Wiederwahl des Fifa-Chefs Blatter 1, Fußball 0

Die Fifa bleibt sich treu: Der Kongress des Fußball-Weltverbands hat Patriarch Joseph Blatter erneut zum Chef gekürt. Das zeigt, dass der Druck auf die Organisation noch längst nicht ausreicht.

Fifa-Präsident Blatter: Wiederwahl ist Triumph und Tragödie
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Fifa-Präsident Blatter: Wiederwahl ist Triumph und Tragödie

Von , Zürich


Als alles vorbei war, sah es so aus, als werde der Fifa-Chef gleich in Tränen ausbrechen. In Freudentränen wohlgemerkt, denn Joseph Blatter war außer sich vor Glück angesichts seiner Wiederwahl. "Ich mag Sie", rief er den Delegierten im Zürcher Hallenstadion zu. "Ich mag meinen Job, und ich will meinem Nachfolger eine robuste Fifa übergeben. Wir sind eine großartige Organisation." Und dann skandierte er tatsächlich: "Let's go Fifa, let's go Fifa!"

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Heft 23/2015
Das System Blatter

Es schien fast, als habe es die Festnahmen von hochrangigen Funktionären und Blatter-Vertrauten am Mittwoch nie gegeben. Und als hätten Schweizer Ermittler die Zentrale des Fußball-Weltverbands in Zürich nie durchsucht.

Blatter, der Patron der Fifa, bleibt weitere vier Jahre im Amt. So lange läuft die fünfte Amtszeit, die dann wirklich seine letzte sein soll. Das versicherte er zumindest mehrfach auf dem Wahlkongress der 209 Fifa-Verbände in Zürich.

Nur kurz sah es am Freitagabend so aus, als würde es einen Denkzettel für Blatter geben. Die Delegierten hatten ihm im ersten Wahlgang die nötige Zweidrittelmehrheit verweigert - das war durchaus ein Erfolg für den Herausforderer und krassen Außenseiter Prinz Ali Bin Al Hussein.

Doch bevor der zweite Wahlgang startete, zog der Jordanier zurück. Ein wenig überraschte diese Entscheidung, letztlich war sie aber nachvollziehbar. Hussein dürfte klar gewesen sein, dass er Blatter nicht mehr allzu viele Stimmen hätte abjagen können. Ohnehin hatte der 39-Jährige mit 73 von 206 gültigen Stimmen die Erwartungen übertroffen.

"Ich bin nicht perfekt, aber das ist niemand"

Die Wiederwahl ist ein Triumph für den 79-jährigen Blatter, zugleich ist sie aber eine Tragödie für den Fußball. Beim Kongress zeigte sich, dass sich unter der Herrschaft des Schweizers nichts ändern wird bei der Fifa. Blatter sagte zwar immer wieder, dass er die Verantwortung trage für den Verband und damit auch für die zahlreichen Korruptionsskandale. Doch im nächsten Satz spielte er seine Macht herunter: "Ich bin nicht perfekt, aber das ist niemand", sagte Blatter: Er könne nicht garantieren, dass sich alle 1,3 Milliarden Menschen, die auf der Welt Fußball spielen, ehrenwert verhalten.

Was für eine Argumentation! Als ob es bei den Skandalen um einzelne Kriminelle gehe, die sich von den Milliardenumsätzen der Fifa etwas abzweigen. Blatter hat das System erschaffen, in dem die Korruption blüht, in dem Funktionäre sich auf Kosten der Fans und der Sponsoren bereichern können. Blatter ist nicht nur ein Symbol für alles, was schiefläuft im Geschäft mit dem Fußball, er ist ganz konkret der Schuldige.

Die Uefa enttäuscht die Fans

Aber davon wollten die Delegierten in Zürich nichts wissen. Sie feierten Blatter, der sich auch noch als Friedensstifter fühlen konnte, weil er einen Handschlag zwischen den verfeindeten Verbandschefs aus Palästina und Israel erreichte. Ursprünglich hatten die Palästinenser den Ausschluss Israels aus der Fifa erreichen wollen.

Offenkundig ist also, dass die Fifa sich von allein nicht verändern wird. Wenn nicht mal eine Flut an negativen Ereignissen und Reaktionen, wie es sie in dieser Woche gab, die Delegierten zum Umdenken veranlasst, dann wird das nie der Fall sein. Natürlich haben gerade die zahlreichen kleinen Verbände aus Asien, Afrika sowie Süd- und Mittelamerika auch Angst davor, dass ein Sturz Blatters für sie nur Nachteile hätte. Er sichert ihnen die Macht und vor allem Geld.

Das Einzige, was wirklich einen Wandel bei der Fifa auslösen könnte, wären radikale Schritte von europäischen Verbänden oder Sponsoren. Die Uefa hat solche in dieser Woche verpasst, die Europäer schreckten davor zurück, den Bruch mit der Fifa zu vollziehen. Das war eine Enttäuschung für alle, die mit Unverständnis auf das System Blatter blicken.

Vielleicht nimmt der Druck in den kommenden Wochen - etwa wegen des Durchsickerns weiterer illegaler Machenschaften - derart zu, dass die europäischen Verbände reagieren müssen. Wahrscheinlicher ist aber, dass die Fifa-Sponsoren irgendwann genug haben könnten, in einem Umfeld zu werben, das derart korruptionsverseucht ist. Und das, sprich der drohende Verlust von Sponsorengeldern, könnte tatsächlich einen Wandel auslösen.

Der Herrscher bleibt - hier die Dankesrede von Sepp Blatter im Video:



insgesamt 166 Beiträge
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rrblah 29.05.2015
1.
Die UEFA spielt ein verlogenes Spiel. UEFA-Präsident Platini selbst war es doch, der unbedingt in Katar eine WM haben wollte, damit Investoren aus Katar die Übertragungsrechte an der französischen Liga kaufen. Der spanische UEFA-Vize ist selbst in einen Korruptionsskandal verwickelt. Und die UEFA hat letztes Jahr gegen verschärfte Transparenzrichtlinien und gegen eine Durchleuchtung jedes neuen FIFA-Funktionärs gestimmt und diese Richtlinien damit zu Fall gebracht. Das einzige, was Platini seinen korrupten Kollegen aus Süd- und Mittelamerika voraus hat, ist, dass er keine Geschäfte über die USA abwickelt und so deren Jurisdinktion entgeht und sich die Peinlichkeit einer Verhaftung ersparen kann. Die UEFA schert sich einen Dreck um Transparenz, das einzige, was Platini möchte, ist 2019 selbst FIFA-Präsident werden. Wenn es anders wäre, hätte die UEFA die Transparenzrichtlinien angenommen und einen ernsthaften Kandidaten präsentiert, der ein klares Programm hin zu mehr Transparenz vorgestellt hätte. Stattdessen dreht die UEFA krumme Geschäfte und zaubert irgendeinen Prinzen aus Arabien aus dem Hut, den keiner kennt, der schon morgen wieder in der Versenkung verschwinden wird.
andikah 29.05.2015
2. Blatter
Irgendwie erinnert mich Blatter an Merkel. Aussitzen, von nichts gewusst haben, am Stuhl kleben und die Welt so sehen wie sie ihnen gefällt, und immer wieder gewählt werden.
mimas101 29.05.2015
3. Wie ich sagte
Verhältnisse wie im Radsport, der ging dann an der eigenen Unfähigkeit zu Reformen unter. Und: Fußball ist nicht die einzige Sportart auf der Welt, er bringt halt nur ein paar Leutchen viel Geld ein. Übrigens: Das Interesse der jüngeren Generationen an diesem Sport auch nicht mehr überwältigend groß. Die Fifa scheint die Zeitenwende also nicht mitzubekommen und weiter auf Filz zu setzen um mehr und mehr Geld scheffeln zu können. Das wird daher ein ziemlich böses Erwachen geben wenn Sponsoren abspringen weil man nicht mit Mafia, Korruption & Co in Verbindung gebracht werden möchte.
koeblau 29.05.2015
4. Boykott
Wie wunderbar doch unsere deutschen und europäischen Vertreter in Zürich ihre Laienspielkunst zum Besten geben! Nein, ein Boykott bringt doch nicht, sagen alle und laufen im System Fifa weiter und hinterher, profitieren von ihrer Stellung und stecken für sich und ihren Nachwuchs noch ein paar Franken in die Tasche. Weder Niersbach noch Platini haben wirklich Eier in der Hose...kleine Kuscheltiger sonst nichts! und was wäre wünschenswert? Ein Boykott, ja von unserem öffentlich rechtlichen Fernsehen...keine Rechte mehr kaufen, die EM ausschalten und Fußball so behandeln wie den Radsport, als Randnotiz. Ich, als Bürger dieses Landes möchte keine Events von kriminellen Vereinigungen sehen. Weder von der Fifa noch von irgendeiner anderen Mafia!
Kiel63 29.05.2015
5. Who should quit FIFA?
UEFA was about to, but decided not to in the end. If UEFA and South America would quit - that would take the soul out of the next World Cup. Germany as defending cup holder? Just please stop this farce and organise a World Cup v. 2.0?
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