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05. September 2018, 17:33 Uhr

Nationalmannschaft vor Frankreich-Duell

Löw muss sich neu beweisen

Aus München berichtet

Es soll ein Neuanfang werden, doch die DFB-Elf steht gegen Frankreich bereits wieder unter Druck. Der Bundestrainer findet langsam zur Selbstsicherheit zurück, gegenüber Mesut Özil demonstriert er jetzt vor allem Härte.

Das bevorstehende Spiel gegen Frankreich ist das sage und schreibe 166. Länderspiel von Bundestrainer Joachim Löw. Vor zwölf Jahren hat er die Nationalmannschaft als Chefcoach übernommen, und wenn man ihn vor der Partie über die Dreierkette, über die Perspektiven des niederländischen Fußballs und über seine Freundschaft zu Frankreichs Weltmeistertrainer Didier Deschamps reden hört, dann wirkt dieses 166. Länderspiel am Donnerstag in München wie ein völlig normales Spiel. Business as usual, established since 2006.

Aber dieses Spiel ist keine normale Partie.

Vor acht Wochen ist die deutsche Mannschaft erstmals in ihrer Geschichte in der Gruppenphase einer WM gescheitert, das ist Jupp Derwall nicht passiert und Berti Vogts auch nicht. Das erste Länderspiel nach dieser einmaligen Pleite, nach all dem, was danach geschah rund um Mesut Özil - dieses Länderspiel wird so sorgsam beobachtet wie ganz wenige von den 165 Löw-Spielen zuvor.

Löw hat sich den Druck selbst erhöht

Der Bundestrainer selbst sagt, er spüre zwar Druck, doch den habe er vor allen seinen Turnieren gehabt, aber "mit diesem Druck musst du logischerweise umgehen". Er hat ihn sich selbst noch ein bisschen erhöht, indem er fast auf das gleiche Personal setzt, das bei der WM so enttäuschte. Er hat ihn weiter gesteigert, indem er zwei Monate auf seine Analyse des WM-Scheiterns warten ließ und diese dann dürftig ausfiel. "Mir ist bewusst, dass wir liefern müssen", sagt Löw.

In der Vorwoche, als er seine Analyse vorstellte, wirkte Löw sichtlich verunsichert. Man spürte, wie neu ihm diese Situation ist, als jemand, der nach Jahren des Erfolgs plötzlich ein Scheitern verwalten musste, und zwar ein Scheitern, das totaler kaum sein könnte. Am Donnerstag war die alte Selbstsicherheit zumindest wieder zu ahnen: "Wir werden eine ganz andere Mannschaft sehen." Das formulierte er in Bezug auf das Frankreichspiel nicht im Konjunktiv, sondern da war wieder der selbstgewisse Löw. Er blitzte auf.

Zum Thema Özil "ist alles gesagt"

Aber dieser Sommer hat nicht nur die sportlichen Gewissheiten um diese Mannschaft umgekehrt, er hat auch vieles erschüttert, was selbstverständlich erschien: Wie steht es um den Teamgeist? Wie steht es um die Akzeptanz der Spieler, die aus Einwandererfamilien kommen? Was ist mit den vom DFB verkündeten Werten wie Integration, wie Gemeinschaft wirklich? Plötzlich steht vieles infrage. Oder wirkt nur noch hohl.

Das Thema ist Joachim Löw unangenehm, aber vor allem die internationalen Pressekollegen, extra zu diesem Tage vom DFB eingeladen, um gut Wetter für die EM-Bewerbung 2024 zu machen, möchten mehr dazu wissen. Löw sagt: "Zum Thema Mesut Özil ist eigentlich alles gesagt." Das war auch schon der Standpunkt des DFB Ende Mai. Danach wurde noch ziemlich viel gesagt.

Zu dem Thema ist alles gesagt, sagt Löw also. Aber er selbst hat in der "Sportbild" am Morgen erneut Öl ins Feuer gegossen. Eine Rückholaktion von Özil ins Nationalteam hat er kategorisch ausgeschlossen. "Der Spieler ist zurückgetreten und damit ist das Thema erledigt", wiederholt der Bundestrainer nun bei der Pressekonferenz, was er der Zeitung schon mitgeteilt hat. "Die Spieler, die zurückgetreten sind, spielen keine Rolle mehr." Es klingt schroff.

Löw hat sich festgelegt. Mit Özil, seinem Lieblingsspieler des vergangenen Jahrzehnts, ist er durch. Gegen Frankreich sind die Anderen gefordert, die, die bei der WM noch die Teamkollegen Özils waren und jetzt seine Lücke schließen sollen. Marco Reus, Toni Kroos, Leon Goretzka, Thomas Müller, "diese Spieler haben außergewöhnliche Qualitäten", sagt Löw.

Am Donnerstag müssen sie diese nachhaltig beweisen, damit sorgsam hergestellte Ruhe nicht kippt. Sie ist brüchig genug. Der Bundestrainer hat gesagt, er agiert ab sofort "unter Beobachtung". Wenn man strenger ist, könnte man sagen: Er ist nicht mehr unantastbar.

Immerhin: Seine Fähigkeit zur Ironie hat Joachim Löw in der Sommerpause offenbar neu entdeckt. Angesprochen auf die EM-Bewerbung für 2024 sagt er: "Der DFB hat im Vorfeld alles getan, um diese Bewerbung erfolgreich zu gestalten." Da allerdings niemand lachte, könnte es sein, dass er den Satz ernst gemeint hat.

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