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Blatter-Rücktritt: Letzte Chance zur Selbstreinigung

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Blatters leerer Stuhl: Das Unvorstellbare ist Wirklichkeit geworden

Fifa-Präsident Joseph Blatter ist völlig überraschend zurückgetreten. Doch sein Abgang kann nur ein Anfang sein. Denn der Weltverband hat ein größeres Problem als Blatter.

Es ist gerade vier Tage her, da war Joseph Blatter noch ein Sieger. Zwar hatten sich dunkle Wolken über den Sitz des Weltverbandes gelegt, es gab Ermittlungen, Verhaftungen von Funktionären, dazu offene Rebellion der Uefa in persona von Michel Platini - aber als dann der Fifa-Präsident gewählt wurde, hieß der neue wie der alte: Blatter. So beschwipst von der eigenen Unantastbarkeit wirkte er, dass er sich am Schluss seiner Dankesrede wie ein Animateur auf einer Ü70-Kreuzfahrt gerierte. Er rief "Let's go Fifa, Let's go Fifa".

Am Dienstag gegen 18.45 Uhr erklärte Blatter in der Fifa-Zentrale in Zürich seinen Rücktritt. Das Ambiente war dem Anlass unwürdig, nur ein paar Journalisten saßen in dem Saal, in dem kurz zuvor noch eilig Kabel verlegt worden waren. Fifa-Bedienstete berichteten einem BBC-Reporter, dass sie selbst erst gegen 17 Uhr erfahren hätten, dass am Abend eine Pressekonferenz stattfinden sollte. Mit welchem Inhalt? Keine Ahnung. Das Beben, das folgte, hatte kein Seismograph angezeigt. Es kam einfach zu plötzlich.

Joseph Blatter, Fifa-Herrscher seit 1998, ist binnen kürzester Zeit vom strahlenden, drohenden, gönnerhaften, selbstbewussten Wahlsieger zum Verlierer geworden. Vieles spricht dafür, dass er in der Zwischenzeit unter Druck gesetzt wurde, vom inner circle und auch von außen. In den Ermittlungen der US-Behörden war ein Schriftstück mit potenzieller Sprengkraft aufgetaucht, das eine fragwürdige Zahlung von zehn Millionen Dollar belegte - überwiesen von einem Fifa-Konto. Dann wurde am Dienstagabend bekannt, dass das FBI gegen Blatter persönlich ermittelte.

Ob das nun der Auslöser für den Rücktritt war oder nicht, ob er von Größe oder (zu) später Einsicht zeugt, ob es Druck gab oder nicht, es ist am Ende nicht so wichtig.

Wichtiger ist das Symbol: Der jahrzehntelang als unantastbar geltende Blatter ist tatsächlich gegangen, das noch Minuten vor der Pressekonferenz Unvorstellbare ist Wirklichkeit geworden.

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Blatters Fifa-Karriere: Entwicklungshelfer, Generalsekretär, Big Boss
Die gute Nachricht dieses Abends ist: Wer auf ernsthafte Reformen im Fußball-Weltverband hofft, kann nun ein bisschen optimistischer sein.

Skepsis aber ist weiter angebracht. Denn die Krise der Fifa geht viel tiefer, als dass sie durch den überfälligen Rücktritt des Präsidenten allein gelöst werden könnte. Die Fifa hat in den vergangenen Jahrzehnten jeden Kontakt zur Basis verloren, zum Fußballvolk. Sie hat so dramatisch an Vertrauen eingebüßt, dass man sich nach der Blatter-Demission verzweifelt fragt, welchem seiner möglichen Nachfolger man eigentlich trauen kann. Wenn man überhaupt schon einmal von ihnen gehört hat.

Egal, welche Ergebnisse die Ermittlungen der US-Behörden in den kommenden Wochen und Monaten noch zutage fördern, klar ist schon jetzt: Um die verlorengegangene Glaubwürdigkeit wiederzugewinnen, muss sich die Fifa so radikal wie möglich verändern. So radikal, dass andere Kontinentalverbände wie Uefa oder Concacaf vor Neid erblassen und in Nachahmungszwang kommen. Korruption ist ja kein exklusives Problem der Fifa.

SPIEGEL-ONLINE-Autor und Fifa-Experte Jens Weinreich hat die notwendigen Schritte bereits kurz nach der Blatter-Wahl skizziert: Austausch aller Führungspersonen, Neubesetzung durch Externe, Offenlegung aller Gehälter, eine Reform der Stimmengewichtung, absolute Transparenz in jedem dieser Prozesse und schließlich die unabhängige Evaluation von Turniervergaben der Vergangenheit, ausdrücklich auch die der WM 2006 nach Deutschland.

Auch wenn Joseph Blatter in seiner Rücktrittsrede viele der Reformen für sich reklamierte - sein Abgang ist die erste wirkliche Chance der Fifa zur Selbstreinigung. Und die letzte.

Zum Autor
Christian Gödecke ist Sportchef von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Christian_Goedecke@spiegel.de

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1. Der alte Mann und dass immer Mehr ...
yomo 02.06.2015
Immer mehr alte Männer haben das Sagen in unserer Welt. Wenn es wenigstens um Belange ginge, von denen sie mehr verstehen als jüngere Menschen, wie Haarausfall, Impotenz, Vergesslichkeit und Engstirnigkeit, könnten wir viel von ihnen lernen. Aber letztendlich zählen in zu vielen Bereichen unseres Lebens bei diesen Scheintoten wohl ausschliesslich langjährige Kontakte zu anderen impotenten, vergesslichen und engstirnigen Glatzköpfen, die sich im Lauf der Jahrzehnte aneinander gewöhnt haben - weil man ja gemeinsam alt geworden ist - und meinen, dass Macht noch das letzte süße Gift ist, für das es sich lohnt zusammen zu halten und am Sessel zu kleben. Ich möchte mich schon jetzt bei denjenigen entschuldigen, die wissen, dass ihr eigenes Alter sie nicht automatisch gegenüber jüngeren Menschen prädestiniert, und wissen, wann ihre Zeit gekommen ist Jüngeren Platz zu machen. Wenn die FIFA sich wirklich reformieren will, wird sie es mir einem Altersdurchschnitt von über 70 nicht schaffen!
2. dass leute
sekundo 03.06.2015
wie der steuerflüchtling beckenbauer eine sehr unappetitliche rolle spielen und dass der feine dfb-ehrenrentner niersbach, der kein problem damit hatte, sich in das blatter-system wählen zu lassen und nun dessen rücktritt als überfällig bezeichnet, ist perfide! aber ein name ist im zusammenhang mit den korruptionsvorwürfen nicht gefallen, nämlich günter netzer. der ist teilhaber einer firma, die mit übertragungs- rechten von sportveranstaltungen handelt. netzer war einer der gäste des abendessens des fifa-kongresses. nachtigall, ick hör' dir trapsen!!!
3. Vorgänge beim Kongress
claude 03.06.2015
Da stellt sich die Frage, ob Blatter aufgrund neuer Informationen von heute zurücktritt, oder ob es bereits vor dem Kongress geplant war. Indem er erst nach dem Kongress zurücktritt, hat er es geschafft, noch selbst auf dem Kongress eine Nachfolger-Führungsriege zu installieren, ebenso korrupt wie die Vorgänger, von denen er sich erhoffen kann dass interne Ermittlungen gegen ihn, Blatter, im Sande verlaufen werden, weil diese genauso Dreck am Stecken haben. Gleichzeitig hat Blatter seinen Seilschaften so einen letzten Gefallen gemacht, diese dominieren weiterhin die Fifa. Das System Blatter bleibt bestehen, auch ohne Blatter. Für einen wirklichen Neuanfang, braucht es nicht nur einen neuen integren Präsidenten, sondern man müsste die eben gewählten Leute gleich wieder abwählen. Wie aber soll so was passieren, wenn die gleiche Seilschaft, auf dem nächsten Kongress immer noch die gleichen korrumpierbaren Stimmen hat?
4. Entweder hat der Schreiberling Blatters Rücktrittsankündigung nicht gelesen oder nicht verstanden....
politik-nein-danke 03.06.2015
....nichts Selbstreinigung.....die Drohungen der letzten Tage werden jetzt in die Tat umgesetzt. Durch die Statuten in die darin festgesetzten Fristen wird Blatter einen ihm hörigen Nachfolger präparieren....und dann sollte man mal Blatters Rede wirklich im Wortlaut lesen....am Ende werden Concacaf und Uefa mächtig beschnitten werden und die afrikanischen und asiatischen Verbände die das System Blatter stützen werden gestärkt....
5. Platitüdenstadl
kaiser-k 03.06.2015
Und es gilt mal wieder: 'Hochmut kommt vor dem Fall'. Nach Blatters freudigem Nachtreten in den letzten Tagen fällt es schwer keine Schadenfreude dabei zu empfinden. Wie auch immer - weitere alte Herren sollten sich schnellstens mit in die Büsche schlagen, Beckenbauer ist auch dabei.
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