Nagelsmann-Wechsel zu RB Alle wollten ihn - Leipzig bekommt ihn

Julian Nagelsmann wird ab Sommer 2019 Trainer in Leipzig. Eines der größten deutschen Trainertalente geht nicht zu einem europäischen Eliteklub - wie sinnvoll ist dieser Karriereschritt?

Julian Nagelsmann
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"Ich bin sehr, sehr glücklich, aber der FC Bayern würde mich vielleicht noch ein Stück glücklicher machen", hat Hoffenheim-Trainer Julian Nagelsmann vor gar nicht allzu langer Zeit gesagt. Es war September 2017 und beim deutschen Rekordmeister noch Carlo Ancelotti im Amt. Kurz darauf trennte sich der FCB von seinem Coach, und Nagelsmann galt als einer der logischen Kandidaten auf die Nachfolge. Als sich auch andere Spitzenklubs auf Trainersuche begaben, fiel immer wieder ein Name: Nagelsmann - egal ob beim BVB, dem FC Arsenal oder sogar Real Madrid.

Nun hat der 31-Jährige über seine Zukunft entschieden: Dank einer Ausstiegsklausel wechselt er im Sommer 2019 für angeblich fünf Millionen Euro von Hoffenheim nach Leipzig. Er geht also zu einem aufstrebenden Verein mit Millionenkonzern als Geldgeber im Hintergrund, aber zu keinem europäischen Top-Verein.

Wieso der Wechsel trotzdem sinnvoll sein kann:

Was bedeutet die Entscheidung für den Trainer?

Bislang ging es für Nagelsmann zweieinhalb Jahre lang gefühlt nur bergauf: Zunächst rettete er Hoffenheim sensationell vor dem Abstieg, führte den Verein in der folgenden Saison in den Europapokal und in diesem Jahr erstmals in die Champions League. Abseits der Bundesliga erlebte er aber auch Rückschläge: ein frühes Aus in Pokal und Königsklassen-Qualifikation in der vergangenen Saison, dazu desolate Auftritte in der Europa League.

Für die ganz große Lösung ist es womöglich noch einen Schritt zu früh: Bei Klubs wie Real Madrid, Bayern München oder Borussia Dortmund gilt es, Titel zu holen, immer in der Champions League zu spielen - und sie, wenn möglich, zu gewinnen. Leipzig wird er mit jungen, hochtalentierten Spielern mittelfristig zu einem Titelkandidaten aufbauen - hinter den völlig enteilten Münchnern. Das ist ihm zuzutrauen. Und Nagelsmann hat durch sein junges Alter genug Zeit, sich andere Träume später zu erfüllen.

Dietmar Hopp hatte zudem immer wieder betont, dass Nagelsmann auf keinen Fall vor 2019 gehen dürfe - wohl wissend, dass die größten Konkurrenten schon jetzt neue Trainer brauchen. Wohl auch deswegen kam in diesem Sommer kein Wechsel zum BVB zustande. Und selbst wenn es vertragliche Schlupflöcher gegeben hätte, wäre das für den 31-Jährigen anscheinend keine Option gewesen. "Ich habe mal betont, dass es da keinen Krieg geben wird. Ich will mich nicht irgendwo rausboxen", hatte Nagelsmann im April in der TV-Show "Wontorra" bekräftigt.

Was bedeutet der Trainerwechsel für Leipzig?

RB bekommt einen der begehrtesten Trainer Europas, auch einen der talentiertesten (Vertrag bis 2023). Und Nagelsmanns Stil passt zu Leipzigs Spielweise: offensiv ausgerichtet, mit wenig Kontakten zügig nach vorne. In der zweiten Bundesligasaison geriet der Angriffsfußball von RB aber immer häufiger ins Stocken, auch weil die Gegner das System von Leipzig dechiffriert hatten. Nagelsmann ist bekannt für seine flexiblen Matchpläne, so könnte er neue Anreize geben und die Mannschaft weiterentwickeln.

Aber eben erst ab 2019. Deshalb muss Leipzig schnell einen Trainer finden, der schon Ende Juli in der Europa-League-Qualifikation auf der Bank sitzt. Als wahrscheinlichste Lösung gilt RB-Sportdirektor Ralf Rangnick. 2015/2016 übernahm er die Mannschaft schon einmal übergangsweise für eine Saison - und führte sie zum Bundesligaaufstieg. Auch in Ulm, Hannover und auf Schalke trainierte er erfolgreich. Allerdings müsste Rangnick ein Jahr lang zwei Jobs gleichzeitig ausüben - und dabei auch im Sinne des kommenden Trainers denken.

Was bedeutet die Personalie für Hoffenheim?

Mit Nagelsmann geht der wichtigste Mitarbeiter. Ihm ist es zu verdanken, dass Hoffenheim erneut den Europapokal erreichte, obwohl die Mannschaft mehrere Stars verloren hatte: Sebastian Rudy, Niklas Süle und Sandro Wagner spielen mittlerweile alle beim FC Bayern, Serge Gnabry und Mark Uth verlassen im Sommer den Klub. Neue Spieler kann die TSG zwar immer noch mit der Champions League locken, aber nur noch bedingt mit dem Trainer Nagelsmann.

Immerhin trifft der Wechsel den Klub nicht überraschend. Bereits im Winter sagte Mäzen Dietmar Hopp, dass der Verein Nagelsmann nur noch bis 2019 halten könne. Und er nannte damals auch schon einen potenziellen Nachfolger: "David Wagner gefällt mir. Er war schon Trainer in Hoffenheim, wir kennen ihn." Allerdings hat der Coach von Huddersfield Town mittlerweile seinen Vertrag bis 2021 verlängert.

Dass Nagelsmanns Wechsel noch vor dem Trainingsauftakt (1. Juli) bekannt wurde, könnte Unruhe während der Saison vermeiden. "Es war mir wichtig, früh für klare Verhältnisse zu sorgen", sagte der scheidende Trainer dazu. "Nun wissen alle, woran sie sind." Punktet die Mannschaft in den ersten Spielen aber nicht wie gewohnt, könnte die Debatte um den Trainer erst so richtig losgehen: Spekulationen zum künftigen Klub sind nicht mehr möglich - über ein vorzeitiges Ende in Hoffenheim hingegen schon.

insgesamt 13 Beiträge
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meresi 21.06.2018
1. Welch Überraschung
vielleicht auch besser noch 2-3 Saisonen kleinere Brötchen backen mit ausbaufähigen jungen Spielern. Vielleicht auch CL, wenn auch nur bis 4tel Finale, zum üben. Dann aber zu FCB, Real oder gar zu, nun, vielleicht Stoke City ? wer weiß
toninotorino 21.06.2018
2.
Ach nee...der Julian. Ob da sich die Leizig-Spieler freuen? Viel Spass mit Ralf.
telarien 21.06.2018
3. Nur ein Warum
Natürlich kann das Warum auch schlicht Geld sein, aber ich glaube es nicht. Wenn Nagelsmann die Idee hat, in Leipzig von Rangnick lernen zu können, dann hat dieser Schritt für ihn Sinn. Eine emanzipierte Position unter Rangnick halte ich für unmöglich.
aurichter 21.06.2018
4. Auf jeden Fall
offen und ehrlich, so hat der Verein mit der CL im Rücken einen Trainer, der die Mannschaft aus dem Effeff kennt und andererseits die Mittel aus der CL und die Zeit einen passenden Trainer zu finden. Was wäre bspw mit Wolf, dem ehemaligen Stuttgarter, dem auch eine gute Einstellung und Händchen für junge Nachwuchsspieler nachgesagt wird? M.E. der Richtige gerade für Hoffenheim, die sich, unabhängig der CL Quali dennoch immer wieder mit Abgängen konfrontiert sehen. Wolf sagt man nach, dass er ein Auge für Nachwuchs hat. Je nach Verlauf der Saison könnte er neben Nagelmann Schwerpunktmäßig im Jugendbereich den Kader ab Saison 19/20 vorbereiten und mitwirken.
womo88 21.06.2018
5. Karriere ... Karriere ... Karriere ...
Kann es sein, dass es für manch einen auf dieser Welt auch noch was anderes gibt als Karriere? Wieviele Arbeitnehmer in Deutschland sind nicht bereit, wegen ihres Berufs und wegen Karriere umzuziehen? Warum geht man bei Fußballtrainern immer davon aus, dass die dorthin gehen, wo sie am besten, am schnellsten, am teuersten Karriere machen? Ich muss ganz ehrlich sagen: Ich würde wegen 2 oder 3 Jährchen nicht umziehen wollen. Der Hoeneß ist ja auch erdverbunden, erst ein festes Zimmer im Knast, dann wieder in seinem Haus am Chiemsee, und Heynckes mutet er zur Ausübung seiner (nicht mehr notwendigen) Tätigkeit ein Hotelzimmer zu. Wäre ich Heinckes gewesen, ich hätte Lebensqualität dem Hotelzimmer vorgezogen. KARRIERE ist nicht alles und macht auch nicht unbedingt glücklich.
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