Neuer Sechser Kimmich Führungsspieler in spe

Die Vergleiche mit Philipp Lahm darf Joshua Kimmich seit Jahren aushalten. Jetzt rückt er auch noch ins defensive Mittelfeld, wie einst Lahm. Die Führungsrolle muss er aber erst noch lernen.

Joshua Kimmich
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Joshua Kimmich

Aus Sinsheim berichtet


Man sollte es mit den Ähnlichkeiten nicht übertreiben. In diesen Tagen schwirrt wieder häufig der Name Philipp Lahm durch die Luft, wenn eigentlich von Joshua Kimmich die Rede ist. Kimmich kennt das zur Genüge.

Die Maßnahme von Bundestrainer Joachim Löw, ihn von der Außenverteidiger-Position ins defensive Mittelfeld zu ziehen, drängt die Parallele zwar auf. Schließlich hatte auch Vorgänger Lahm diesen Schritt gemacht. Dazu ist Kimmich wie einst Lahm Spieler des FC Bayern. Aber die Vergleiche haben auch ihre Grenzen.

Das fängt schon bei den Äußerlichkeiten an. Kimmich ist sechs Zentimeter größer und zehn Kilo schwerer als Lahm und damit schon ein ganz anderer Spielertyp - von der Schrittfrequenz bis zum Kopfballspiel. Lahm ist zudem nach seinem Ausflug ins Mittelfeld letztlich wieder an die Außenbahn zurückgekehrt, dieser Schritt zurück war ein Schlüssel für den WM-Erfolg vor vier Jahren. Kimmich auf der Sechs dagegen "soll die Dauerlösung" sein, sagt Löw.

Auf der Sechs spielen heißt führen

Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm, Sami Khedira - die Sechser-Position in der Nationalmannschaft war unter Löw auch immer Führungsposition. Wer dort spielte, gab den Ton an, auf dem Feld und außerhalb des Platzes. So weit ist Kimmich noch nicht, viele trauen ihm langfristig eine solche Rolle zu, aber die WM hat auch gezeigt, dass das noch seine Zeit braucht.

Der 23-Jährige hat eine schwache Weltmeisterschaft gespielt, das unterscheidet ihn nicht von den meisten Teamkollegen, aber für ihn persönlich, dessen Entwicklung bis dahin stets nach oben gegangen war, ist es ein vielleicht noch empfindlicherer Rückschlag.

Die Defizite des Teams im ersten Spiel gegen Mexiko wurden ihm nahezu persönlich angelastet, obwohl die Verantwortung für die Riesenlöcher im Rücken der Abwehr mindestens genauso dem deutschen Mittelfeld geschuldet waren - und der Taktik des Bundestrainers. Die Strategie, Kimmich als Außenverteidiger so hoch wie möglich zu stellen, ging jedenfalls gehörig daneben. Löw schien unfähig, während des Spiels darauf zu reagieren - die Spieler, auch Kimmich, allerdings genauso.

Kimmich und Lahm 2017
DPA

Kimmich und Lahm 2017

In der Rassismus-Diskussion um Mesut Özil tauchte Kimmich ebenso ab wie seine Mitspieler. Das einzige nennenswerte Statement aus der Russlandzeit, das in Erinnerung blieb, war seine Medienkritik nach dem Schwedenspiel: "Das Land steht hinter uns, aber die Presse ist kritisch." Es war wirklich nicht die Weltmeisterschaft des Joshua Kimmich.

Es waren wohl auch diese Erfahrungen, die den Bundestrainer bewogen haben, einen Wechsel vorzunehmen. Kimmich kennt das Mittelfeldspiel, er ist damit aufgewachsen, wie für viele ist es auch für ihn eine Lieblingsposition. Derjenige zu sein, der das Spiel vor sich hertreibt: Für die meisten Fußballer, die über Technik und Spielintelligenz verfügen, gibt es nichts Schöneres.

Im Verein weiterhin Außenverteidiger

Inwieweit Kimmich diese Rolle ausfüllen kann, hat das erste Spiel allerdings noch nicht zeigen können. Gegen Weltmeister Frankreich (0:0) war Defensivtaktik angesagt, Kimmich sollte vor allem Löcher stopfen, das tat er gut. Er mühte sich auch in der zweiten Halbzeit, das Spiel nach vorne zu organisieren, gegen die Peruaner am Sonntag in Sinsheim (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wird er dabei noch mehr gefragt sein.

Im Verein ist er nach wie vor als Außenverteidiger gesetzt, und es gibt auch keine Anzeichen, dass sich dies unter dem neuen Trainer Niko Kovac ändert. Für das Münchner Mittelfeld gibt es Thiago und Javi Martinez, nun ist auch Leon Goretzka dazugekommen, auch wenn der Ex-Schalker etwas offensiver ausgerichtet ist. Vor dieser Konkurrenz hat schon Sebastian Rudy kapituliert, er wechselte nach Schalke. Rudy hat sich, nachdem Lahm, Schweinsteiger und jetzt wohl auch Khedira nicht mehr dabei sind, Hoffnungen machen können, Löws neuer Sechser in der Nationalelf zu werden. Jetzt ist er gar nicht mehr im Kader, und Löw hat seine Sechser-Lösung schon präsentiert.

Kimmich hat mit seinen gerade 23 Jahren schon 33 Länderspiele auf dem Konto. Hinter den Weltmeistern von 2014 steht er in der internen Hierarchie schon relativ weit oben. Kimmich wird allenthalben als schlauer Bursche bezeichnet, zurückhaltend im Wesen, auch gegenüber den Medien. Aber wenn er etwas sagt, lohnt es sich normalerweise, hinzuhören. Einer, der sich seinen Platz gesichert hat, ohne sich explizit vorzudrängeln. Das ist dann doch wieder die Philipp-Lahm-Methode.



insgesamt 8 Beiträge
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NightToOblivion 09.09.2018
1. Kimmich auf der sechs, ein alter Hut
Das Kimmich heute als Verteidiger wahrgenommen wird liegt eher an der Verletzungsmisere des FC Bayern unter Pep Guardiola. Durch die kann Kimmich zuerst als Innen- später als Außenverteidiger zum Zug. Ursprünglich ist er ein Sechser. Auf dieser Position spielte er auch bei RB Leipzig sehr erfolgreich. Die Sachsen haben ihn da auch schmerzlich vermisst. Wenn nicht Naby Këita in deren erster Bundesliga-Saison buchstäblich explodiert wäre, würden sie noch heute Tränen am Cottaweg vergießen oder tun es vielleicht wieder, weil Kimmich weg ist.
Sal.Paradies 09.09.2018
2. EIn Hinken ohne Ende
Dieser von Hr.Ahrnes bemühte Vergleich mit P.Lahm gleichte doch schon vonr Anfang an, da J.Kimmich gaz sichtbar ein gelernter MF-Spieler ist. Auch wenn er noch jung ist, würde er auf der Aussenposition wohl nie so gut wie ein P.Lahm werden, so wie ein P.Lahm nach vorne niemals die Qualitäten eines J.Kimmich entwickelt hat. Ich kannte Kimmich aus BuLi und NM nur auf der Aussenposition, bis zum FCB-Spiel gegen Worfsburg, wo er im Mittelfeld eine überragende Partie absolvierte. Selbst für einen Blinden war plötzlich sichtbar, dass dessen Potenzial mit der Aussenposition ein gutes Stück vor die Säue geworfen wird/wurde. Andererseits war es auch ein Glücksfall für ihn, weil er damals auf eine MV-Position kein Chance gehabt hätte. Weder beim FCB noch in der NM. Kimmich kann alos beide Rollen "gut" ausfüllen, wobei er meiner Ansicht nach auf der 6 sehr viel besser aufgehoben wäre. Kimmich hat eine gute Grundschnelligkeit und temporär auch genügend Aggresivität und Mut, um den Ball auch mal brachial nach vorne zu bringen. SIcherheitsfussballer ala Kroos oder ehamals M.Özil brauchen wir keine weiteren. Die Mannschaft sollte sich wieder temporär aneignen so wie z.B. in Südafriko zu spielen. Mit überfallartigen Kontern die kaum mehr abzufangen sind. Sollte die NM ihre Taktik beibehalten und zukünfitg mehr defensiv (ohne endlosen Ballbesitz) ausrichten, wären Konter auch wieder möglich. Mit der Handball-Taktik wie zuletzt, nützen dir schnelle Konter+Stoßstürmer rein gar nix, wobei wir mit T.Werner+L.Sane ja zwei hätten, die solche Konter mit exrem hohem Tempo abschließen könnten. Löw täe gut daran, wenn er Kimmich genügend Zeit für die 6ér-Position gibt. Zusätzlich mit Hummels/Boateng und Speilern wie M.Ginter gibt es dann hinten wieder ein Übergewicht an Spielern, die agressiv9+erfolgreich einen Ball erobern können, also genau da, wo mit T.Kroos und vor allem M.Özil (I.Gündogan) Spieler auf dem Platz stehen, die dazu einfach nciht wirklich fähig sind. Gegen Frankreich konnte man gut sehen, dass diese Spielweise der Defensive sehr viel mehr Sicherheit gibt, auch wenn es nach vorne (erst einmal) weniger Power gibt. Aber im Moment ist wichtiger, dass die 0 steht. Und selbst gegen die Defensiv-Künstler aus Frankreich waren Tore möglich. Ich bin gespannt, wie sich die NM heute gegen Peru anstellt? Schaun`mer mal....
K:F 09.09.2018
3. Kimmich hochschreiben
Kimmich fehlt kanstanz. Es reicht nicht aus, wie ein Stier den Schiri und Gegner anzugehen. Impulse bringt der "Meistüberschätze" bis heute jedenfalls keine ins Spiel.
naeggha 09.09.2018
4. @K:F (Nr. 3):
danke, m.E. nach ist ein Julian Weigl auch viel besser auf der Sechs. Was hat Kimmich denn bitte bisher den Bayern oder der N11 wirklich gebracht? Er kann nicht Flanken und Sprinten. Das ist bisher meine Wahrnehmung von ihm. Ist das der Grund, warum man ihn nun auf die Sechs setzt? Weil er dort am wenigsten kaputt macht? Und wenn, dann nur des Gegners Spiel? Er hat noch ein paar Jahre zum Reifen, derzeit ist die Sechs in Deutschland aber besser besetzt.
alexschneider75 09.09.2018
5. Ääääh, wie bitte?
"Einer, der sich seinen Platz gesichert hat, ohne sich explizit vorzudrängeln. Das ist dann doch wieder die Philipp-Lahm-Methode." Philipp Lahm hat sich gerade durch die wohlkalkulierte Intrige zum richtigen Zeitpunkt nach vorne gedrängelt. Schon vergessen, wie er die Verletzung von Ballack genutzt hat, ihn vom Kapitänsposten und damit gleich ganz aus der Nationalmannschaft zu mobben?
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