Sieg in Kasachstan: Löw und der Sturm ohne Stürmer
Was macht man, wenn kein Stürmer da ist? Bundestrainer Löw bringt dann eben noch einen seiner Mittelfeld-Diamanten. Beim Sieg Deutschlands gegen Kasachstan durfte sich Mario Götze als "falscher Neuner" beweisen. Die Aufstellung gegen den harmlosen Gegner war womöglich mehr als ein Experiment.
Hamburg - Es gab an diesem Freitagabend viel Echtes in Kasachstan. Zum Beispiel die Freude von Thomas Müller, der nach dem Spiel mit Bastian Schweinsteiger scherzte, wer denn nun wie viel Prozent Anteil am ersten DFB-Tor hatte. Oder die Schmerzen von Mario Götze und Julian Draxler: Dem einen war ein Kasache von hinten in die Beine gesprungen, der andere musste nach einem Zusammenprall ausgewechselt werden. Doch beim 3:0 (2:0)-Sieg gegen Kasachstan ging es nur am Rande um echte Sachen, im Fokus stand eine falsche.
Genauer gesagt: Es ging um die "falsche Neun". Als solche war BVB-Star Götze aufgelaufen, der also quasi einen "falschen" Stürmer mimte. Bundestrainer Joachim Löw hatte sich zu dieser Variante entschlossen, da sein einziger nomineller Angreifer Mario Gomez im DFB-Aufgebot mit einer Oberschenkelverletzung ausgefallen war.
Doch auch ohne die Verletzung, die Löw die Entscheidung abnahm, wäre Götze statt Gomez eine ernstzunehmende Option gewesen. Das hatten die Verantwortlichen in den vergangenen Tagen immer wieder betont, und auch nach Gomez' Ausfall bestätigte Teammanager Oliver Bierhoff: "Die Entscheidung war bis zu dieser Meldung noch nicht gefallen."
Vorbild Spanien
Das Spiel ohne echten Stürmer, es geistert schon länger in Löws Kopf herum. "Es ist eine Variante und eine zusätzliche Option, die man im Spiel haben muss. Wir haben das ein- zweimal ausprobiert und es hat ganz gut geklappt", sagte der Bundestrainer nach dem Spiel.
In der Tat: Es war nicht Löws erster Test des Systems, das auch die spanische Nationalmannschaft während der EM 2012 einige Male zeigte, als Cesc Fabregas den Part der "falschen Neun" übernahm. Im November des vergangenen Jahres hatte Löw ebenfalls Götze in die Spitze gestellt, damals war die Entscheidung noch mehr aus der Not heraus geboren, da Gomez und Klose verletzt gefehlt hatten.
Auch beim 2:1-Testspielsieg gegen Frankreich im Februar setzte Löw für etwa eine halbe Stunde auf die Taktik ohne gelernten Angreifer. "Ich wollte Mesut Özil und Toni Kroos im Zentrum haben, um da noch mehr Übergewicht zu erzielen, um die Bälle besser zu halten und mit Podolski, Schürrle oder Müller besser in die Spitze zu kommen. Damit kamen die Franzosen nicht so zurecht, weil sie die Zuordnung in der Innenverteidigung verloren haben. Wir haben dann die Angriffe auch fast immer vor das Tor gebracht", begründete er damals seine Entscheidung.
"Wollen die Nummer Neun nicht abschaffen"
Doch Löws taktische Überlegungen haben auch andere Gründe, die nicht nur im Wunsch, variabler zu werden begründet liegen. "Wir wollen ja die Nummer Neun nicht abschaffen. Wir haben normalerweise Klose und Gomez - und wenn diese Spieler in Top-Form sind, dann brauchen wir diese vorne."
Doch genau daran hapert es momentan: Mario Gomez ist zwar ein Stürmer mit einer überragenden Trefferquote. Doch bei seinem Club FC Bayern sitzt er in dieser Saison meist auf der Bank, kommt erst spät in die Partien. Wie soll er da in Top-Form kommen? Miroslav Klose, ob seiner Zuverlässigkeit und Spielstärke über Jahre hinweg Löws erste Wahl im DFB-Angriff, hatte zuletzt mit langwierigen Verletzungen zu kämpfen. Er ist mittlerweile 34 Jahre alt.
Nun könnte Löw natürlich auf Leverkusens Stefan Kießling setzen, der in dieser Saison schon 16 Tore in der Liga erzielt hat. Doch der Bundestrainer scheint keine Lust auf den Bayer-Stürmer zu haben. Löw konzentriert sich lieber auf den Mannschaftsteil, in dem er ein schier unerschöpfliches Arsenal an Top-Spielern weiß: das offensive Mittelfeld.
Mesut Özil, Toni Kroos, André Schürrle, Lukas Podolski, Thomas Müller, Marco Reus, Mario Götze - sie alle haben einen guten Zug zum Tor und strahlen Torgefahr aus. Warum also nicht auf eine Formation setzen, mit der er so viele seiner besten Spieler einsetzen kann, wie möglich?
Härtetest des Systems steht noch aus
Gegen Kasachstan vertraute Löw auf Götze als "falsche Neun". Und der BVB-Star bestätigte Löws Entscheidung wie auf Bestellung mit einem Tor. Auch sein Solo in der Anfangsphase kann als Beleg für die Funktionalität der taktischen Variante gesehen werden. "Das System ohne Stürmer ist eine Variante, um flexibel zu bleiben", sagt Götze.
Doch es gab da auch die Flanke von Lukas Podolski, die scharf in den Strafraum flog - dort aber keinen Abnehmer fand, da schlichtweg niemand da war. Das hatte auch Löw gesehen: "Es hat ganz gut geklappt", so der Bundestrainer: "Wenn die Spieler flexibel aus der Tiefe in die Spitze stoßen."
Was diese Variante tatsächlich zu leisten vermag, wird sich erst in Zukunft zeigen. In Testspielen gegen die Niederlande oder Frankreich oder Pflichtspielen gegen so schwache Gegner wie Kasachstan sind die Erkenntnisse nur von begrenztem Wert. Der Härtetest steht noch aus, vielleicht kommt er erst bei der WM 2014 in Brasilien.
Kritiker des Systems gab es auch am Freitagabend. Ein ZDF-Experte und früherer Nationalspieler hielt das Spiel ohne echten Stürmer nur für eine Ausnahmelösung. "Dass es ein Modell für die Zukunft ist, wage ich zu bezweifeln", sagte der verdiente DFB-Recke. Es war Ex-"Capitano" Michael Ballack.
Aber der war ja auch schon bei früheren Entscheidungen Löws anderer Meinung.
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