Biografie über Liverpool-Trainer Warum Manchesters Angebot für Klopp zu "unsexy" war

Ein Geheimtreffen in New York, eine unattraktive Offerte von Manchester United: Eine neue Biografie über Jürgen Klopp zeichnet detailliert nach, wie der Deutsche beim FC Liverpool landete.

Sven Müller

Von Raphael Honigstein


Dies ist ein gekürzter Auszug des Kapitels "Der Weg nach Anfield" aus dem Buch "Ich mag, wenn's kracht" von Raphael Honigstein. Es beschäftigt sich mit Jürgen Klopps Angeboten aus England, die der damalige BVB-Trainer schon lange vor seinem Wechsel nach Liverpool im Sommer 2015 bekam.

Am 11. April 2014 traf sich Jürgen Klopp gegen 22 Uhr mit Hans-Joachim Watzke zu einem Drink im Münchner Park Hilton Hotel und teilte ihm mit, dass er sich entschlossen habe. Er werde bleiben.

Bis vor ein paar Stunden, bis zum Abflug der Mannschaft zu einem Spiel gegen den FC Bayern in der Allianz Arena in München war Klopp noch uneins mit sich selbst gewesen. Ihm lag ein verlockendes, höchst lukratives Angebot aus dem Nordwesten von England vor, es war die Chance, einen der berühmtesten Fußballklubs der Welt zu übernehmen und umzubauen.

"Wir haben uns freitagmorgens bei mir in der Küche getroffen", erzählt Watzke. "Und das war, ohne Einzelheiten zu nennen, ein ganz interessantes Gespräch. Am Nachmittag im Flieger hat Klopp dann gesagt: 'Wir müssen uns heute Abend noch treffen.' … Meine Tochter studierte damals in München, ich habe mich mit ihr zum Abendessen verabredet und deshalb konnte ich ihn erst um 22 Uhr treffen. Da hat er dann sofort gesagt: 'Ich kann mit diesem Druck nicht mehr leben. Ich habe denen abgesagt.'"

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Raphael Honigstein:
Ich mag, wenn's kracht

Jürgen Klopp. Die Biographie

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Kurz zuvor war Ed Woodward, der stellvertretende Vorstandsvorsitzende von Manchester United, nach Deutschland geflogen, um mit Klopp zu sprechen. Die kurze Amtszeit von David Moyes in Old Trafford näherte sich dem Ende, und Klopp war der Wunschnachfolger der Verantwortlichen. Sie trauten ihm zu, dass er dem Spiel der Red Devils wieder mehr Biss verleihen würde. Woodward erklärte Klopp, dass das Theater of Dreams, das Theater der Träume, wie das Stadion auch genannt wird, "eine Art Disneyland für Erwachsene" sei, ein mythischer Ort, an dem erstklassige Unterhaltung geboten werde und Traume wahr werden wurden.

Klopp war nach diesem Verkaufsgespräch nicht überzeugt - er fand das Ganze ein bisschen "unsexy", wie er gegenüber einem Freund erklärte. Doch er lehnte das Angebot nicht sofort ab. Nach knapp sechs Jahren als Trainer von Dortmund war es vielleicht an der Zeit, den Arbeitsplatz zu wechseln.

Erst United, dann City und Tottenham

Da Watzke wusste, dass die Engländer Interesse zeigten, wollte er von Klopp die Erfüllung seines Vertrages verlangen, der erst im vorhergehenden Herbst bis 2018 verlängert worden war. Er spürte allerdings, dass der 46-jährige Trainer mit sich rang, und entschied sich für eine sehr riskantere Strategie. Wenn Klopp zu Manchester United gehen wolle, werde er ihm nicht im Weg stehen, erklärte er und setzte dabei auf das gegenseitige Vertrauen und eine Verbundenheit, die sich schon seit Langem über den geschäftlichen Rahmen hinaus zu einer Freundschaft entwickelt hatte.

Klopp als Mainzer Spieler beim SV Glatten
Archiv Ulrich und Hartmut Rath

Klopp als Mainzer Spieler beim SV Glatten

Nach längerer Überlegung - und dem Gespräch an Watzkes Küchentisch - kam Klopp zu dem Schluss, dass seine Mission im Signal Iduna Park noch nicht zu Ende war. Manchester United aber glaubte, es gebe noch immer die Möglichkeit, ihn wegzulocken. Als David Moyes am 22. April von seiner unvermeidlichen Entlassung erfuhr, avancierte Klopp bei den Buchmachern schnell zum Favoriten für die Nachfolge des Schotten.

Die hartnackigen Spekulationen in den englischen Medien veranlassten den Schwaben, am nächsten Tag über die Zeitung "The Guardian" eine Erklärung abzugeben, die den Gerüchten den Boden entzogen. "Manchester United ist ein toller Verein und ich fühle mich seinen wunderbaren Fans eng verbunden", schrieb er, "aber meine Verpflichtung gegenüber Borussia Dortmund und den Menschen dort ist unerschütterlich."

"Wenn jemand anruft, werde ich reden"

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Jürgen Klopp: Aus dem Schwarzwald an die Anfield Road

Dennoch zog Klopp weiterhin das Interesse der englischen Premier League auf sich. Ein halbes Jahr, nachdem er Woodwards Angebot abgelehnt hatte, unternahm Manchester City, der Lokalrivale von United, einen Versuch. Auch Tottenham Hotspur erkundigte sich nach seinen Diensten. Zur selben Zeit nutzte Klopp ein Interview mit dem englischen Fernsehsender BT Sport vor dem Champions-League-Spiel Dortmunds gegen Arsenal, um seine langfristigen Absichten bekannt zu geben.

Auf die Frage, ob er nach England kommen werde, wenn seine Zeit bei Borussia Dortmund vorüber sei, gab er eine eindeutige Antwort: "Das ist das einzige Land, in dem ich arbeiten möchte, wenn ich aus Deutschland weggehe. Es ist das einzige Land, dessen Sprache ich ein bisschen beherrsche. Und ich brauche die Sprache für meine Arbeit. Also, man wird sehen. Wenn mich jemand anruft, werde ich mit ihm darüber reden."

"Es war klar, dass es in die Premier League geht"

Das war ein klares Zeichen, erzählt Watzke. Dortmund erlebte seine erste - und einzige - schlechte Bundesligasaison unter der Leitung von Klopp, dass er in ein wesentlich regenreicheres Land wechseln konnte, erschien plötzlich wahrscheinlicher als jemals zuvor. "Für uns war die Saison bereits im Arsch, und man hatte so ein Gefühl…", fährt Watzke fort. "Für mich war klar, dass er nach Dortmund zu keinem anderen deutschen Verein gehen würde, das hätte er nicht gekonnt. Aber sein Englisch hatte er schon ein bisschen aufpoliert. Das hatte ich ja beobachtet. Es war klar, dass es in die Premier League geht. Das ist auch genau sein Fußball, der da gespielt wird."

Der Fußballromantiker Klopp war seit Langem ein glühender Anhänger der echten, intensiven und kampfbetonten Variante dieses Sports, die auf der anderen Seite des Kanals gespielt wird. Als Trainer von Mainz hatte er 2007 im Wintertrainingslager in Spanien Nick Hornbys Buch "Fever Pitch" verschlungen. "Ich mag das, was wir in Deutschland als 'englischen Fußball' bezeichnen: ein regnerischer Tag, ein schwerer Platz, alle sind schmutzig im Gesicht, und dann gehen alle nach Hause und können die nächsten vier Wochen nicht mehr spielen", sagte Klopp dem "Guardian" 2013.

Jürgen Klopp als Kleinkind
Archiv Horst Dietz

Jürgen Klopp als Kleinkind

Fast genau ein Jahr nachdem Klopp Manchester United einen Korb gegeben hatte, zeigte sich, dass seine Verbundenheit mit Dortmund nicht gänzlich unerschütterlich war. Er gab bekannt, dass er nach der Saison 2014/2015 seinen Abschied nehmen werde, und machte zugleich klar, dass er nicht die Absicht habe, eine Auszeit einzulegen.

Wechselgespräche? Gerne, aber nur via Skype!

Als sich die Zeit von Brendan Rodgers in Anfield ihrem Ende näherte, rief ein Mann bei Klopps Agenten Marc Kosicke an, der sich als Ian Ayre vorstellte, der Geschaftsführer des FC Liverpool. Er fragte, ob man über einen möglichen Wechsel von Klopp an die Anfield Road sprechen könne? Das könne man, erwiderte Kosicke, aber bitte in einem Videotelefonat über Skype. Als Ayre auflegte, um erneut über Skype anzurufen, suchte Kosicke schnell nach Fotos der Verantwortlichen in Liverpool. Um sicher zu gehen. Es gibt genügend Witzbolde und Leute, die einem die Zeit stehlen wollen.

Christian Heidel erzählt, dass Klopp nur in einer Hinsicht Bedenken hatte: wegen seiner Englischkenntnisse. "Ich habe lange mit ihm darüber gesprochen. Er hat mich gefragt: 'Soll ich das machen?' Ich habe gesagt: 'Deine Stärke ist deine Sprache. Du musst jetzt für dich entscheiden, ob du das, was für dich wichtig ist, auf Englisch rüberbringen kannst. Wenn du andere für dich sprechen lassen musst, dann wird es nicht funktionieren. Dann bist du nämlich nur zu siebzig Prozent Klopp.' Und darauf hat er geantwortet: 'Das kriege ich hin. Es wird jetzt gepaukt, das krieg ich hin.'"

Klopp als Teenager (Mitte)
Archiv Ulrich und Hartmut Rath

Klopp als Teenager (Mitte)

Klopps Name war in Anfield erstmals im Frühjahr 2012 zur Sprache gekommen, als die möglichen Nachfolger von Kenny Dalglish ins Auge gefasst wurden. Ein Mittelsmann setzte sich mit dem Dortmunder Trainer in Verbindung, doch ihm wurde unmissverständlich beschieden, dass Klopp nicht die Absicht habe, den Verein zu verlassen. Er war gerade dabei, ein historisches Double zu gewinnen. Im September 2015 wurde die Sache dann sehr schnell wesentlich ernster. Der schlechte Saisonstart von Brendan Rodger veranlasste die in Boston ansässige Fenway Sports Group (FSG), die Eigentümer des FC Liverpool, nach einem neuen Trainer Ausschau zu halten.

"Wir haben an jemanden gedacht, der Erfahrung hatte und Erfolge auf höchstem Niveau", erläutert Mike Gordon, der 52-jährige Chef von FSG." Jürgen hatte das in der Bundesliga unter Beweis gestellt. Er hatte das auch in der Champions League gezeigt, er war im Finale nur ganz knapp gescheitert. Ich glaube, allen war klar, dass er einer der besten Fußballtrainer ist, wenn nicht der beste überhaupt. Und uns gefiel die Art von Fußball, die er spielen ließ. Die Energie und der Offensivgeist, die Impulsivität, der attraktive Hochgeschwindigkeitsfußball. Aus fußballerischer Sicht war es eine relativ einfache und klare Entscheidung."

Mehr als nur Charisma

Obwohl viel für Klopp sprach, nahm Gordon den Deutschen genauer unter Lupe, um zu prüfen, ob der Hype um den Trainer eine objektive Grundlage besaß. "Ich habe versucht, seine Popularität in der Fußballwelt und sein Charisma außen vorzulassen, um eine unvoreingenommene Analyse durchzuführen", sagt der ehemalige Hegdefondsmanager, der als Junge Popcorn bei Baseballspielen verkaufte. "Ich freue mich sagen zu können - und das ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt auch offensichtlich -, dass die Fakten uns noch viel stärker überzeugten, als sein an sich schon enorm hohes Ansehen in der Fußballwelt."

Klopp beim SV Glatten
Archiv Ulrich und Hartmut Rath

Klopp beim SV Glatten

Gordons Recherchen ergaben, dass Klopps Arbeit in Mainz und Dortmund "einen eindeutig positiven Effekt" gehabt hatte, "und zwar in einem quantifizierbaren Sinn, im Verhältnis zu dem, was man üblicherweise hatte erwarten können". Einfacher gesagt: Der Schwabe hatte alle Erwartungen übertroffen. Gerade das machte ihn für Liverpool interessant, einen Klub, der im Vergleich zu seinen finanzkräftigeren Rivalen in der Premier League auf den effizienteren Einsatz seiner Ressourcen achten musste. "In fußballerischer Hinsicht war die Sache ziemlich eindeutig", erklärt Gordon.

Für den 1. Oktober wurde ein Treffen in New York vereinbart. Klopps und Kosickes Bemühungen um Geheimhaltung waren nicht sonderlich erfolgreich. In der Lufthansa-Lounge am Münchner Flughafen fragte einer der Mitarbeiter Klopp - dessen Baseballkappe nur bedingt als Tarnung taugte -, warum er nach New York fliege. "Wir wollen uns ein Basketballspiel anschauen", antwortete er. Eine durchaus plausible Erklärung - abgesehen von der Tatsache, dass die NBA-Saison erst in vier Wochen begann. Dennoch drang die Nachricht von der geheimen Reise nicht an die Öffentlichkeit.

"Woooooooooooow!!!"

Wie erwartet entsprach Klopps Charisma seiner Statur ("er nutzt seine persönlichen Fähigkeiten und seine Art, auf Menschen zuzugehen, um seine Botschaft rüberzubringen"), doch was Gordon am meisten beeindruckte, war die "enorme Substanz", die er hinter dem breiten Lächeln und der übergroßen Persönlichkeit entdeckte.

Klopp erklärte den Verantwortlichen des FC Liverpool, dass Fußball "mehr als ein System" sei, sondern immer auch "Regen, intensive Zweikämpfe, der Lärm im Stadion". Am wichtigsten sei es, führte er aus, das Publikum in Anfield durch die Art der Darbietung "zu aktivieren", das Team anzufeuern und dadurch einen sich selbst verstärkenden Kreislauf der Begeisterung zu erzeugen.

Gordon erzählt: "Es war schwer, bei ihm auch nur irgendeinen Schwachpunkt zu finden, wirklich wahr. Was ich damit sagen mochte: Es war klar, dass sich Jürgen als Fußballtrainer auf dem gleichen Niveau bewegte wie ein Unternehmenschef, wie ein Mann, dem man gern die Leitung einer Firma anvertrauen wurde. Ich sage das als jemand, der 27 Jahre als Investor tätig gewesen ist und mit vielen Top-Unternehmensführern und Managern in Amerika und Europa zu tun hatte. Zu diesem Zeitpunkt wurde mir klar, dass er der Richtige war. Also beschlossen wir, über die Konditionen zu sprechen, aber da hat sich Jürgen verabschiedet."

Während Kosicke die Gehaltsverhandlungen führte, machte Klopp einen Spaziergang im Central Park. Der Ausflug ins Grüne dauerte länger als erwartet. Die beiden Seiten waren zunächst finanziell weit auseinander, aber nach einer Weile wurde der Rahmen für einen Vertrag gefunden. Als Klopp nach Deutschland zurückgekehrt war, schickte ihm Gordon eine SMS. "Worte können nicht ausdrücken, wie sehr wir uns auf die Zusammenarbeit freuen", schrieb er. Klopp entschuldigte sich, dass auch er nicht die richtigen Sätze parat hatte. Er kannte jedoch ein Wort, das seine Gefühle zum Ausdruck brachte: "Woooooooooooow!!!"

Autoren-Info
  • Raphael Honigstein
    Raphael Honigstein, gebürtiger Münchner, lebt seit 1993 in London, von wo er für SPIEGEL ONLINE über englischen Fußball berichtet. Ist außerdem Buchautor und Fernsehexperte sowie ehemaliger Stürmer mit mehr Kreuzbandrissen als Toren. Hat aber neulich einen Zweikampf gegen Lothar Matthäus gewonnen.


insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
doppelnass 13.11.2017
1. Gratulation
An ManU, dass es nicht geklappt hat
doppelnass 13.11.2017
2. Ich mein...
Man kennt ja die Liebe der Spon Redaktion zu Dortmund und daher bedingt zu Klopp. Nur eine Frage darf gestattet sein: Klopp hat bis auf zwei Meisterschaften und diesen komischen DFB Pokal noch nichts gewonnen. Im CL Finale war er, weil ein Schiri gegen den Weltclub Malaga blind war. "Bester Trainer der Welt"? Wo das denn bitte?
cirus27 13.11.2017
3. comentario del 10: no ganó nada
das war und ist immer der neidkommentar der möchtegerncharismatiker...
Japhyryder 13.11.2017
4. Klopp
Mit dem kann man saugut reden (wenn man zu Wort kommt).
joe.micoud 13.11.2017
5.
Topmann, der Jürgen. Da hat Liverpool einen sehr guten Trainer verpflichtet. Seine Erfolge in Mainz und Dortmund sprechen für sich.
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