Manchester-Trainer Mourinho United? Keine Spur davon

Die Saison hat kaum begonnen, da geht es bei Manchester United schon drunter und drüber. Trainer José Mourinho hat sich mal wieder mit allen verkracht, sein Team macht einen freudlosen Eindruck.

José Mourinho
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José Mourinho

Von Raphael Honigstein, London


Vor gut drei Monaten gab Manchester-United-Vorstandschef Ed Woodward in einer Telefonkonferenz mit Investoren zu, was so mancher schon länger vermutete: Fußball gehört für den Traditionsklub nicht mehr zum Kerngeschäft.

"Die sportliche Performance hat keinen bedeutsamen Einfluss auf unsere kommerziellen Möglichkeiten", referierte der ehemalige Investmentbanker, als er die beeindruckenden Quartalszahlen der roten Marketing-Maschine vorstellte. United setzte in den ersten drei Monaten des Jahres umgerechnet 153 Millionen Euro um.

166 Millionen Euro aus den Fernsehrechten der Premier League und 68 verschiedene Werbepartner machen den Rekordmeister finanziell unabhängig von den Unwägbarkeiten auf dem grünen Rasen, was sich angesichts der eher dürftigen Ausbeute seit der Pensionierung von Sir Alex Ferguson 2013 (ein FA-Pokal-, ein Liga-Pokal-, ein Europa-League-Sieg) auch sehr gut trifft.

"Wir haben nicht verloren" - nach einem 0:3

Der verheerende Start in die neue Saison mit zwei Niederlagen in drei Ligaspielen - United ging zuletzt 1972 derart schlecht ins Rennen, damals spielte man gegen den Abstieg - gab nun Trainer José Mourinho Anlass, es seinem Vorgesetzten gleichzutun und sich geistig ebenfalls von dem Diktat des Resultats loszusagen. "In taktischer und strategischer Hinsicht haben wir nicht verloren", erklärte der 55-Jährige nach der 0:3-Heimpleite gegen Tottenham Hotspur am Montagabend.

Die Reporter im Old Trafford staunten nicht schlecht, dass ausgerechnet der portugiesische Großmeister des Ergebnisfußballs plötzlich Sinn für nichtentscheidende Detailfragen entdeckte. Dabei passen die mentalen Verrenkungen, die Mourinho auf dem Pressepodest vorführte, durchaus ins Bild des Kontrollverlusts, den der Coach aus Setúbal im dritten Amtsjahr zu erleiden droht.

Die Mannschaft setzt sein freudloses, auf Fehlervermeidung ausgerichtetes Spiel derart mangelhaft um, dass man ab und an schon an einen unbewussten Akt der Sabotage glauben mag. Zudem lehnte Woodward in der Sommerpause die vom Trainer geforderten Verstärkungen in der Defensive ab. Das existierende Spielermaterial sei gut genug, beschied der 46-Jährige.

"Kalter Krieg" auf der Führungsebene

Da Mourinho seinem Unmut über die mangelnden Investitionen in Pressekonferenzen freien Lauf ließ, hat sich das Verhältnis der beiden Führungspersönlichkeiten derart abgekühlt, dass die britische Internetzeitung "The Independent" von einem "kalten Krieg" schrieb. Vieles deutet derzeit darauf hin, dass Mourinho den Machtkampf verliert.

Während er beispielsweise das in früheren Zeiten vom FC Bayern umworbene Außenstürmer-Talent Antony Martial, 22, am liebsten für den kampferprobten Brasilianer Willian (Chelsea, 30) eingetauscht hätte, untersagte Woodward den programmatischen Wechsel mit Blick auf die mittelfristige Kadergestaltung und stellte dem unbeständigen Franzosen sogar eine Vertragsverlängerung in Aussicht.

Woodwards Martial-Plan zeigt deutlich, dass sich United bereits auf die Zeit nach Mourinho einstellt. Die Frage ist nur, wann diese beginnt. Eine Niederlage beim FC Burnley (Sonntag, 17 Uhr) wird vermutlich bereits das Ende einläuten.

Mourinhos soldatische Menschenführung schreckt Stars und Talente ab

Rein wirtschaftlich ist United aus den oben genannten Gründen zwar nicht auf den Gewinn großer Trophäen angewiesen. Der faustische Pakt, den die im Grunde nach Draufgängertum darbenden Red Devils mit der Verpflichtung des Verneinungstaktikers eingingen - Titel statt Unterhaltung -, verliert so aber seine Berechtigung. Schlimmer noch: Mourinhos soldatische Menschenführung wird zunehmend als einer der Gründe erkannt, warum es dem Klub schwerfällt, Superstars oder entwicklungsfähige Nachwuchskünstler nach Manchester zu locken.

Seit Monaten begegnet der früher noch gekonnt zwischen Provokation und Charme oszillierende Fußballlehrer seinen Schützlingen nur noch als wortkarger, schwer berechenbarer Sonderling, der Spieler aus undurchsichtigen Gründen zwischen Stammelf und Tribüne hin und her rotiert und öffentlich kritisiert. Es ist kein Geheimnis, dass Weltmeister Paul Pogba diesem unproduktiven Arbeitsklima am liebsten den Rücken gekehrt hätte. Der Verein schob einem Wechsel zu Barcelona oder Juventus jedoch einen Riegel vor.

Umgekehrt war der Transfer von Cristiano Ronaldo zurück nach Manchester, wo er von 2003 bis 2009 gespielt hat, in diesem Sommer undenkbar. Sein Real-Madrid-Kollege Gareth Bale hatte ebenfalls wenig Verlangen, sich in Mourinhos kümmerliches Kollektiv einzufügen.

Ronaldos Comeback im Old Trafford mit Juventus in der Champions League (23. Oktober, 21 Uhr) droht zu einem melancholischen Abend für das Heimpublikum zu werden. Den Fans wird dann wohl ein weiteres Mal schmerzhaft vor Augen geführt werden, wie weit sich ihr finanzgewaltiger Klub unter dem Portugiesen vom Glanz und der sportlichen Brillanz der Ronaldo-Jahre entfernt hat - falls Mourinho bis dahin überhaupt noch auf der Bank sitzt.

insgesamt 3 Beiträge
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cipo 01.09.2018
1.
"Die sportliche Performance hat keinen bedeutsamen Einfluss auf unsere kommerziellen Möglichkeiten." Vielleicht noch nicht, aber irgenwann wird sich Erfolglosigkeit auch in den Büchern niederschlagen.
skeptikerjörg 01.09.2018
2. Nicht wundern
Wer Mourinho verpflichtet weiß, was er bekommt. Unattraktiven Fußball, einen selbstherrlichen Narzissten, kritikunfähig und unsensibel. Hat er schon mal irgendwo ein drittes Jahr überstanden? Und für die Clubbesitzer ist der sportliche Erfolg nebensächlich? Aber nur solange der Club von seinem Nimbus leben kann. Wenn der bröckelt, läuft auch die Merchandisingmaschine nicht mehr. Erst wenden sich die Fans in Manchester ab, dann die in Asien. Wobei ManU uu Hsuse noch das Glück hat, dass ManCity nicht gerade beliebt ist.
Mümmel 01.09.2018
3. Der will weg. Und provoziert das.
"In seiner bisherigen Karriere hat Mourinho in vier Ländern (...) alle bestehenden Vereinstitel, darunter acht Landesmeisterschaften, gewonnen. Außerdem ist er der einzige Trainer, dem sowohl das kleine als auch das große europäische Triple gelangen. " Mehr kann man nicht liefern. So lässt sich keiner zum Laufburschen degradieren. Es geht noch um 40 Mio. Pfund.
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