Dortmund-Fans über Klopp "Der BVB, dat ist wie 'ne Religion"

Jürgen Klopp verlässt Borussia Dortmund, der Klub und die Stadt sind geschockt. In Kneipen, Currywurstbuden und auf dem legendären Borsigplatz gibt es nur dieses eine Thema. Ein Streifzug durch die Dortmunder Nacht.

Ralf Heimann

Aus Dortmund berichtet Ralf Heimann


Dortmund, Oesterholzstraße 60, erstes Stockwerk. Hier befand sich der Saal der Gaststätte Wildschütz, wo der Wirt Heinrich Trott am 19. Dezember 1909 zusammen mit 17 Männern den Ballsportverein Borussia gründete. Ein Stockwerk tiefer, in der Pommesbude Rot-Weiß, aß Jürgen Klopp am 5. Oktober 2009 seine erste echte Dortmunder Currywurst. So wird es hier erzählt.

Klopp war seit einem Jahr Trainer. Er wollte den Ort sehen, an dem alles begonnen hatte. Die Fotos von seinem Besuch hängen eingerahmt an der Wand. Klopp trägt eine schwarz-weiße Trainingsjacke. Er steht an einem Tisch und signiert einen goldenen Fußball. Zwei Jungs schauen ihm über die Schulter.

"Er war der Einzige, der jemals da war", sagt Heidemarie Sas.

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Klopp und der BVB: Jubel, Trauer und Frust
Von den anderen Trainern kam nie einer. Doll nicht. Röber nicht. Und Sammer schon gar nicht. Heidemarie Sas gehört die Pommesbude. Sie muss es wissen.

Klopp kam nur dieses einzige Mal, aber das rechnet sie ihm hoch an. Zwei Jahre später gewannen sie die erste Meisterschaft. Danach fuhren sie mit der Meisterschale auf einem schwarz-gelben Lastwagen um den schwarz-gelben Borsigplatz und ließen sich von der Stadt feiern.

Und im Fernsehen kassieren die Bayern Tore in Porto

Der Borsigplatz liegt 300 Meter entfernt von der Pommesbude. Wenn man vor die Tür geht, kann man ihn sehen. Jürgen Klopp hat bei seinem Abschied gesagt, er würde am Ende der Saison gern noch einmal mit dem großen Lastwagen um den Platz fahren. Das hat Heidemarie Sas berührt. "Jetzt müssen sie sich einen neuen Stiefvater suchen", sagt sie. Klopp sei ja kein Trainer, der sei wie ein Vater für die Mannschaft. Dann rollt eine Träne.

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Ist Klopps Abschied der richtige Schritt?

Jürgen Klopp hört zum Saisonende bei Borussia Dortmund auf. Eine Ära geht beim BVB zu Ende. Hat er mit dieser Entscheidung das Richtige getan?

Es ist 20.45 Uhr, ein lauer Frühlingsabend. Am Alten Markt im Stadtzentrum reiht sich eine Kneipe an die andere. Es ist voll wie am Wochenende. Auf Fernsehern läuft das Spiel Bayern gegen Porto. Andy Million, Sänger der Dortmunder Band The Klit Korea, Druckereiinhaber und Dauerkarten-Besitzer, feiert vor dem Café Maximilian mit Freunden seinen Geburtstag. Er wird 53. Mittags wollte er eigentlich mit seinen Mitarbeitern anstoßen, aber dann kam die Nachricht von Klopps Abschied durchs Radio.

"Geiles Geburtstagsgeschenk", sagt Andy Million.

"Wir sind todtraurig", sagt seine Frau Petra. Und Millions Bandkollege, der sich "Der Duke" nennt, ein Mann wie ein Bär, ebenfalls Eigentümer einer Dauerkarte, erzählt, wie sie mit der Familie zu Hause vor dem Fernseher saßen, die Pressekonferenz lief und einige weinen mussten. "Der Klopp hat gesehen, er kann uns nicht weiterbringen. Deshalb geht er. Dafür hat er meinen Respekt", sagt der Duke.

Dann fällt im Hintergrund ein Tor. 1:0 für Porto. Kurzer Jubel. "Dortmund freut sich", sagt der Duke. Vielleicht zum ersten Mal an diesem Tag.

Acht Spiele noch, dann ist es vorbei

Sie hängen an ihrem Trainer, aber noch mehr hängen sie an diesem Verein. "Der BVB, dat ist wie 'ne Religion. Da geht's nicht um die Protagonisten", sagt Andy Million. Und der Duke sagt: "Das jetzt ist der letzte große Kracher."

Acht Spieltage noch. Acht Spiele, in denen sie alle wissen: Danach endet eine Ära. Und diese Ära soll mit einem Erfolg zu Ende gehen. Mit einer Fahrt um den Borsigplatz. Wenn es Klopp zuletzt nicht mehr gelungen sein sollte, seine Spieler zu motivieren, dann wäre der früh angekündigte Abschied ein letzter genialer Schachzug. So sieht der Duke das. "Klopp kann jetzt nur noch einen Fehler machen", sagt er, und er muss es gar nicht aussprechen. Er dreht sich nur um zum Fernseher, wo die Bayern inzwischen mit zwei Toren zurückliegen und wo jetzt Pep Guardiola auf der Bank sitzt.

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Klopp beim BVB: Viele gute und wenig schlechte Zeiten
21.15 Uhr. Auf dem Weg aus der Innenstadt fährt man über die Möller-Brücke, die von Fans gern scherzhaft auch Andi-Möller-Brücke genannt wird. Andi Möller ist vielleicht das Gegenteil von Jürgen Klopp. Den hat sich keiner zurückgewünscht. Möller war bekannt für seine Schwalben, und als er 1990 am Ende der Saison mit großer Geste vor der Südtribüne versprach, der Borussia auch weiter treu zu bleiben, dauert es nur noch ein paar Tage, bis er in Frankfurt unterschrieb. Klopp ist nicht immer angenehm, aber er ist nie durch Unehrlichkeit aufgefallen. Seine Gradlinigkeit bringt ihm sogar Sympathien bei seinen Gegnern.

Es ist halb zehn. Ein Besuch in der Kneipe Kumpel Erich im Dortmunder Kreuzviertel. Vor dem Eingang ist das BVB-Wappen in den Boden eingelassen. Die BWL-Studenten Olli Linden, Sascha Hartung und Christian-Marco Hessler sitzen hinten in der Kneipe vor einer Großleinwand. Auch hier läuft Fußball. Es ist Halbzeit, und auch hier ist Jürgen Klopp allgegenwärtig. Gerade fährt er auf der Leinwand in einem Auto-Werbesport durchs Bild.

Ist Tuchel der richtige Mann?

"Ich bin zwar Bayern-Fan, aber dass er geht, finde ich trotzdem schade", sagt Sascha Hartung.

"Da geht nicht nur ein Trainer, da geht ein Kopf", sagt Dortmund-Fan Olli Linden.

"Dass er geht, ist die richtige Entscheidung", sagt Dortmund-Fan Christian-Marco Hessler.

Er ist an diesem Abend der Erste, der das so deutlich formuliert. Hessler ist 26 Jahre alt und seit seinem zweiten Lebensjahr regelmäßig im Stadion, erzählt er. Was er da sieht, macht ihm schon länger keinen Spaß mehr.

"Klopp erreicht die Spieler nicht mehr. Die sind einfach nicht mehr hungrig. Die Klopp-Taktik funktioniert nicht mehr, weil sie längst überholt ist", sagt Hessler.

Dann geraten die drei in eine Diskussion. Sie sind sich nicht einig darin, ob Thomas Tuchel jetzt der richtige Mann wäre. Olli Linden bezweifelt, dass überhaupt irgendwer Jürgen Klopp ersetzen kann. Aber in einem Punkt geht die Meinungen kaum auseinander.

"Ich an seiner Stelle hätte es genauso gemacht", sagt Christian-Marco Hessler, und auch die anderen beiden finden: Das war ein starker Abgang.



insgesamt 66 Beiträge
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Seite 1
uksubs 16.04.2015
1. starker abgang
und richtiger abgang! respekt!
toastfan 16.04.2015
2.
Zur Fotostrecke: Der Dortmunder OB heißt Sierau.
nobody_aj 16.04.2015
3. Schade
Hr.Klopp hat sich seine Entscheidung zu gehen redlich verdient,obwohl ich seine Motive (Zukunft des BVB etc.) nicht teile. Mit Klopp steigt und fällt der BVB und nicht andersrum. Vermutlich ist das schlechte Abschneiden dieses Jahr doch sehr viel ausschlaggebender als er zugibt. Leider hat er mit seiner Entscheidung die Zukunft des BVB in eine sehr unsichere Bahn manövriert. Sicher gibt es anfangs den typischen Aufwärtstrend-Effekt,wenn ein neuer Trainer anfängt, aber der gibt sich irgendwann wieder und der BVB versinkt im Mittelmaß. Klopp,das darf man nicht vergessen, ist ein Meistertrainer...und davon hat die BL zur Zeit nicht Viele. Aber gut,man kann nur hoffen,dass Klopp sich gut erholt und sich hoffentlich nie auf den Trainerstuhl des FC Bayern setzt. Und wohin es Klopp auch immer zieht (solange es nicht Bayern ist),so bleibe ich Fan seiner Art Fussball spielen zu lassen. Hoffe aber insgeheim,dass er irgendwann den Weg zum BVB zurück findet ;-)
ferdinand_de_sartori 16.04.2015
4. Dortmund
[...] und wirklich niemand(!) sagt "Andi-Möller-Brücke".
disi123 16.04.2015
5. Zeitung
Bei uns stand heute drin: "Klopp leaves Dortmund for Prem". Also geht er jetzt nach England?
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