Bundestrainer Löw über Özil "Mesut hat mit seinem Rassismusvorwurf überzogen"

Kein Kontakt seit dem DFB-Rücktritt: Joachim Löw hat Mesut Özil kritisiert. Wie der Bundestrainer bestritt auch Oliver Bierhoff, dass es Rassismus in der Nationalmannschaft und im Verband gegeben habe.

DPA


Bundestrainer Joachim Löw hat neben einer sportlichen WM-Analyse auch über den Rücktritt von Mesut Özil aus der Nationalmannschaft gesprochen. Er habe vergeblich versucht, Özil nach dessen Rücktritt telefonisch zu erreichen, der Profi des FC Arsenal habe jedoch nicht reagiert. Das habe den Coach verärgert, der auch sagte: "Mesut hat sich für diesen Weg entschieden, das muss ich akzeptieren."

Özil gilt als einer der Lieblingsspieler von Löw und hat alle 92 Länderspiele unter seiner Leitung bestritten. Löw sagte zudem: "Mit seinem Vorwurf über Rassismus hat Mesut ganz einfach auch überzogen. Es gab nie in der Mannschaft auch nur einen Ansatz von Rassismus, keinen Ansatz von rassistischen Äußerungen."

Auch DFB-Direktor Oliver Bierhoff wies "den Rassismusvorwurf in der Nationalmannschaft und dem DFB zurück". Er sagte auch: "Eins ist klar: Ein Nationalspieler kann keine Zielscheibe rassistischer Angriffe sein!" Die Art und Weise von Özils Rücktritt "schmerzt uns alle, ihn ja auch."

Özil hatte in seinem Rücktrittsschreiben DFB-Präsident Reinhard Grindel hart kritisiert. "Ich werde nicht länger als Sündenbock dienen für seine Inkompetenz und seine Unfähigkeit, seinen Job ordentlich zu erledigen", schrieb Özil, der sich auch zu rassistischen Anfeindungen von Fans und fehlenden Rückhalt gegen diese Attacken geäußert hatte. Von Rassismus innerhalb der Mannschaft sprach Özil hingegen nicht.

Löw wie Bierhoff sagen auch, die Lage nach den Erdogan-Fotos von Özil und Ilkay Gündogan unterschätzt zu haben. "Wir haben die Situation falsch eingeschätzt", sagte Bierhoff. Löw sah die Angelegenheit nach dem gemeinsamen Besuch bei Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier als erledigt an. "Dieses Thema hat Kraft gekostet, war nervenaufreibend, weil es immer wieder da war", sagte Löw, als Ursache für das WM-Aus sei es aber "nicht entscheidend" gewesen.

Von Özils Rücktritt erfuhr er am Tag von dessen Erklärung per Telefon von Özils Berater. Özil selbst habe ihn "bis heute nicht angerufen. Ich habe seit eineinhalb, zwei Wochen mehrfach versucht, ihn zu erreichen - per Telefon und SMS", betonte er.

Im Video: Deutsch-Türken in Zeiten des Özil-Rücktritts

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jan

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pulverkurt 29.08.2018
1. Seltsam, dass...
... immer wieder (jetzt auch von Löw) dementiert wird, es habe innerhalb der Mannschaft Rassismus gegeben. Dieser Vorwurf wurde von Özil nie erhoben. Es ging um den rechten Mob, der nach dem Erdoganfoto durch die (a)sozialen Netzwerke marodierte, wo in der Tat oft die Grenze zum Rassismus überschritten wurde. Und darum, dass niemand vom DFB oder der Mannschaft eindeutig Stellung gegen die rechte Hetze bezogen hat, so wie es z.B. nach ähnlichen Vorfällen in Schweden passierte.
brotfresser 29.08.2018
2. Hat er das wirklich? Überzogen?
Siehe die braunen, gewalttätigen "Fussballfans" der PEGIDAS,AFD und co in Sachsens Fussfallstadien! Es gibt ein Rassismusproblem im Fussball - leider nicht nur dort.
doc.brown 29.08.2018
3. Hmmmm,
Ich will nicht die spielerische Leistung von Mesut Özil bewerten, oder kritisieren. ABER es ist ein Armutszeugnis, nach so einer massiv "belastenden" Stellungnahme für den DFB und die Mitspieler, nicht mal mehr mit seinem ehemaligen Trainer und Gönner Jogi Löw, ein Gespräch darüber zu führen um sich zu erklären. Das hätten wiederum die in seiner Erklärung "Betroffenen" verdient in meinen Augen! Wirklich arm...
skeptikerjörg 29.08.2018
4. Thema verfehlt
Özil hat nicht von Rassismus innerhalb der Mannschaft gesprochen. Wenn Löw und Bierhoff das Thema nun in diese Richtung abbiegen wollen zeigt das nur, dass sie es entweder nicht verstehen oder weiter negieren wollen. Und eben, dass sich keiner von beiden noch jemand vom DFB klar vor Özil und Gündogan gestellt haben, als das gesamte deutschnationale Lager über sie hergefallen ist. Und ich erinnere auch noch, wie Oliver Bierhoff life und in Farbe im Interview mit Jochen Breier sagte, "man müsse auch bedenken, wie Türken ticken". Türken? Zwei deutsche Staatsbürger und deutsche Nationalspieler sind Türken? Soviel zum Thema.
vera gehlkiel 29.08.2018
5.
Leider stellt sich Löw an dieser Stelle, und das muss er wahrscheinlich, dezidiert vor Grindel und Bierhoff. Gegen die und die unzähligen "Fans", die dem Weltmeister von 2014, Mesut Özil, nun postwendend ihre tiefe sowie allerungnädigste Verachtung haben spüren lassen (obwohl er ja sogar ein Tor schoss, bei der WM!), dagegen, nach dem Debakel keine Rückendeckung gegen die sich fortsetzenden und wieder verstärkenden "Vorwürfe" respektive Feindseligkeiten erhalten zu haben, sondern im genauen Gegenteil auch noch als Schutzschild für Grindel und Bierhoff instrumentalisiert worden zu sein, indem diese diesen Rassismus duldeten und sekundär verstärkten, richtete Özil zurecht seine Wut. Dass er selbst Rassismus dabei ebenso benutzte wie einen riesen Batzen Fleisch, den man den Raubtieren über den Zwingerzaun rüber zuschleudert, ist sicher richtig. Aber eben nur ein Teil der Wahrheit innerhalb dieser fatalen Reiz-Reaktionskette. Leider, auch der DFB ist (vom konservativen Grindel war da sowieso nicht viel Besseres zu erwarten) wie alle anderen scheinbar auch, erfüllt von Angststarre vor den wenigen, aber immer obzöner sich Raum verschaffenden und aufs Ganze gehenden Rechtspopulisten, will insgesamt lieber gar nicht erst ausloten, was die "schweigende Mehrheit" so denken könnte. Schade, denn im übrigen finde ich die nun erfolgten Einlassungen Löws zur Situation in Russland wohltuend differenziert und selbstkritisch. Dass er persönlich sehr an Özil hängt, und die im Bezug auf diesen gemachten Fehler eigentlich nicht von ihm verursacht wurden, nehme ich ihm ganz bestimmt ab. Und vielleicht ist es sogar nobel, wie er zum (vermeindlich?) Besten des Ganzen nun einfach versucht, das ganze Ding wieder von der Palme runter zu holen.
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