Bundestrainer Joachim Löw: Der Titel ist sein Schicksal
Selten hatte ein Bundestrainer seine Mannschaft so im Griff wie Joachim Löw. Die DFB-Elf strahlt einen fast unheimlichen Korpsgeist aus, die Kritiker in den eigenen Reihen sind verstummt. Jetzt muss nur noch ein Titel her - und zwar bei dieser EM. In zwei Jahren bei der WM könnte es zu spät sein.
Turnierzeit ist Joachim-Löw-Zeit. Wenn andere um ihren Schlaf gebracht werden, weil es um alles geht, beginnt der Bundestrainer sich zu freuen. Das behauptet er zumindest. Weil er und sein Team sich lieber mit den Großen des Fußballs messen wollen als in irgendwelchen Testpartien mit der Schweiz oder Norwegen. Das klingt sehr kokett. Doch wer Löw in diesen Tagen der Europameisterschaft erlebt, beginnt sogar zu glauben, dass das wirklich stimmt.
Es ist Löws drittes Turnier als Bundestrainer, eigentlich sogar schon das vierte: Auch bei der Heim-WM 2006 zog er bereits die Fäden, während Jürgen Klinsmann für die Öffentlichkeit den Motivationsguru gab. Aber noch nie war Löw so sehr der Herr des Verfahrens wie jetzt. Dieser EM-Kader ist allein der seinige. Es gibt keine Altlasten mehr, das Thema Michael Ballack ist abgehakt. Die Zweifler beim DFB, die 2010 noch ihre Lobby hatten, sind verstummt oder nicht mehr da.
Wenn das deutsche Team tatsächlich den Titel holen würde, wäre dies der Titel des Joachim Löw. Umgekehrt heißt das aber auch: Wenn die Nationalmannschaft vorzeitig, das heißt im Viertel- oder Halbfinale, scheitert, wäre das Löws persönliche Niederlage.
Abseits des Platzes herrscht totale Selbstkontrolle
Der 52-Jährige macht nach außen einen geradezu unheimlich ruhigen Eindruck. Während der Spiele merkt man zwar, wie es in ihm brodelt, wie er an Fehlern auf dem Platz leidet, wie ungnädig er auf Aussetzer seiner Spieler reagiert. Doch abseits der 90 Minuten herrscht die totale Selbstkontrolle. Die öffentliche Diskussion um Mittelstürmer Mario Gomez moderierte Löw ab, die Degradierung der langjährigen Stammkräfte Per Mertesacker und Miroslav Klose zu Ergänzungsspielern stellte er so dar, als wäre das ein völlig normaler Vorgang.
Mit allem, was er tut, mit allem, was er sagt, demonstriert Löw nach außen die Botschaft: Wir haben alles im Griff. Die EM ist durchgeplant bis ins letzte Detail, wir sind auf alles vorbereitet. "Natürlich hatte ich einen Plan B in der Tasche für diesen Fall", kommentierte er die Frage, was denn passiert wäre, wenn im letzten Spiel der Gruppenphase der Gegner Dänemark in Führung gegangen wäre und damit das eigene Vorrunden-Aus gedroht hätte.
Löws Kritiker sind mittlerweile so gut wie verschwunden oder finden kein Gehör mehr. Sie finden sich nur noch in Internetforen, wo einige User ihren Kampf gegen den bislang titellosen Coach führen, ihm seine unerbittliche Härte gegen die einst verdienten Nationalspieler Ballack, Torsten Frings und Kevin Kuranyi vorhalten. Namen, die fast wie Gespenster aus einer fern zurückliegenden Zeit klingen in einer Ära, in der selbst Top-Spieler wie Marco Reus, Mario Götze oder Toni Kroos nicht stark genug scheinen für die erste Elf.
Die Mannschaft wirkt fast unheimlich homogen
Selbstzweifel - nein, die hat dieser Bundestrainer nicht. Und wenn, versteckt er sie so gut, dass sie nicht mal in Zwischentönen erkennbar sind. Stattdessen strahlt die gesamte deutsche Equipe vom dritten Torhüter über den Mediendirektor bis hin zum Zeugwart eine fast unerschütterliche Zuversicht aus. Löw hat die Nationalmannschaft zu einer Truppe mit Korpsgeist geformt. Alle scheinen dasselbe zu denken, alle scheinen dasselbe zu wollen. Selbst einer wie Ersatztorwart Tim Wiese, der in der Vergangenheit immer gut war für einen öffentlichen Querschuss, gibt sich nun lammfromm.
Diese Mannschaft hat unter Löw die vergangenen 14 Pflichtspiele gewonnen, die letzte Niederlage gab es im WM-Halbfinale gegen die Spanier. Es ist vielleicht Löws Schicksal, dass er zu einer Zeit Bundestrainer ist, in der es gleichzeitig eine spanische Mannschaft gibt, die noch nie so gut war wie in diesen Jahren. Ohne die Spanier wäre Deutschland wohl 2008 schon Europameister geworden, hätte vielleicht 2010 den Titel bei der WM geholt.
Löw hat die Spanier eine Zeit lang als einzig ernsthaften Gegner wahrgenommen. Mittlerweile weiß er, dass andere aufgeholt haben: Frankreich, Italien, auch wenn beide bei der EM noch nicht so recht in Schwung sind; auch Portugal, das zum EM-Auftakt gegen die DFB-Elf fast gleichwertig war.
Der Bundestrainer ahnt, dass er sich beeilen muss mit dem Titel. 2014 ist die WM in Brasilien: Die Gastgeber werden alles tun, um den Weltpokal im eigenen Land zu gewinnen, sie basteln bereits an einer neuen großen Mannschaft. Betrachtet man das Alter der Spieler, wäre das deutsche Team eigentlich erst in zwei Jahren reif für den großen Coup. Aber dann könnten auch andere so weit sein wie die deutsche Nationalmannschaft jetzt schon ist.
2012 ist daher die Gelegenheit, in diesem Jahr soll der Titel her. Es könnte das Turnier des Joachim Löw werden. In zwei Jahren ist es vielleicht zu spät.
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- Mittwoch, 20.06.2012 – 16:12 Uhr
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