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Hoffenheims Coach Nagelsmann: Coole Premiere

Aus Bremen berichtet

Hoffenheim spielt Unentschieden: Ein Pünktchen zum Debüt Fotos
DPA

Mit 28 Jahren ist Julian Nagelsmann jüngster Trainer der Bundesliga-Geschichte. Beim Debüt in Bremen gab sich der Nachfolger von Huub Stevens cool. Aber reicht das für die Rettung von Hoffenheim?

Der jüngste Bundesligatrainer der Geschichte betrat das Weserstadion bei seiner Premiere als Chefcoach der TSG Hoffenheim in Jeans und Kapuzenjacke. Die Jeans hatte den Vorteil, dass er bei Interviews beide Hände in die Hosentaschen stecken konnte. Und da sehr viele Menschen etwas von Julian Nagelsmann wissen wollten, stand er recht lange mit den Händen in den Hosentaschen herum.

"Ich war nicht nervöser als bei jedem U19-Spiel", sagte der bisherige A-Jugendtrainer der TSG nach dem Spiel und dem Teilerfolg des 1:1-Unentschiedens bei Werder Bremen. Und tatsächlich war dem 28-Jährigen keine Unsicherheit anzumerken an diesem Winternachmittag. "Ich habe natürlich wenig Zeit gehabt, uns gemeinsam mit der Mannschaft auf das Spiel vorzubereiten. Deshalb hatte ich auch nicht viel Zeit, darüber nachzudenken, was alles drumherum passiert", erzählte Nagelsmann.

Wie es ist, bei einem Bundesligaspiel auf der Bank zu sitzen, wusste er schon. 2013 war Nagelsmann für ein halbes Jahr Co-Trainer der TSG gewesen. Aber was man in der halben Stunde vor Anpfiff als Cheftrainer so machen muss und kann, war Neuland für ihn. Nachdem er das erste TV-Interview am Spielfeldrand hinter sich gebracht hatte, nahm Nagelsmann zunächst auf der Bank Platz. Sofort sammelten sich Fotografen und Kameraleute, woraufhin der Coach doch lieber auf den Rasen zu seiner Mannschaft ging, die mit den Aufwärmübungen beschäftigt war.

Ohne Hektik, aber mit großer Aufmerksamkeit

Erst als das Spiel angepfiffen wurde, schien Nagelsmann ganz zu sich zu kommen. Ohne Hektik, aber mit großer Aufmerksamkeit verfolgte er das Spiel. In der Anfangsphase rief er immer wieder Spieler zu sich, vor allem Tobias Strobl, dem als zentralem Sechser vor der neu installierten Dreierkette der TSG eine Schlüsselrolle dabei zukam, den Rhythmus im Spielaufbau zu bestimmen. Als Strobl einmal in Bedrängnis einen hohen Ball nach vorne schlug, bedeutete Nagelsmann ihm sofort mit Gesten, er solle flach und kontrollierter spielen.

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"Schlüssel ist das Spiel am Boden", sagte Nagelsmann hinterher. Dass er grundsätzlich in der Tradition des Hoffenheimer Fußballs steht, wollte er nicht verhehlen. "Das 1:0 von uns, wo wir eine Balleroberung hatten in der gegnerischen Hälfte", hob der Trainer hervor: "Das war das, was ich gerne sehe." Umschaltfußball bedeutet in diesem Verständnis aber eben nicht, die Bälle blind nach vorne zu dreschen. Es gehe darum, in Ballbesitz bestimmte Räume zu besetzen.

"Überzahl im Mittelfeld" sei die Devise, sagte Nadiem Amiri, der den Coach bereits aus der Hoffenheimer Jugend kennt. "Herr Nagelsmann" sei ein Trainer, "der immer mit seinen Spielern spricht". Kapitän Oliver Baumann fand die Taktik "sehr extrem", lobte Nagelsmann aber: "Er hat eine ganz klare Art". Dass Profis ihren neuen Cheftrainer öffentlich infrage stellen, war indes auch nicht zu erwarten. Ermin Bicakcic wollte sogar ganz auf Nummer sicher gehen, als er gefragt wurde, ob Nagelsmann "eher Motivator oder eher Analytiker" sei: "Beides" war die Antwort des Abwehrspielers nach zwei Tagen Training unter Nagelsmann.

Keine Kritik an den Schiedsrichtern

Auffällig war jedenfalls, wie sehr der neue Coach sich darum bemühte, ruhige Ausstrahlung mit positiven Signalen zu verbinden. Erst in der 75. Minute ließ Nagelsmann sich erstmals Unmut anmerken, als der eingewechselte Jiloan Hamad eine gute Chance zur erneuten Führung vertändelt hatte. Doch sofort im Anschluss zwang er sich wieder dazu, die Spieler anzutreiben und aufzubauen.

Den idealtypischen Jugendtrainer erkannte man auch an der Abwesenheit von Kritik an Schiedsrichterentscheidungen. Selbst die Gelb-Rote Karte gegen seinen Stürmer Andrej Kramaric löste bei Nagelsmann keine Wut und keinen Protest aus, sondern eine sofortige Taktikbesprechung mit seinem Trainerstab.

Fast hätte er diese Demonstration der Fairness bis in die Nachspielzeit durchgehalten. Doch in der 86. Minute sorgte eine umstrittene Zweikampfbewertung von Schiedsrichter Benjamin Brand dafür, dass Nagelsmann kurz die Hände entglitten und er sich an die Stirn schlug. Beim anschließenden Gespräch mit der vierten Offiziellen Bibiana Steinhaus hatte er sie dann aber schon wieder in den Hosentaschen.

Das Auftreten stimmte also, und auch fußballerisch deutet vieles darauf hin, dass Hoffenheim endlich einmal wieder eine gute Personalentscheidung getroffen hat. Ob sie rechtzeitig kam, das ist allerdings eine andere Frage. Oder in den Worten von Julian Nagelsmann: "Mir wäre es lieber, wenn irgendwann bei Wikipedia steht, dass wir gemeinsam den Abstieg verhindert haben, als dass ich der jüngste Trainer bin."

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Respekt
bernd.stromberg 14.02.2016
Sich als so junger Trainer - mit 28 Jahren - bei teilweise älteren erfahrenen und abgehobenen Spielern durchzusetzen und Respekt zu verschaffen stelle ich mir sehr schwierig vor. Ich bin gespannt, ob das funktioniert.
2. Erfolg
Mondaugen 14.02.2016
Respekt verschafft man sich mit Erfolg, da spielt das Alter keine Rolle. Ob z. B. Effe nun 20 Jahre älter ist als Nagelsmann und die Champions League gewonnen hat überzeugt einen Profi weniger als gewonnene Punkte im Abstiegskampf.
3.
bernd.stromberg 14.02.2016
Zitat von MondaugenRespekt verschafft man sich mit Erfolg, da spielt das Alter keine Rolle. Ob z. B. Effe nun 20 Jahre älter ist als Nagelsmann und die Champions League gewonnen hat überzeugt einen Profi weniger als gewonnene Punkte im Abstiegskampf.
Natürlich verschafft man sich mit Erfolg Respekt. Aber den Erfolg muss man ja erstmal erlangen. Die Frage ist ob ein z.B. 32-Jähriger Profi einem 28-Jährigen Trainer und seinem Konzept und seinen Anweisungen auch folgt. Dass ältere Mitarbeiter gegen jüngere Vorgesetzte rebellieren nach dem Motto "Von dem Jüngling lasse ich mir aus Prinzip nichts sagen" ist leider im Beruf noch Alltag. Übrigens auch öfter auf Spon zu lesen diese "Argumentation". Ich wünsch ihm jedenfalls viel Erfolg!
4. Reife Leistung
epiktet2000 14.02.2016
Ein Alexander des Fußballs, aus dem noch ein Großer werden kann. Er macht Hoffenheim trotz Hopp sympathisch.
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