Brasilianischer Funktionär Marin Der Fußballdiktator

Gefördert von dunklen Fußballfürsten, Fan der Diktatur: José Maria Marin ist der mächtigste und umstrittenste Sportfunktionär Brasiliens. Wie wenige symbolisiert der Verbandschef das, wogegen die Menschen derzeit auf die Straße gehen.

Von , Rio de Janeiro

REUTERS

Der mächtigste Mann des brasilianischen Fußballs wartet seit Monaten vergeblich auf eine Audienz bei Präsidentin Dilma Rousseff. José Maria Marin, Präsident des Fußballverbands CBF und Vorsitzender des lokalen Organisationskomitees zur Vorbereitung der WM im kommenden Jahr, gilt als Persona non grata im Regierungspalast von Brasília.

Marin war ein glühender Verteidiger der Militärdiktatur, die von 1964 bis 1985 im größten Land Lateinamerikas herrschte. Als Abgeordneter im Landesparlament von São Paulo hielt er eine Lobrede auf einen berüchtigten Folterknecht der Generäle. Präsidentin Rousseff, die für eine linke Splittergruppe im Untergrund kämpfte, wurde von Schergen der Militärs festgenommen und gefoltert.

Im kommenden Jahr wird Diktatur-Verehrer Marin voraussichtlich die Fußballweltmeisterschaft eröffnen. "Sein Auftritt wäre eine weltweite Schmach für Brasilien", sagt der Sportjournalist Juca Kfouri.

José Maria Marin ist derzeit einer der meistgehassten Männer in dem Land, das in einem Jahr das größte Fußballereignis des Planeten ausrichtet und in dem die Menschen nun zu Hunderttausenden auf die Straßen gehen. Sie demonstrieren gegen überteuerte Fußballstadien, sie verlangen stattdessen mehr Geld für Schulen und Krankenhäuser. Aber sie stehen auch auf gegen die weit verbreitete Korruption und Kungelei in Brasilien.

Und niemand personifiziert die unheilvolle Verflechtung von Politik und Fußball so gut wie Marin, der Fußballboss mit den mächtigen Verbündeten.

Beste Kontakte zu Streitkräften und ultrareaktionären Kreisen

Seinen Aufstieg hat er seinem Vorgänger Ricardo Teixeira zu verdanken, der im vergangenen Jahr wegen einer Korruptionsaffäre zurücktrat. Teixeira und dessen Protektor, Ex-Fifa-Chef João Havelange, haben in den neunziger Jahren bei Geschäften der Sportvermarktungsfirma ISL abgesahnt.

Fifa-Chef Sepp Blatter soll Teixeira versprochen haben, die Ermittlungen in der Korruptionsaffäre auf sich beruhen zu lassen, wenn er sich von seinen Ämtern zurückzöge. Teixeira siedelte nach seinem Rücktritt nach Miami über. Mit Hilfe seines Schützlings Marin zieht er jedoch weiterhin die Fäden im Fußballverband.

Marin hat beste Kontakte zu den Streitkräften und ultrareaktionären Kreisen in der Politik. Während der Diktatur gehörte er der rechten Partei Arena an, die von den Militärs gegründet wurde. Seine politische Karriere verdankt er Paulo Maluf, einem in zahlreiche Korruptionsskandale verstrickten Ex-Gouverneur von São Paulo. "Marin und ich sind wie siamesische Zwillinge", sagte Maluf einmal über seinen Schützling.

Sport und Politik waren in Brasilien schon immer eine brisante Mischung. Die Militärs redeten ein gewichtiges Wort bei der Aufstellung der Nationalmannschaft von 1970 mit, sie schlachteten den Sieg der glorreichen Elf um Pelé für sich aus. Havelange hofierte als Fifa-Chef bei der WM in Argentinien acht Jahre später die dortige Militärjunta.

Klima aus Furcht und Terror

Menschenrechtler machen Marin mitverantwortlich für den Tod des Diktaturgegners Vladimir Herzog. Herzog leitete den Fernsehsender TV Cultura in São Paulo, als er 1975 von einem Greiftrupp der Militärs festgenommen wurde. Seine Häscher brachten ihn in ein Folterzentrum, dort starb er kurz darauf. Die Militärs stellten seinen Tod als Selbstmord dar, in Wirklichkeit wurde er wahrscheinlich zu Tode gefoltert.

Zwei Wochen vor Herzogs Tod hatte Marin im Landesparlament von São Paulo das Programm von TV Cultura kritisiert. Der Sender sei unpatriotisch und von subversiven Elementen unterwandert. "In dem damals herrschenden Klima aus Furcht und Terror kam das einem Aufruf zur Hexenjagd gleich", sagt Sportkritiker Kfouri. Die Nationale Wahrheitskommission, die jetzt die Verbrechen der Militärdiktatur untersucht, wird Marin voraussichtlich vorladen und verhören.

Herzogs Sohn Ivo führt die Kampagne zur Absetzung des CBF-Präsidenten an, er hat über 54.000 Unterschriften gesammelt. "Marin gehört nicht zur Welt der Demokratie", sagt er. "Es ist so, als ob ein Altnazi die Fußballweltmeisterschaft in Deutschland organisiert hätte." In einem Zeitungsartikel wies Marin die Vorwürfe zurück, gegenüber SPIEGEL ONLINE wollte er sich nicht äußern.

Der Fußballverband steht bislang zu seinem Präsidenten. Marin hat sich das Wohlwollen der Funktionäre mit Geldgeschenken und Privilegien gesichert. 27 Millionen Real hat er in diesem Jahr an die Regionalverbände ausgeschüttet, 60 Prozent mehr als sein Vorgänger. Zum Eröffnungsspiel des Confederations Cup in Brasília wollte er für die Verbandschefs und ihre Frauen ein eigenes Flugzeug organisieren, auf CBF-Kosten wurden sie in den besten Hotels untergebracht.

Die Stadien bleiben weitgehend leer

Im Fußballverband haben die Präsidenten der regionalen Verbände das Sagen. Sie sind dafür verantwortlich, dass es insgesamt 27 Meisterschaften der Bundesstaaten gibt, die Spieler werden bis an den Rand der Erschöpfung ausgelaugt. Im vergangenen Jahr besuchten durchschnittlich 13.000 Zuschauer die Spiele der nationalen Meisterschaft. Bei den regionalen Wettbewerben blieben die Stadien zumeist leer. "Die Funktionäre tragen die Hauptschuld am Niedergang des brasilianischen Fußballs", sagt Journalist Kfouri.

Die mafiaähnlichen Verhältnisse wurzeln in der Amtszeit von Havelange und Teixeira. Havelange leitete von 1958 bis 1974 den brasilianischen Sportbund CBD, dem damals auch die Fußballvereine angehörten. Später hievte er seinen damaligen Schwiegersohn Teixeira auf den Posten des Fußballverbands.

Havelange, 97, herrschte wie ein tropischer Don Corleone über Brasiliens Sport. Journalisten empfing der Pate in seinem getäfelten Büro in Rio vor einem riesigen Ölporträt seiner selbst, im Vorzimmer scharwenzelten unterdessen seine unterwürfigen Provinzfürsten. Teixeira blieb auch nach seiner Scheidung von Havelanges Tochter 1997 dessen wichtigster Vertrauter. Er trieb Brasiliens Bewerbung für die Ausrichtung der WM 2014 voran. Es gelang ihm, den damaligen Präsidenten Lula für das Vorhaben zu begeistern.

Die Kosten sind explodiert

Korruptionsvorwürfe prallten an den mächtigen Fußballbossen ab. Erst als Sepp Blatter, Havelanges Nachfolger bei der Fifa, in den Strudel der Skandale zu geraten drohte, war das mächtige Duo nicht mehr zu halten. Teixeira trat als CBF-Präsident zurück, Havelange legte jüngst sein Amt als Ehrenpräsident der Fifa nieder. Jetzt verwaltet Marin ihr Erbe.

Dazu zählt vor allem die Ausrichtung der Weltmeisterschaft. Teixeira hatte bei der Bewerbung versprochen, dass die Stadien von Privatfirmen finanziert würden. Doch davon ist keine Rede mehr: Der Staat übernimmt den größten Teil der Bauten. Die Kosten sind explodiert; Baufirmen, Politiker und Verbandsfunktionäre kungeln gemeinsam die Auftragsvergabe aus. Marin sitzt als Präsident des lokalen OK in einer Schlüsselposition.

Teixeira und Havelange haben sich allerdings auch einen direkten Draht ins Organisationskomitee gesichert: Teixeira berief Joana, die Enkelin Joao Havelanges, zu einer der Direktorinnen. Sie ist Teixeiras Tochter.

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