Aus für Mourinho Der Trainer geht, die Probleme bleiben

Das Aus von José Mourinho war überfällig. Die wahre Ursache der sportlichen Krise bei Manchester United ist aber eine andere.

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Von , Manchester


Der Niedergang von Manchester United verlief zuletzt so dramatisch, dass er nicht nur zu sehen war, sondern auch zu hören. "José Mourinho, we want you to stay!", sangen die Fans des FC Arsenal beim Besuch im Old Trafford Anfang Dezember. Das Publikum des FC Liverpool appellierte bei der Partie am Wochenende an Uniteds Klubführung: "Don't sack Mourinho!" Kurz vor Weihnachten konnte man es ja mal versuchen mit den Wünschen.

Vielleicht hat der Spott der Konkurrenz dazu beigetragen, dass sich der englische Rekordmeister dazu entschieden hat, den Trainer aus Portugal dann doch von seinen Aufgaben zu entbinden. Die Zahlen sprachen schon längst gegen Mourinho.

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José Mourinho: Die Manchester-Jahre des Special One

Manchester United hat seinen schlechtesten Saisonstart im Zeitalter der Premier League hingelegt und ist Tabellensechster. Der Rückstand auf Spitzenreiter Liverpool beträgt nach der 1:3-Niederlage am Wochenende 19 Punkte. Auf den vierten Platz, der zum Einzug in die Champions League berechtigt, sind es schon elf Zähler. Die Mannschaft hat nach 17 Spielen schon ein Tor mehr kassiert als in der gesamten Vorsaison. Das sind verstörende Ergebnisse für den Ergebnis-Trainer Mourinho.

Ein Aus mit Ansage

Sein Aus ist ein Aus mit Ansage. Schon seit der Sommerpause schien klar, dass er keine Zukunft bei United haben würde. Er überwarf sich mit Vizepräsident Ed Woodward, weil ihm dieser kein Geld für die Verpflichtung zusätzlicher Innenverteidiger zur Verfügung gestellt hatte. Sein Verhältnis zu einem Großteil der Mannschaft galt als belastet bis zerrüttet, nicht nur zum Weltmeister Paul Pogba.

Außer seinem Getreuen Nemanja Matic, den er schon aus gemeinsamen Tagen beim FC Chelsea kennt, und seiner Geheimwaffe Marouane Fellaini gibt es kaum ein Mitglied im Kader, das Mourinho nicht öffentlich kritisiert, zurechtgestutzt oder gedemütigt hätte.

Die Mannschaft ist unter seiner Führung zu einer Mannschaft ohne nennenswerte Stärken geworden. Weder verteidigt sie besonders gut, noch verfügt sie über ein besonders gutes Umschaltspiel oder spezielle Fertigkeiten in der Offensive. Der "Guardian" hat den tristen sportlichen Zustand nach der Niederlage in Liverpool hübsch auf den Punkt gebracht: "Man stelle sich einen schlechten Plan vor, umgesetzt von Spielern, die nicht besonders gut darin sind, schlechte Pläne umzusetzen."

Schon wieder eine späte Trennung

Mourinhos Aus war überfällig, trotzdem kommt es überraschend. Denn seit dem Abschied von Sir Alex Ferguson vor fünf Jahren hat sich der Verein mit Trainerentlassungen immer so lange Zeit gelassen, bis die Ziele unwiderruflich verfehlt waren. Das war bei David Moyes und Louis van Gaal der Fall.

Mourinho hätte die Saison theoretisch noch retten können mit ein paar Transfers im Januar und einer Steigerung im neuen Jahr. Deshalb erschien eine Trennung im Sommer als wahrscheinlichste Variante. Doch die Glazer-Familie, der der Verein gehört, und Vizepräsident Woodward haben schneller als erwartet die Geduld verloren.

Es ist gut möglich, dass die Mannschaft als kurzfristige Folge von Mourinhos Aus befreit aufspielt. Doch die grundsätzlichen Probleme des Vereins lassen sich nicht einfach dadurch beheben, dass man den Trainer feuert. Sie gehen tiefer.

Der Klub ist sportlich verkümmert

Unter den Glazers hat sich die Ausrichtung des Klubs konsequent verschoben. Wichtiger als sportlicher ist kommerzieller Erfolg. In dieser Hinsicht geht es Manchester United prächtig. Kein anderer Verein auf der Welt macht einen so hohen Umsatz. Vizepräsident Woodward, ein Ex-Banker, der 2005 die Übernahme durch die Glazers organisiert hat, gestand im Sommer sogar, dass "die sportliche Leistung keinen bedeutsamen Einfluss auf unsere kommerziellen Möglichkeiten" habe. Fußball ist bei Manchester United nur noch eines von vielen Geschäftsfeldern.

Das hat dazu geführt, dass der Klub sportlich verkümmert ist. Es gibt kein übergeordnetes Konzept, welche Art von Fußball mit welchen Trainertypen und welcher Sorte von Spielern gespielt werden soll. Die Abwesenheit eines Sportdirektors zeigt, dass der Verein den Übergang in die Moderne verpasst hat.

Machester United erinnert unter den Glazers an ein Containerschiff, das mit ausgefallenen Maschinen und ohne Radar im Meer herumtreibt. Das erklärt auch, warum die Fans bis zum Ende loyal zu Mourinho waren. Ihrer Meinung nach hat er noch das Beste aus der Situation gemacht.

Pochettino ist der Favorit

Die Orientierungslosigkeit der Klubchefs drückt sich auch darin aus, dass es keinen Plan für die Nachfolge des Portugiesen gibt. Erstmal soll ein Übergangstrainer für den Rest der Saison benannt werden. Als Kandidat gilt unter anderem der ehemalige United-Profi Laurent Blanc, der nach seinem Aus bei Paris Saint-Germain vor zwei Jahren ohne Job ist. Erst zur neuen Spielzeit will der Verein eine langfristige Lösung präsentieren.

Die offensichtliche Variante wäre Mauricio Pochettino von Tottenham Hotspur. Er hat den Klub in der Spitze der Premier League etabliert. Doch die Wachstumschancen sind begrenzt wegen der finanzstärkeren Konkurrenten Manchester City, Liverpool, Chelsea und United. Wenn Pochettino wirklich Titel gewinnen will, so lautet eine populäre These in Englands Medien, muss er sich früher oder später einen anderen Arbeitgeber suchen.

Uniteds Vizepräsident Woodward ist von Pochettino angeblich genau so angetan wie Ex-Trainer Ferguson, der immer noch eine gewichtige Stimme im Verein hat. Allerdings muss sich der englische Rekordmeister auf prominente Konkurrenz einstellen. Pochettino gilt schon länger als Wunschkandidat von Real Madrid.

insgesamt 14 Beiträge
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Bergeshöh 18.12.2018
1. Win-Win-Situation für alle
Ist doch prima: MANU kann sich jetzt wieder auf das Fussballspielen konzentrieren, und Mourinho hat nun mehr Zeit, seine Genialität und Schönheit daheim vor dem Spiegel zu bewundern. Eine wohltuende Entscheidung in einer Welt, derer sich immer mehr Narzisten vulgo selbstverliebte Gockel bemächtigen. Vielleicht sind Bescheidenheit, Demut und Altruismus noch nicht ganz tot....
dr_gb 18.12.2018
2. Endlich ! Überfällig, war das.
Das passte noch weniger, als damals Lattek zu den Fohlen an den Bökelberg; aber Lattek war wenigstens professioneller. BBC hat eine schlichte Statistik zur Entalssungsnachricht publiziert : Trainer/Manager vs Zeit/Dauer Engagment vs Spiele vs Siege vs Niederlagen : Sir Alex mit 1500 zu verantwortenden Spielen mit einer Siegesquote an die 60%, falls mich mein Arbeitsgedächtnis nicht im Stich lässt und ich korrekt erinnere. 'Weiß gar nicht, wie das für den Hennes Weisweiler ausschauen würde, vermute aber nicht schlechter als für Sir Alex. Legend ! Kommt Zizou jetzt ?
gammoncrack 18.12.2018
3. Ich kann den, natürlich sehr subjektiv, nicht leiden.
Aber wenn ich hier lese, dass ja wohl hinten (und vorne) die Defensive nicht stimmt, und Mourinho zum Sommer genau hier Verbesserungen durch Zukäufe als erforderlich erachtete, dann hat er wohl nicht so viel verkehrt gemacht, das Null-Ahnung-Management sehr wohl.
Nonvaio01 18.12.2018
4. sehe ich auch so
Zitat von gammoncrackAber wenn ich hier lese, dass ja wohl hinten (und vorne) die Defensive nicht stimmt, und Mourinho zum Sommer genau hier Verbesserungen durch Zukäufe als erforderlich erachtete, dann hat er wohl nicht so viel verkehrt gemacht, das Null-Ahnung-Management sehr wohl.
nachdem Ihm das Geld verweigert wurde hatte er keine lust mehr, das konnte man sehen. Achja, und nur weil man keinen Sportdirektor hat, heisst es nicht das man die zeichen der Zeit verpasst hat. In der PL ist der manager ein etwas weiterer begriff. Ausserdem wenn ich mir so einige "sportdirektoren" in der BL anschaue frage ich mich eh was die so machen.
Oihme 18.12.2018
5.
Kein übergeordnetes Konzept, welche Art von Fußball mit welchem Trainertypen und welcher Sorte von Spielern gespielt werden soll? Die Abwesenheit eines Sportdirektors? Murrende Spieler? Versäumte Kaderverstärkungen? Einsame Entscheidungen des "Besitzers" des Vereins? Den Übergang in die Moderne verpasst? Von welchem anderen Verein kenne ich das nur ....? :-)
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