Slowakei-Matchwinner Draxler Der Mann mit den Zauberfüßen

Er entschied das Spiel: Julian Draxlers Auftritt gegen die Slowakei gehört zu den bisherigen Highlights dieser EM. Eine Startelfgarantie fürs Viertelfinale bekommt er jedoch nicht.

Aus Lille berichten und


Julian Draxler nahm auf dem Podium Platz. Eine Jury hatte den Mittelfeldspieler zum "Man of the Match" gewählt. Draxler faltete seine Hände wie zu einem Gebet ineinander und wartete, bis der Uefa-Funktionär die Pressekonferenz eröffnete. Der 22-Jährige wirkte ein wenig verloren auf der Bühne.

Es ist ein Eindruck, den Draxler gerne vermittelt. Er ist ein abwartender, ruhiger, nachdenklicher Typ. Manchmal zu reserviert, zu leise, zu wenig einfordernd. Deshalb sieht man nicht immer auf Anhieb, was alles in ihm steckt.

So war es auch zu Beginn dieser Europameisterschaft. So ist es nun auch nach dem 3:0-Sieg des deutschen Nationalteams über die Slowakei: dem Gala-Abend von Julian Draxler.

Der Profi des VfL Wolfsburg bekam gegen die Slowakei erneut die Chance, von Anfang an zu spielen. Bundestrainer Joachim Löw hatte den Ex-Schalker im letzten Gruppenspiel gegen Nordirland auf die Ersatzbank gesetzt, nachdem Draxler in den ersten beiden Turnierspielen zwar jeweils von Beginn an spielte, aber nicht komplett überzeugen konnte.

Lob von Gomez: "Hat zwei brillante Zauberfüße"

Diesmal zeigte Draxler ein Spiel, das Löw seit Wochen von seinem Offensivspieler einfordert: schnelle Dribblings bis zur Grundlinie, Binden mindestens eines Gegenspielers und scharfe Hereingaben in den Strafraum. Draxler konnte das gegen die Slowaken umsetzen. Er spielte seine Gegenspieler förmlich schwindlig, legte das 2:0 durch Mario Gomez vor und traf selbst mit einem technisch herausragenden Volleyschuss zum 3:0.

Julian Draxler
Getty Images

Julian Draxler

"Julian hat zwei brillante Zauberfüße, wir wissen, dass er uns jederzeit helfen kann", sagte Gomez. Sein Mannschaftskollege und Torschütze zum 1:0, Jérôme Boateng, ergänzte: "Er hat unser Spiel sehr belebt. Das fordern wir von unseren Offensivspielern und wir wissen, dass sie das können."

Boateng war auch einer der Hauptgründe, warum Draxler ein solcher Sahneabend gelang. Der Innenverteidiger nutzte die Rückzugsschwäche der Slowakei gnadenlos aus und chippte Dutzende Bälle über das gesamte Mittelfeld in die Füße von Draxler. So stand der Linksaußen oft in direkten Duellen gegen lediglich einen Außenverteidiger und konnte seine Geschwindigkeit und sehr gute Technik wirkungsvoll ausspielen. Dabei gelang ihm genau dies in den beiden ersten Gruppenspielen nicht. Sowohl die polnische als auch ukrainische Nationalmannschaft waren defensiv deutlich kompakter gestaffelt als die slowakische, sodass sich Draxler zum Turnierstart ständig an seinen Gegenspielern festbiss und kaum eine seiner Glanzaktionen zeigen konnte.

Fotostrecke

18  Bilder
Sieg gegen Slowakei: Muskelspiele des Weltmeisters

"Der Bundestrainer hat mir heute nach dem Frühstück gesagt, dass ich diesmal wieder spielen werde. Und er hat mich ermuntert, die Eins-gegen-eins-Duelle zu suchen und für Druck zu sorgen. Ich glaube, das ist mir ganz ordentlich gelungen", sagte Draxler bescheiden.

Draxler, Sané, Kimmich - Zukunft des DFB-Teams

Er ist einer der vielen Nationalspieler, die aus den Nachwuchsleistungszentren der Bundesligisten kommen. Leroy Sané, Mario Götze oder Joshua Kimmich gehören zu Draxlers Generation, sie sind die Zukunft dieser Nationalmannschaft. Eine Zukunft, die sich allerdings erst beweisen muss - am besten mit Spielen bei der EM. Erwachsen werden funktioniert nur über das Sammeln von eigenen Erfahrungen.

"Ich habe eine ganz gute Bundesliga-Rückrunde gespielt und ich hatte mir schon vor dem Turnier erhofft, dass ich diesmal eine größere Rolle spielen darf. Schön, dass das nun auch klappt und ich der Mannschaft helfen kann", sagte Draxler.

Fotostrecke

14  Bilder
DFB-Elf in der Einzelkritik: Trickreich, schnell, kreativ

Draxler hat bereits im Juniorenbereich gelernt, dass das Profitum mit Schmerzen und seelischen Verletzungen verbunden ist. Er sagt, er habe gelernt, das auszuhalten. Das gelang ihm nach seiner Ausbootung vor der EM 2012, als ihn Löw kurzfristig aus dem vorläufigen Kader strich. Er akzeptierte, ohne aufzumucken, dass er bei der WM in Brasilien kaum eingesetzt wurde. Auch deswegen vertraut ihm Löw heute.

Als sich nun vor der aktuellen EM Marco Reus verletzte, war schnell klar, dass dies Draxlers Turnier werden könnte. Für ihn zahlen sich jetzt all die Anstrengungen aus. Draxler, der immer wieder verletzungsanfällig war, engagierte bereits vor Monaten einen eigenen Physiotrainer, der ständig zwischen Essen und Wolfsburg hin- und herpendelt und Draxler privat behandelt. Der Jungnationalspieler hat auch einen eigenen Koch eingestellt, der ihm täglich gesundes und frisches Essen zubereitet. "Ich habe vieles in meinem Leben verändert, um zur EM zu fahren und zu den Besten zu gehören", sagt Draxler.

Ob es für ihn zu weiteren Turnierspielen in der Startelf reicht, hängt auch vom nächsten Gegner ab. Wer sich noch an Reus' Galaauftritt im Viertelfinale 2012 erinnert, als er Griechenland beinahe im Alleingang aus dem Turnier schoss, der wird sich auch daran erinnern, dass Löw Reus im Halbfinale gegen Italien zunächst wieder auf die Bank gesetzt hat.

Draxler sagt, er wolle dem Trainer "die Entscheidung in den kommenden Tagen so schwer wie möglich machen".

Das EM-Briefing - hier in einem Schritt bestellen:



insgesamt 58 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ekel-alfred 27.06.2016
1. Startelfgarantie
Die bekommt wohl nur, für mich unverständlich, Mesut Özil. Was der bisweilen abliefert empfinde ich als Frechheit. Nach seiner angeblich besten Premier League Saison scheint er lustlos in der N11. Wenn wir weiter im Turnier bleiben, dann nicht wegen Özil, sondern trotz.....
Europa! 27.06.2016
2. Jetzt kriegt euch mal wieder ein!
Da ist es einer hochbezahlten Mannschaft von teuren Profis gelungen, ein kleines, relativ armes Land wie die Slowakei zu schlagen, und es wird herumgeschrien, als hätte DIE MANNSCHAFT den Mount Everest bezwungen. Geht's vielleicht bisschen kleiner?
brotherandrew 27.06.2016
3. Jetzt ...
... übertreibt mal nicht. Der Gegner gestern war nur zweite Garnitur. Wo man steht, wo Draxler steht, kann man erst wissen, wenn man gegen eine abwehrstarke Mannschaft spielen muss wie z.B. Italien. Trotzdem hat Draxler gestern natürlich ein gutes Spiel gemacht.
troy_mcclure 27.06.2016
4.
Das Problem von Draxler ist, gerade in der Nationalmannschaft, seine noch fehlende Konstanz.
waswoasi 27.06.2016
5. Völlige Überhöhung des Herrn Draxler!
Oft verdribbelt, statt abzuspielen festgelaufen und nach Hinten wenig mitgearbeitet. Die Slowaken haben es ihm extrem leicht gemacht und nur wegen eines etwas besseren Spiels ist er noch lang nicht der König von Deutschland...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.