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28. August 2018, 20:17 Uhr

Gladbachs Jonas Hofmann

Eigentlich ganz simpel

Von Tobias Escher

Jonas Hofmann galt als großes Talent, restlos überzeugt hat der 26-Jährige jedoch nirgends. Nun könnte sich das ändern - Gladbachs Trainer Dieter Hecking hat die Idealposition für ihn entdeckt.

Bei manchen Fußballspielern genügt es, ihren Namen zu nennen, und schon läuft vor dem geistigen Auge eine typische Szene ab. Arjen Robben? Dribbelt vom Flügel ins Zentrum und schlenzt den Ball in den Winkel. Naldo? Wuchtet einen Eckball per Kopf ins Tor. Hört man den Namen von Jonas Hofmann, sieht man: nichts.

Mönchengladbachs Hofmann, 26, ist kein Fußballer für atemberaubende Dribblings, er schlägt weder Dreißig-Meter-Flugbälle noch grätscht er dem Gegner in letzter Sekunde den Ball vom Fuß. Den Offensivspieler zu unterschätzen, wäre aber ein Fehler. Hofmann wird aktuell zu einem Schlüsselspieler der Borussia.

Sein Spiel ist simpel gestrickt: Wenn Hofmann den Ball erhält, dribbelt er kurz auf seinen Gegenspieler zu und passt ihn dann zum besser postierten Teamkollegen weiter. Klingt profan, ist aber seine große Stärke: Er verfällt selbst unter Druck eines Gegenspielers nicht in Hektik. Hofmann trifft simple, aber gute Entscheidungen und führt sie technisch sauber aus.

Diese Qualität hat Hofmann schon länger, doch in der Vergangenheit fiel er kaum auf. Bei seinen Stationen in Mainz und in Dortmund fand er nicht die richtige Spielposition. Als Zehner oder Außenstürmer fehlten ihm Zug zum Tor und Abschlussstärke. Für einen überdurchschnittlich guten Sechser wiederum sind seine Pässe zu simpel. Zudem geht ihm für diese eher defensive Position die Zweikampfhärte ab.

Auch in Gladbach brauchte Hofmann einige Zeit. Erst jetzt findet er im neuen 4-3-3-System von Trainer Dieter Hecking eine passende Rolle: im zentralen Mittelfeld vor Sechser Tobias Strobl auf der Achter-Position. Strobl sichert Hofmann defensiv ab. Vor ihm wiederum warten mit Raffael, Thorgan Hazard oder dem neuen Mittelstürmer Alassane Pléa Angreifer auf Zuspiele, die torgefährlicher sind als Hofmann. Der Mittelfeldspieler darf das tun, was er am besten kann: aus dem Mittelfeld heraus simple Pässe nach vorne spielen.

In seiner neuen Rolle blüht Hofmann auf. Am ersten Spieltag, beim 2:0 gegen Leverkusen, erreichte Hofmann mit 95,4 den dritthöchsten SPIX-Wert aller Bundesligaspieler. Er stach gleich in mehreren Kategorien hervor: Sein hoher Torgefahrwert speist sich aus seinem Führungstreffer zum 1:0, den er per Elfmeter erzielte, und drei weiteren Abschlüssen aus gefährlichen Feldzonen. Das Tor war sein erster Bundesligatreffer für Gladbach im 53. Spiel.

Sein starker Wert im Bereich Chancenkreation erklärt sich anhand der Pässe, die Hofmann in der gegnerischen Hälfte gespielt hat. Der SPIX belohnt Pässe zum Mitspieler stärker, wenn sie nahe des gegnerischen Tors landen, das gilt insbesondere für offensiv ausgerichtete Spieler. Die Idee dahinter: Je näher ein Pass am gegnerischen Tor gespielt wird, umso wirksamer ist er für den eigenen Angriff. In den drei höchsten Zonen des Feldes brachte Hofmann sieben seiner zehn Pässe an den Mann - ein herausragend hoher Wert.

Auch im Bereich Balleroberung war Hofmann stark. Dieser Wert ist bei offensiven Mittelfeldspielern zwar weniger entscheidend als beispielsweise bei einem Verteidiger oder Sechser. Seine Ballsicherungen (acht eroberte zweite Bälle) heben seine Bewertung dennoch an.

Hofmann überzeugte in einer weiteren Statistik: Er legte mehr als dreizehn Kilometer zurück gegen Leverkusen, mehr als jeder andere Bundesligaspieler am ersten Spieltag. Dieser Wert fließt zwar nicht in den SPIX ein; wer mehr läuft, hat nicht zwangsläufig mehr Einfluss auf das Spiel. Hofmanns Laufleistung unterstreicht jedoch, wie wohl er sich in seiner neuen Rolle im Mittelfeld fühlt. Er sprintet vor und zurück, um stetig am eigenen Spiel teilzunehmen; egal ob mit oder ohne Ball.

"Auf der Acht ist man immer am Spiel beteiligt, immer involviert, das brauche ich, das macht Spaß", sagte Hofmann der "Rheinischen Post". Knüpft er an die Leistung gegen Leverkusen an, dürften auch die Gladbacher Fans ihren Spaß mit ihm haben. Und das ganz ohne Dribblings oder Monstergrätschen.

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