Von Raphael Honigstein
Erfahrene Mourinho-Berichterstatter wurden am Dienstag abermals enttäuscht: Der Portugiese, einst Meister der gezielten Psychoattacke, schaltete in der Pressekonferenz vor dem Halbfinal-Hinspiel in Dortmund in den neutralen Gang. Jürgen Klopp sei authentisch und ehrlich, referierte der 50-Jährige emotionslos. Die Auswirkung des Götze-Wechsels auf Borussias Mannschaft und Zuschauer? "Kann ich nicht beurteilen, ich kenne sie nicht." Vor ein paar Jahren hätte Mourinho solche Gelegenheiten, dem Gegner vor Anpfiff einen fiesen Tiefschlag zu versetzen, garantiert nicht ausgelassen.
Er sprach damals in Interviews offen über seine Lust an der Provokation. "Das Spiel fängt lange vor dem Spiel an und hört erst nach der Pressekonferenz wieder auf", erzählte er im Herbst 2004, während seiner ersten Saison beim FC Chelsea, einer kleinen Runde von internationalen Journalisten. Diese Aussage schmeichelte den Fußballjournalisten - sie glauben ja fest an die Macht der Worte -, aber natürlich noch viel mehr Mourinho selbst. Er gerierte sich als eine Art Zauberer, der mit seinen Sprüchen und Verwünschungen große Gegner ganz klein machen konnte.
Wer sich auf einen verbalen Schlagabtausch einließ, wie beispielsweise Arsène Wenger, der Trainer des FC Arsenal, oder Rafael Benítez, damals beim FC Liverpool, zog dank Mourinhos Charme und Siegeraura schnell den Kürzeren. Bestenfalls konnte man ihn ignorieren, was aber einer kleinen Niederlage gleichkam. Mourinho bestimmte vor wichtigen Partien Agenda und Stimmung nach Belieben.
Der Egomane wird ruhig
Am Dienstagabend streute er nur eine winzige, kleine Bosheit in den monotonen Vortrag ein. Klopp habe sich mehr mit dessen eigener Mannschaft als mit Real Madrid befasst, behauptete er, deswegen sei mit einem offensiven Match zu rechnen. Das war wohl als Retourkutsche für die abfälligen Bemerkungen des Dortmunder Coaches nach Mourinhos Besuch der Bundesliga-Partie gegen Greuther Fürth vor zehn Tagen gemeint. Aber es lag keine echte Schärfe in dem Satz.
Klopp darf die Zurückhaltung des "Egomanen von Setúbal" ("Süddeutsche Zeitung") als indirekte Wertschätzung verbuchen; der Trainer der Spanier scheint zu spüren, dass Klopp mit seiner Mischung aus Humor, seiner Lass-die-anderen-reden-Lässigkeit und seinem Ehrgeiz im Moment der bessere Mourinho ist. Zumindest vor den Mikrofonen. Mourinhos Lustlosigkeit zieht sich allerdings schon länger durch diese Saison. In England war man beinahe schockiert, als man vor dem Achtelfinale zwischen Real Madrid und Manchester United den großen Zampano als Griesgram erlebte.
Bei seinen ersten drei großen Stationen, beim FC Porto, Chelsea und Inter waren seine Pressekonferenzen oft unterhaltsamer als die meist mit brutalem Ergebnisfußball gewonnenen Partien seiner Mannschaften. "Er sprach immer wie der letzte Revolverheld in der Stadt, schickte seine Elf aber mit dem ganzen Wagemut eines Nachwuchssteuerberaters auf den Platz", schrieb die "Times" nach seiner Demission bei den Blues im September 2007.
"Er ist ein Kopfgeldjäger, ein Söldner"
Nun steht Mourinho zum ersten Mal im Schatten seiner Akteure, das aber nicht freiwillig. Im dritten Jahr bei den "Königlichen" wirkt er müde von den vielen Konflikten mit Vereinsführung und Spielern - wie ein Mann, der darauf hofft, dass das derzeitige Kapitel endlich zu Ende geht.
"Er ist ein Kopfgeldjäger, ein Söldner", schrieb der "Daily Telegraph", der englische TV-Experte Michael Robinson nannte Mourinho einen "Auftragskiller". Die Bezeichnung "impact manager" drückt es weniger martialisch aus: Mourinho ist ein Trainer, der sofort einschlägt. Dem Erfolg - also ihm selbst - haben sich alle unterzuordnen. Real Madrid ist jedoch kein Club, der sich einem Trainer komplett ausliefert, Mourinhos autokratisches Berufsverständnis stieß innerhalb und außerhalb der Kabine auf Widerstand.
Die spanischen Stammspieler Iker Casillas, Sergio Ramos und Xabi Alonso, allesamt Welt- und Europameister, stehen ihm reserviert gegenüber. Ihnen - und dem Vorstand - missfielen Mourinhos obsessive, über die Grenzen der gesunden Härte hinausgehenden Attacken auf den FC Barcelona. Diese wurden als unfein und der Grandezza des Clubs unangemessen beurteilt. Zudem gibt es Eifersüchteleien. Mourinho bevorzuge Superstar Cristiano Ronaldo und das Lager der Portugiesen und Brasilianer, wird geraunt. Zur Strafe wurden erst Ramos und nun Keeper Casillas auf die Bank verbannt. Der Torwart ist eine Art Nationalheiliger in Madrid und Spanien.
Vor lauter Reibung hat sich Mourinho zerrieben
Falls Mourinho endlich den lang ersehnten zehnten Europapokal für Madrid gewinnt, wird man ihm diesen Affront verzeihen, aber eine Weiterbeschäftigung über die Spielzeit hinaus ist unabhängig von Sieg oder Niederlage in der Königsklasse schwer vorstellbar. Vor lauter Reibung hat sich Mourinho zerrieben. Das ist keine neue Geschichte. Nirgendwo hielt er es länger als drei volle Spielzeiten in einem Verein aus beziehungsweise umgekehrt. Auch deswegen kokettiert er ständig mit Wechseln in andere Ligen, zu anderen Clubs, er muss die Fluchtwege offenhalten.
"Über meine Zukunft entscheide ich erst am Ende der Saison", hat er versichert. In Spanien glaubt man eher, dass ihm diese Entscheidung schon abgenommen wurde. "Mourinho im Sommer weg", berichteten vor Monaten Madrid-treue Blätter, die inoffiziellen Presseorgane von Real-Präsident Florentino Perez.
Die alte Liebe Chelsea wäre eine Option für ihn, mit Eigentümer Roman Abramowitsch hat er sich versöhnt, obwohl die dreieinhalbjährige Beziehung schmählich endete: per SMS. Die Verhandlungen wurden bereits aufgenommen. Knackpunkt ist, das verwundert nicht, Mourinhos maximaler Kompetenzanspruch. Er will allein über Transfers entscheiden. Das zweite Problem wiegt eventuell schwerer. Mourinho kommt nur an die Fulham Road zurück, falls Chelsea (Tabellenplatz vier in der Premier League) sich für die Königsklasse qualifiziert. Eine Saison in der Europa League will sich der selbsterklärte "Special One" denn doch nicht zumuten.
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