Bundestrainer macht weiter Ein anderer Löw

Joachim Löw hat sich entschlossen, als Bundestrainer weiterzumachen. Aber er muss sich neu erfinden. Nur wenn er es schafft, sich selbst zu verändern, ergibt diese Entscheidung einen Sinn.

Joachim Löw
Getty Images

Joachim Löw

Aus Samara berichtet


Am 6. September wird in der Münchner Arena alles so sein wie bisher. Deutschland spielt gegen Frankreich sein erstes Länderspiel nach der WM, möglicherweise spielt dort der neue Weltmeister gegen den alten. Auf der Bank wird wie immer Bundestrainer Joachim Löw sitzen, es wird sein 166. Länderspiel als Cheftrainer sein. Alles wie gehabt. Und doch muss es ab diesem 6. September ein ganz anderer Joachim Löw sein.

Der Bundestrainer macht weiter, den Gesetzen zum Trotz, dass ein Neuanfang nach einem Turnierdebakel auch eine personelle Erneuerung mit sich bringt. Damit hat er in Kauf genommen, dass er von nun an mit anderem, weit kritischerem Blick begleitet wird als in den vergangenen vier Jahren.

Fotostrecke

22  Bilder
Joachim Löw: Der Weltmeister-Coach

Das frühe - und vor allem in seiner Art desaströse - Gruppenphasen-Aus bei der WM in Russland nimmt Löw als schwere Hypothek mit in die neue Zeit. Von "tiefgreifenden Veränderungen" war nach dem Ausscheiden die Rede - aber die herausgehobenste Personalie, der Posten des Bundestrainers, bleibt schon einmal unangetastet. Daher ist Löw mehr denn je in der Pflicht, auf anderem Wege der Öffentlichkeit zu beweisen, dass es ihm und dem Verband ernst ist mit dieser Ankündigung.

Oliver Bierhoff - "Wir konnten das so nicht beenden":

REUTERS

Was wird mit Löws Assistenten?

Also wird der Umbruch anderswo erfolgen, damit nicht der Eindruck entsteht: Alles bleibt beim Alten. Das könnte zum Beispiel Löws Assistenten betreffen, die wie ihr Chef mit frischen Verträgen ausgestattet sind. Löw hat Thomas Schneider und Marcus Sorg auch danach ausgesucht, dass sie ihm ohne großes Kontra zuarbeiten, seine Linie hundertprozentig stützen und als Rädchen im Getriebe ihren Job erfüllen. Das war zuletzt zu wenig, mehr Widerspruchsgeist, mehr Reibung, mehr Schwergewicht im Trainerteam würde auch Löw guttun.

Fotostrecke

10  Bilder
Bundestrainer: Von Nerz bis Löw

Löw liebt es, vertraute Personen um sich zu haben, mit manchen in seinem Umkreis arbeitet er seit 14 Jahren beim DFB zusammen. Torwarttrainer Andreas Köpke, Chefscout Urs Siegenthaler, Mannschaftsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, Psychologe Horst-Dieter Hermann gehören schon so gut wie zum DFB-Inventar. Verschleißerscheinungen sind da irgendwann normal. Siegenthaler, eine Art Scouting-Guru, hat sich bei der Einschätzung des ersten Gegners Mexiko und von dessen Spielweise offenbar gründlich verschätzt - zumindest hatte das Team die Mexikaner taktisch gänzlich anders erwartet. Das kann passieren, kann aber auch ein Zeichen sein, dass das reibungslose Miteinander von Löw und seinen Vertrauten nach so vielen Jahren an Grenzen kommt.

Es wird verdiente Weltmeister treffen

Auch bei der Nominierung seiner Spieler wird Löw Zeichen setzen, wahrscheinlich Zeichen setzen müssen. Das wird den einen oder anderen verdienten Weltmeister treffen, bislang hat keiner aus dem WM-Kader von sich aus Rücktrittsabsichten geäußert. "Tiefgreifende Veränderungen" - im Aufgebot für die nächsten Länderspiele sollten sie zumindest schon angedeutet werden, sonst wird die Ungeduld der Öffentlichkeit steigen.

Die schwerste Aufgabe wartet auf Löw allerdings in der Trainerfrage. Der Bundestrainer wird sich häuten, einen neuen Joachim Löw kreieren müssen, einen, der nicht mehr so entrückt wirkt, der nicht den Eindruck erweckt, in seiner eigenen Welt zu kreisen. Das war es, was ihm bei diesem Turnier wahrscheinlich am meisten geschadet hat. Löw erschien wie jemand, der sich mittlerweile vollständig im Löw-Kosmos eingerichtet hat. Ratschläge von außen haben ihn noch nie besonders interessiert, man hatte jedoch das Gefühl, er nimmt sie inzwischen gar nicht mehr zur Kenntnis.

Der Nimbus des Weltmeisters - er hat den DFB träge gemacht. Manager Oliver Bierhoff hat während des Turniers gesagt: "Wer mich kennt, weiß, dass es für mich keinen Stillstand gibt." Aber genau das war es, was diese Nationalmannschaft ausgestrahlt hat: Stillstand. Und der Trainer machte dabei keine Ausnahme. Der Marketingslogan "Best never rest", den sich die Mannschaft zu diesem Turnier gegeben hatte, war daher ein Hohn und fällt dem DFB jetzt auf die Füße. Sie sind nicht mehr die Besten, und sie haben sich ausgeruht.

Nach einem Tiefschlag weiterzumachen, den Leuten es noch einmal zu zeigen, was er kann, dass er es kann, zerstörtes Vertrauen wiederherzustellen: Das ist jetzt die Herausforderung, vor der Joachim Löw steht. Es ist wahrscheinlich seine bisher schwerste Aufgabe. Ab dem 6. September sitzt ein anderer Joachim Löw auf der Bank, sonst hätte er sich die Entscheidung vom heutigen Tag sparen können.



insgesamt 118 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
f_eu 03.07.2018
1.
Naja so ist es. Der Fußball lebt halt von Fehlentscheidungen.
Levator 03.07.2018
2. Ein anderer DFB
nicht wiederzuerkennen - der weltgrößte Fußballverband. Hatten mal richtig Mumm die Jungs....
shogan 03.07.2018
3.
Super-Gau für den deutschen Fussball, mehr kann man dazu nicht sagen. Eine Besserung wird erst eintreten unter einem Trainer der nicht Löw heist.
golfstrom1 03.07.2018
4. Löw
Ich glaube dieses Vorrundenaus hat in ihm den Ehrgeiz geweckt. Er hatte die Chance vom DFB bekommen einen Neuanfang zu wagen und wird diese Chance versuchen zu nutzen. Seine Erfolge zwischen 2008 und 2016 halfen ihm dabei zurecht diese Chance zu bekommen. Aber jetzt heißt es, ganz wie es in dem Artikel beschrieben steht, Veränderungen einzuleiten. Es geht darum das Team neu zu definieren. Ich denke, dass Spieler wie Khedira, Özil, Gomez oder eventuell auch Draxler oder Boateng Schwierigkeiten bekommen könnten in Zukunft nominiert zu werden. Sie sollten nicht mehr auf Basis alter Erfolge nominiert werden, sondern sollten wirklich überragen in ihren Vereinen. Vielleicht sollte auch die Kapitänsfrage neu gestellt werden. Ein kritischer und hinterfragender Geist wie Mats Hummels täte der Mannschaft jetzt sehr gut. Ansonsten ist die Basis an Spielern ja nach wie vor vorhanden. Ter Stegen im Tor hat sich enorm entwickelt. Süle, Hector, Kimmich, Hummels oder auch Rüdiger werden noch viele Jahre auf gutem Niveau spielen können. Im Mittelfeld sollte Kroos weiterhin der Boss bleiben, Reus und auch Brandt haben durchaus überzeugt bei der WM, ansonsten ist mit Sane oder Gnabry im Nachwuchsbereich noch ausreichend Potential vorhanden. Und Timo Werner wird sicher der Stürmer der nächsten Jahre.
onelastremarktoall 03.07.2018
5. In Ruhe analysiert hatte hatte Deutschland Pech...
...und das Trainerteam machte einen groben Fehler, der Rest waren Kleinigkeiten. 1. Pech: Die Eils-Position (Ick bün all dor) erfüllte Khedira nicht, obwohl er im Verein eine ausgesprochen gute Saison ablieferte. Sein Backup machte seine Sache hervorragend, aber verletzte sich schwer, wodurch wieder Khedira ran musste und es nicht schaffte diese Position auszufüllen. Das Abwehrdebakel war dadurch kaum zu verhindern. 2. Grober Fehler: Für die rechte Angriffsseite standen Müller und Brandt zur Verfügung. Müller ersichtlich völlig ausser Form, während Brandt bei seinen nur kurzen Einsatzzeiten zeigte, dass er (zumindest bei diesem Turnier) diese Position deutlich besser ausfüllen konnte. Warum das Trainerteam trotzdem an Müller festhielt, erschliesst mir nicht. Der Rest sind eher Kleinigkeiten, die im Laufe eines länger dauernden Turniers korrigiert werden können. Die ganzen anderen Personaldiskussionen bezüglich der Spieler basieren wohl auf persönlichen Vorlieben der Kommentatoren. Auch ein Sané konnte bisher in der Nationalmannschaft noch nicht annähernd überzeugen, weshalb seine Nichtberücksichtigung durchaus nachvollziehbar ist. Der eine Punkt ist halt wirklich Pech, aber so etwas, wie bezüglich Müller/Brandt passiert ist, sollte zukünftig nicht wieder passieren.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.