichts neues. Immerhin hat PG dafür jetzt eine Ausrede. Eine schwache Abwehr ist egal, wenn der Gegner nicht zum Angriff kommt. Verstärken die Bayern halt den Angriff und gewinnen 4:2 anstatt 3:0.
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