Spieler-Rebellion im US-Team: Aufstand gegen Klinsmann

Von Sebastian Moll, New York

Fahrradfahren statt Spielanalyse, Yoga statt Taktik: Elf anonyme US-Nationalspieler werfen ihrem Coach Jürgen Klinsmann vor, sie schlecht zu trainieren. Ausgerechnet in der entscheidenden Phase der WM-Qualifikation ist das Team gespalten - doch der Ex-Bundestrainer bleibt gelassen.

Klinsmanns Karriere: Stuttgart, Bayern, USA Fotos
AP

Die Nationalmannschaft steckt mitten in der WM-Qualifikation, doch dem Team scheinen Konturen zu fehlen, das Konzept greift nicht. Die zurückliegenden Spiele waren mäßig bis schlecht, Spieler und Medien werden unruhig. Der Trainer gerät unter Druck. Er heißt: Jürgen Klinsmann. Vor sieben Jahren war dieses Szenario in Deutschland zu beobachten. Ein desolates DFB-Team hatte Anfang März 2006 1:4 gegen Italien verloren - und das kurz vor der Weltmeisterschaft im eigenen Land. Präsident Zwanziger war, wie er später gestand, kurz davor, sich von Klinsmann zu trennen.

Nun scheint sich die Geschichte in den USA zu wiederholen. Ein desolat wirkendes US-Team verlor die erste Qualifikationspartie gegen Honduras 1:2. Wieder heißt der Trainer Jürgen Klinsmann, und wieder steht der Trainer, der die USA in die Weltspitze coachen sollte, in der Kritik. In den nächsten beiden Partien gegen Costa Rica und Mexiko diesen Freitag und am kommenden Dienstag soll sein Job auf dem Spiel stehen.

Anonyme Vorwürfe zur Unzeit

Zuerst waren es verärgerte Fans, die sich nach der Enttäuschung gegen Honduras erregten, vor allem in Internetforen. Es sei die schlechteste Vorstellung einer US-Nationalmannschaft aller Zeiten gewesen, beklagte ein Anhänger auf der Website des Verbands US Soccer. Ein anderer meinte: "Klinsmann muss weg, und die Mannschaft braucht einen echten Trainer."

Nun haben sich auch die Spieler zu Wort gemeldet. In einem 5000 Wörter langen Dossier auf dem Internetportal Sporting News haben elf Spieler ihrem Frust über Klinsmann Luft gemacht. Die Vorwürfe kommen zur Unzeit, kurz vor zwei wichtigen Spielen in der WM-Qualifikation. Ihre Namen wollten die Spieler nicht nennen - umso härter gehen die US-Profis mit ihrem Coach ins Gericht. Im Kern sind es sechs Punkte, die die Spieler kritisieren:

  • Klinsmann und sein Assistent Martin Vasquez hätten keine klare taktische Linie oder würden diese nicht richtig kommunizieren.
  • Zu viel Zeit werde auf "Initiativen" verwendet, die sich nicht auf dem Spielfeld auszahlten.
  • Ständige Experimente verunsicherten die Mannschaft.
  • Die Bevorzugung der deutschstämmigen (Bundesliga-)Spieler Jermaine Jones, Danny Williams, Fabian Johnson und Timothy Chandler sähe Zwiespalt.
  • In mehr als 70 Prozent der Fälle laufe die Mannschaft mit einem Aufgebot auf, das vorher nie zusammen trainiert habe.
  • Klinsmann treffe Impulsentscheidungen, die er schlecht oder gar nicht erkläre. Ein anderer Spieler bezeichnete ihn sogar als "Wirrkopf".

Diese Eigenschaft habe sich bei der Partie gegen Honduras besonders fatal ausgewirkt. Noch am Vorabend war die Mannschaft davon ausgegangen, unter ihrem langjährigen Kapitän Carlos Bocanegra aufzulaufen, doch Klinsmann nahm ihn noch am Spieltag aus dem Aufgebot. Die plötzliche Änderung habe die Mannschaft vollkommen verunsichert. "Er hat einfach nur gesagt, geht raus und verkauft euch so gut wie möglich", so der Spieler. Nicht einmal in der Halbzeit, als deutlich wurde, dass das US-Team in Schwierigkeiten ist, habe Klinsmann über allgemeine Motivationsfloskeln hinaus konkrete Anweisungen gegeben.

"Pele und Maradona haben auch kein Yoga gemacht"

Einen solchen vermeintlichen Mangel an Substanz wollen die Spieler, die sich bei Sporting News erleichterten, schon im Training ausgemacht haben. Da würde "Yoga betrieben und Fahrrad gefahren", ja sogar ein voll ausgestatteter mobiler Kraftraum sei immer dabei. Der Blick auf das Wesentliche gehe dabei jedoch bisweilen verloren. "Wir verwenden irre viel Zeit, um über Krafttraining und Ernährung nachzudenken, und vergessen dabei, uns um das zu kümmern, was wir auf dem Spielfeld zu tun haben" beschwerte sich ein Spieler. "Pelé und Maradona haben auch kein Yoga gemacht."

Klinsmann selbst gibt sich gelassen angesichts dieser Vorwürfe, er kennt die Mechanismen. Das sei "normal" im Vorfeld eines großen Turniers, sagte er am Donnerstag, das gehöre dazu, insbesondere, wenn man wie er versuche, durch tiefgreifende Veränderung viel zu erreichen. "Man hört sich das an, und geht dann weiter seinen Weg", so Klinsmann. Entscheidend sei, dass er selbst genau wisse, was er tue. Angst vor einer Entlassung habe er nicht, sagte der Trainer der ARD-"Sportschau", er begrüße die Debatte sogar: "Das zeigt doch, dass der Fußball in den USA interessanter wird und einen anderen Stellenwert erreicht."

Klinsmanns Berater Roland Eitel hingegen sagte SPIEGEL ONLINE, dass die derzeitige "Dynamik" in der amerikanischen Öffentlichkeit Klinsmann ärgere. Der Artikel mit den unglücklicherweise anonymen Beschwerden habe Klinsmann stark unter Druck gesetzt, unnötigerweise, wie er findet. Der "Sportschau" sagte Klinsmann allerdings, er könne anonyme Aussagen von Spielern "nicht ernst nehmen. Ich habe mit der Mannschaft darüber gesprochen, und wir ziehen weiterhin an einem Strang, auch wenn es immer enttäuschte Spieler geben wird".

"Das ist doch seltsam, nicht?"

Kein Jahr ist es her, dass das US-Team fünf Partien in Serie gewann, darunter der erste Erfolg in Mexiko seit 75 Jahren - und der erste gegen den viermaligen Weltmeister Italien nach 78. Klinsmann war auf dem Gipfel. Nun stimmen plötzlich auch gewichtige Namen im US-Fußball in den Chor der Klinsmann-Skeptiker eingestimmt. So sagte der ehemalige LA-Galaxy-Manager und TV-Kommentator Alexi Lalas, er wolle zwar nicht so weit gehen zu behaupten, der Kaiser habe keine Kleider. Aber der Eindruck könne doch langsam entstehen. Ex-Nationalcoach Bruce Arena wunderte sich nur laut, dass er viele der Spieler, die da eingesetzt würden, gar nicht kenne. "Das ist doch seltsam, nicht?", sagte er gegenüber dem Sportportal ESPN.

Angesichts dieser Lage ist auch Klinsmann klar, dass seine Mannschaft am Freitag in Denver unter allen Umständen gewinnen muss, er nannte die Partie einen "Pflichtsieg". Das Auswärtsspiel gegen Mexiko am Dienstag wird für die verletzungsgeschwächten Amerikaner ein harter Brocken, und null Punkte aus drei Qualifikationsspielen würden mit Sicherheit die Diskussionen um seine Position noch mehr befeuern.

Verbandschef Sunil Gulati steht zwar offiziell noch voll hinter Klinsmann, und es gilt auch als unwahrscheinlich, dass der Trainer mitten in der Qualifiikation entlassen wird. Allerdings gibt Gulati zu, mit den Spitzenspielern bereits Gespräche geführt zu haben. Allzu bequem sollte Klinsmann es sich auf seinem Trainerstuhl also wahrscheinlich nicht machen. Aber das ist er ja gewohnt.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 40 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Weltfinanzexperte 22.03.2013
Abgesehen davon, dass er zwar "links von" Klinsmann steht, auf dem Bild aber *rechts* zu sehen ist, ist das der große Unterschied zum "Sommermärchen": Ohne Löw bleibt von Klinsmann halt nur noch die heiße Luft übrig. Gut, dass er in USA und Löw hier geblieben ist.
2. Klinsmann oder wie ich den Fussball versaute.
klaus.langebroeker 22.03.2013
Nach seinen Pleiten in Deutschland nun der Abgesang in den USA das war doch klar vorauszusehen. Hätten die US Boys den Kicker gelesen wäre ihnen das erspart geblieben.
3. Da bin ich docherschrocken, ...
noalk 22.03.2013
als ich las: "Die Bevorzugung der deutsch-stämmigen (Bundesliga-)Spieler ... sähe Zwiespalt." Jeder Bauer sähe gerne auf seinem Acker etwas wachsen, aber dazu muss er etwas säen. Samen, keine Zwietracht.
4. 1:4 gegen Italien war im März
bommi57 22.03.2013
Das angesprochene 1:4 gegen Italien gab es am 1. März 2006, nicht schon im Februar
5.
AcrossTheUniverse 22.03.2013
Das größte Problem sind eher diese 11 Spieler.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik WM-News
RSS
alles zum Thema Fußball allgemein international
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 40 Kommentare
Tabellen