DFB-Trainer nach WM-Aus Alles hängt von Löw ab

Joachim Löw will in diesen Tagen entscheiden, ob er als Bundestrainer weitermacht oder nicht. Es wird davon abhängen, ob er sich selbst dazu motivieren kann, sein eigenes Werk umzubauen.

Joachim Löw
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Joachim Löw

Aus Moskau berichtet


Als das Team von Joachim Löw in der Vorwoche nach einer peinlichen Leistung gegen Südkorea aus dem Turnier flog, zeigte das deutsche Fernsehen anschließend als erstes einen Werbespot. Hauptdarsteller war: Joachim Löw. Damit ist das Problem recht schnell umschrieben: Rund um die Fußball-Nationalmannschaft ist seit Jahren alles auf Löw zugeschnitten.

Die Situation, dass ein deutsches Team mal ein so schlechtes Turnier spielen würde, dass man den Trainer ernsthaft in Frage stellen muss, galt bislang als unvorstellbar. Jetzt ist sie da, und der DFB hat eigentlich nur eine Option: Joachim Löw.

Noch in dieser Woche soll die Entscheidung fallen, ob Löw weitermacht, die Aufgabe wahrnimmt, diese Mannschaft aus ihrer aktuellen Krise herauszuführen - mit all den "tiefgreifenden Veränderungen", die er selbst nach der Heimreise noch auf dem Frankfurter Flughafen angekündigt hat. Oder ob das passiert, was normalerweise geschieht, wenn ein Favorit bei einem wichtigen Turnier dermaßen abstürzt: ein personeller Neuanfang.

Was spricht für Joachim Löw?

Erst einmal die Vertragssituation. Der Bundestrainer besitzt einen Kontrakt bis ins Jahr 2022, die Tinte unter dem Vertrag ist fast noch feucht, die Verlängerung wurde ohne Not Mitte Mai kurz vor dem Turnier vollzogen. Ob DFB-Boss Reinhard Grindel das mittlerweile bereut oder nicht, ist nicht bekannt. Jedenfalls haben sich Grindel und das Präsidium in einer Telefonkonferenz nach dem WM-Aus einstimmig für Löw ausgesprochen. Anderes blieb ihnen allerdings auch kaum übrig, um nach der Vertragsverlängerung glaubwürdig zu bleiben.

Kündigung von DFB-Seite ist ausgeschlossen

Zudem: Ein neuer Bundestrainer würde den DFB einiges kosten. Und der Verband ist derzeit nicht in der Lage, Geldfragen zu ignorieren. Die Steuernachzahlungen stehen im Raum, die zu bauende Akademie wird teuer, der DFB hat zu sparen. Da wäre es auch in dieser Hinsicht die beste Lösung, den weiterarbeiten zu lassen, der ohnehin schon einen Vertrag zu erfüllen hat. Eine Kündigung von DFB-Seite kommt nicht in Frage.

Dazu verweist Grindel auf die unbestrittenen Verdienste des Weltmeistertrainers. Löw habe beim Confed Cup bewiesen, dass er eine junge Mannschaft erfolgreich führen kann. Tatsächlich haben beim Confed Cup viele einen anderen Löw beobachtet als sonst. Extrem motiviert, voller Lust, mit jungen Spielern zu arbeiten. Es war nicht der Löw, der in diesen Wochen zur WM nach Russland gefahren ist.

So eine Situation als Herausforderung zu begreifen, das könnte für den Bundestrainer auch nach zwölf Jahren im Amt noch einen neuen Reizpunkt setzen. Beim DFB hoffen sie darauf.

Was spricht gegen Joachim Löw?

Ganz sicher, wie sich die Mannschaft bei diesem Turnier präsentiert hat. Kraftlos, leidenschaftslos, ohne Ideen - all das sind Defizite, die letztlich dem Trainer anzuhängen sind. Löw hat sich darauf verlassen, dass seine bewährten Kräfte es schon wieder schaffen würden. Er hat den Spielern vertraut und nicht seinem eigenen Coaching. Das war bei dem Turnier kaum festzustellen.

Von den Mexikanern ließ sich seine Mannschaft überrumpeln, Löw stand mehr oder weniger tatenlos daneben und sah zu. Gegen Südkorea hatte Löws Elf ebenfalls kein Mittel. Seine Maßnahme, den jungen Hochbegabten Leroy Sané daheim zu lassen, haben viele nicht verstanden und verstehen es bis heute nicht.

Die Mannschaft schleppte sich über den Platz

Die Mannschaft wirkte ausgehöhlt, sie schleppte sich über den Platz, als wäre der Schlusspfiff eine Erlösung. Das alles spricht für eine schlechte Turniervorbereitung. Und es spricht dafür, dass Löw seine Spieler nicht mehr entzünden konnte. Weil sie alles von ihm schon kannten und schon mal gehört hatten.

Das beim DFB immer wieder beschworene Team hinter dem Team, der gesamte DFB-Tross ist mittlerweile extrem angewachsen, an der Grenze zum Wasserkopf. Löw regiert inzwischen ein mittelständisches Unternehmen. Aber die kreativen Geister sind in der Minderheit oder in die Jahre gekommen, Löws Assistenten Thomas Schneider und Marcus Sorg sind nicht unbedingt als Querdenker bekannt, ihrem Chef eng ergeben, aber beileibe keine Persönlichkeiten, die man sich irgendwann als Cheftrainer vorstellen kann.

So ausgebrannt wie die Mannschaft, so wirkte auch ihr Coach. Von Löw kamen keine wirklichen Impulse. Das Team, das vor zwei Jahren bei der EM spielte, war so gut wie identisch wie das von der WM. Auch personell ist seit zwei Jahren wenig bis nichts passiert.

Löw nach dem WM-Aus am Flughafen Frankfurt am Main
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Löw nach dem WM-Aus am Flughafen Frankfurt am Main

Löw steht damit vor der Aufgabe, sein eigenes Werk in Frage zu stellen, es grundlegend zu verändern. Sich von vielem zu verabschieden, was man selbst für gut erachtet hat. Das ist vielleicht die schwerste Aufgabe, die man sich nicht nur für einen Trainer vorstellen kann. Er muss sein eigenes Denkmal stürzen.

Nach dem WM-Sieg von Rio de Janeiro war Löw unumstritten. So unumstritten, dass viele Dinge beim DFB nicht mehr hinterfragt worden sind. Der Bundestrainer hat es genossen, überall gefeiert zu werden, wo er auftrat. Der Keim der Niederlage wurde damals gelegt.

Jetzt ist er auch der Trainer der deutschen Mannschaft, die so früh im Turnier gescheitert ist wie seit 1938 keine mehr. Dass alles, was von Löw kommt, bei den Spielern und beim Verband ohne weiteres akzeptziert und abgesegnet wird, weil es vom Weltmeistertrainer kommt, das ist ab sofort vorbei. Wenn er weitermacht, muss seine Autorität das aushalten. Wenn er weitermacht.

insgesamt 33 Beiträge
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genutztername 03.07.2018
1. Er macht weiter...
so schreibt es zumindest gerade die Bild. https://www.bild.de/sport/fussball/fifa-wm-2018/jogi-loew-macht-als-bundestrainer-weiter-56196146.bild.html Schade, es wäre für einen echten Umbruch der rechte Moment gewesen. So aber beschleicht einen das Gefühl, dass sich hier das Modell "Wenger" durchgesetzt hat. Meiner Ansicht nach eine lose-lose-Situation. Sowohl für das Ansehens Löws als auch des DFB und der Entwicklung der "Mahnschaft"(ja, ich weiß, wollte es genau so schreiben).
adrianhb 03.07.2018
2.
Ich traue Löw zu, wieder eine gute Mannschaft zu formen - wenn er es sich zu traut und wenn er Bock drauf hat. Der DFB hat vor der WM durch die Vertragsverlängerung die Entscheidung in die Hände von Löw gelegt. Er muss nun sich selbst fragen, was am besten passiert - und seine Werbepartner und eventuell einige Vereine. Ich glaube nicht, dass Löw weiter machen wird, nur um Kohle einzustreichen und ein Amt zu führen, wo er keinen Bock drauf hat. so einfach ist die Fussball-Welt :)
Goldwin 03.07.2018
3.
Die Argumente für und gegen Löw sind hier eigentlich sauber zusammen gefasst. Ich persönlich könnte mit beiden Varianten leben. Löw MUSS nicht weg. Vielleicht würde er sich selbst einen Gefallen tun und abtreten. Neben der Frage ob Löw weiterhin Bundestrainer bleiben soltle stellt sich auch die Frage nach der Alternative. Wenn die ALternative sagen wir mal ums zu übertreiben Matthäus heißt, dann ist mir ein Löw tausend mal lieber.
macgyver44 03.07.2018
4. Rücktritt
Wenn Löw Anstand hat wird er zurücktreten. Bleibt er der gegenwärtigen "Deutschen Linie" treu, bleibt er an seinem Stuhl kleben und verwaltet das Niveau. Entwicklung braucht immer neue Köpfe, vor allem im Sport. Parallelen zur Politik sind nicht von der Hand zu weisen.
Papazaca 03.07.2018
5. Wenn Löw weitermacht: Fans werden ihn auspfeifen,
gnadenlos. Das ist für mich ziemlich sicher. Da macht er sich keinen gefallen. Und der DFB hat neben Özil/Gündogan die nächste Baustelle. Da muß man sich schon fragen: Will der DFB die Institution Nationalmannschaft bewußt demontieren? Zur Erinnerung : Schon vor der WM gab es kaum eine positive Stimmung: Wenig Public Viewing, wenig Autos mit Flaggen, wenig Häuser in schwarz/rot/gold, keine Stimmung. Und dann die Umfragen. Gefragt werden mußten die Fans, nicht die ganze Bevölkerung. Und die Fans sind sich ziemlich einig: Löw sollte gehen. In Ehren. Jetzt droht ihm ein unrühmliches Ende. An wen ich da wohl auch denke???
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