Jérôme Boateng über Rassismus "Es gibt Orte, an die ich meine Töchter auf keinen Fall lassen würde"

Jérôme Boateng hat in einem Interview über seine Erfahrungen mit Rassismus in Deutschland gesprochen. Kritisch sieht er den Umgang des Nationalteams mit Mesut Özil.

Jérôme Boateng
Getty Images

Jérôme Boateng


Er wurde in seiner Karriere rassistisch beschimpft, beleidigt und bespuckt. Als Kind, aber auch heute hat er noch darunter zu leiden. Das erzählt der deutsche Fußball-Nationalspieler Jérôme Boateng in dem nach ihm benannten Magazin "Boa", das am Samstag zum ersten Mal erscheint.

"Wenn ich mich am Rand des Spielfelds warm mache, höre ich öfter, wie Zuschauer Affenlaute von der Tribüne brüllen, obwohl ich für Deutschland so viele Spiele bestritten habe", sagt Boateng in dem Doppelinterview, in dem der 30-Jährige gemeinsam mit Herbert Grönemeyer vor allem Fragen zur gesellschaftlichen Stimmung in Deutschland beantwortet.

Das Land ringe mit sich, sagt Boateng dazu. Die Flüchtlingskrise in Europa werde in seinem Freundes- und Kollegenkreis nach wie vor viel diskutiert. "Immer wieder kommen wir auf das gleiche Thema: Was machen wir mit den vielen Menschen, die zu uns kommen? Und welche Folgen ergeben sich daraus?"

Er spüre, dass viele Leute ihre Mitmenschen wieder mehr in Schubladen steckten: "Eine für die Deutschen, eine für die Migranten. Und die Deutschen, deren Eltern vielleicht ausländische Wurzeln haben und die nicht weiß sind, sich aber völlig deutsch fühlen, weil sie hier aufgewachsen sind, werden wieder skeptischer angeschaut."

Er finde es schade, dass man in Nachrichten immer wieder hetzende Gruppen sähe. Die Gesellschaft sei viel offener. "Viele Leute erleben jeden Tag im Sportverein oder auf der Arbeit, was für ein Gewinn es ist, dass wir ein so buntes Land sind. Der Gewinn der WM 2014 wäre ohne all die Spieler mit so unterschiedlicher Herkunft bestimmt nicht möglich gewesen."

"Mit anderer Hautfarbe hast du da immer etwas zu befürchten"

Er selbst habe als Kind und Jugendlicher immer wieder Rassismus erlitten. Bei manchen Spielen in Marzahn oder in Leipzig hätten die Eltern der gegnerischen Mannschaft ihn und Mitspieler bespuckt. "Dabei waren manche von uns gerade mal zehn Jahre alt. Ich erinnere mich noch an ein Pokalspiel beim Köpenicker SC. Da ist der Vater eines Gegenspielers auf unsere Seite gekommen, hat mich die ganze Zeit beleidigt. Irgendwann hab ich angefangen zu heulen."

Heute spüre er keinen Stich mehr, sagt Boateng. "Als ich jünger war, war das brutal. Meine Eltern sprachen lange nicht mit mir über meine Hautfarbe. Sie war gar kein Thema. Dann ruft dir plötzlich jemand 'Hey, mein kleiner Nigger' zu. Meine Eltern haben mir da erklärt, dass manche Menschen Probleme mit meiner Hautfarbe haben. Ich konnte das nicht glauben. Für ein Kind ergibt das keinen Sinn."

Tatsächlich sei Sportlern wie ihm lange eingeimpft worden: besser nichts sagen, nicht anecken, lieber auf den Sport konzentrieren. "Aber wenn rechte Parolen bis in die Mitte der Gesellschaft vordringen, sollte jeder aufstehen und Stellung beziehen. Wir Spieler bekommen viel Aufmerksamkeit. Mir ist in den vergangenen Jahren immer klarer geworden, dass ich für viele Menschen auch ein Botschafter bin. Spätestens seit der Nachbar-Geschichte...", so Boateng in Anspielung auf die Aussage des AfD-Politikers Alexander Gauland, der sagte: "Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut, aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben."

Klare Worte zu Özil

"Ich weiß, viele meinen nun, ich habe gut reden. Als Profifußballer befinde ich mich in einer luxuriösen Situation. Aber auch ich mache mir Gedanken, in welchem Land meine drei Kinder aufwachsen."

Seine Zwillingstöchter hätten noch keine Erfahrungen mit Rassismus gemacht. "Sie sind sieben Jahre alt. Bald werde ich mit ihnen über das Thema sprechen müssen." Es gebe Orte in Deutschland, an die er seine Töchter nicht auf Klassenreise fahren lassen würde, in die Berliner Ortsteile Marzahn oder Weißensee etwa - "mit anderer Hautfarbe hast du da immer etwas zu befürchten".

Auch zu Mesut Özil äußert sich Boateng. Der Mittelfeldspieler hatte kurz vor der WM gemeinsam mit den Profis Ilkay Gündogan und Cenk Tosun für ein Foto mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan posiert und war dafür heftig kritisiert worden. Ende Juli, einige Wochen nach dem historisch frühen WM-Aus, hatte Özil dann bekannt gegeben, nicht mehr für die deutsche Nationalmannschaft spielen zu wollen.

Özil beklagte in seiner Erklärung, in den Augen von DFB-Präsident Reinhard Grindel und seinen Unterstützern sei er ein Deutscher, wenn die Mannschaft gewinne, aber ein Migrant, wenn sie verliere. Unter dieser Doppel-Beurteilung habe er weniger zu leiden, sagt Boateng im Interview. Ihm sei aber aufgefallen, dass vor allem bei türkischstämmigen Spielern "viele Fans und Medien viel kritischer als bei anderen Spielern kommentieren".

Nach Özils Rücktritt hatte es kaum Reaktionen vonseiten der Nationalmannschaft gegeben, Boateng twitterte als erster Spieler dazu: "Es war mir eine Freude, Abi." Den politischen Kontext der Causa Özil thematisierte er nicht. Auf die Frage, warum die deutsche Nationalmannschaft für Özil und Gündogan nicht eine ähnliche Aktion unternommen hat, wie das schwedische Team für den rassistisch beleidigten Jimmy Durmaz, sagt Boateng. "Was die Schweden gemacht haben, war wirklich stark. Da hatte ich Gänsehaut. Das fanden auch viele andere bei uns im Team top." Eine Debatte darüber, eine ähnliche Aktion zu starten, habe es aber nicht gegeben. "Leider. Und dann haben wir auch schon wieder gespielt." Erst nach dem Turnier sei ihm klar geworden, "dass wir im Team viel mehr für Mesut hätten tun können. Es ist schade, dass es dazu nicht gekommen ist".

Warum es so war, erklärt Boateng nicht. An dieser Stelle wurde nicht nachgefragt. An anderer Stelle, an der Boateng davon spricht, dass die Nationalmannschaft nach Özils Rücktritt "ein ganz anderes Image verpasst bekommen" habe, bleiben Fragen offen. Ein Angriff auf den DFB? Die Sponsoren? Die Medien? Das ist nicht vertieft worden.

luk

TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.