Hoffenheims Trainer Nagelsmann Ist jung, kann Chaos

Hoffenheims neuer Trainer Julian Nagelsmann ist der jüngste Coach in der Geschichte der Bundesliga. Sein Stil ist geprägt von Tempo, Mut - und Chaos. Das Taktikprofil.

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Wer sich in der jüngeren Vergangenheit mit Angestellten der TSG Hoffenheim unterhielt, hörte unweigerlich einen Namen: Julian Nagelsmann. Kaum ein Klub-Verantwortlicher, der nicht von den Qualitäten des Nachwuchscoaches schwärmte. Nagelsmann würde eines Tages bundesweit bekannt sein, hieß es. Der Tag kam schneller als erwartet.

Wenn Hoffenheim am kommenden Samstag in der Bundesliga bei Werder Bremen antritt (15.30 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE), wird Nagelsmann an der Seitenlinie stehen. Eigentlich war geplant, dass der 28-Jährige im Sommer die Profis der TSG übernimmt und damit zum jüngsten Chefcoach der Bundesliga-Geschichte wird. Weil Huub Stevens aber sein Engagement aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig beenden musste, wurde er schon jetzt befördert. Was macht ihn so besonders?

Spieleröffnung und Abschluss trennen Sekunden

Sein Vorbild sei Josep Guardiola, sagte Nagelsmann in verschiedenen Interviews. Dabei lässt er einen ganz anderen Fußball spielen. Wo Guardiola Geduld predigt, fordert Nagelsmann Tempo. Er, dessen Trainerkarriere in Rekordzeit fortschreitet, liebt auch auf dem Platz das schnelle Spiel in die Spitze. Bei Hoffenheims U19, die Nagelsmann zuletzt trainiert hat, gab es bei vielen Angriffen ein Muster: Ein Innenverteidiger überspielt die Reihen mit einem flachen Pass, den der Mittelstürmer mit einem einzigen Kontakt ins Mittelfeld klatschen lässt. Zeitgleich starten zwei oder drei Angreifer in die Tiefe, um sich für den Folgepass anzubieten. Die Verteidigung schiebt nach und kann im Fall eines Ballverlusts direkt Druck ausüben. Spieleröffnung und Abschluss trennen Sekunden.

Ist der Weg durchs Zentrum versperrt, greifen Nagelsmanns Hoffenheimer oft zu Überladungen. Dabei ziehen sie sich auf einem schmalen, länglichen Korridor zusammen. Manchmal marschiert der zentrale Mittelfeldspieler, der am weitesten vom Ball entfernt ist, auf die Ballseite und schafft dort in der Spitze eine zusätzliche Anspielstation. Die Idee dahinter ist, viele Spieler auf engem Raum zu versammeln, um schnell nach vorn zu kombinieren. Zugleich gibt es bei Ballverlust die Chance, ihn schleunigst zurückzuerobern.

Details zeigen, wie gut Nagelsmann ist

Das Halbfinal-Hinspiel der A-Junioren-Meisterschaft vor zwei Jahren, Hoffenheim tritt beim FC Schalke 04 an. Knapp 11.000 Zuschauer sind in der Schalker Arena zusammengekommen, sie treiben die Gastgeber mit Dauergesängen nach vorn. Auf die Spieler der TSG, die sonst vor Hunderten Zuschauern kicken, muss die Kulisse gigantisch wirken. Nagelsmann scheint das zu spüren, er springt von der Trainerbank an die Seitenlinie und bellt seinem Team entgegen: "Schneller! Schneller!" Sein Kiefer hebt und senkt sich im Sekundentakt, Nagelsmann kaut exzessiv Kaugummi, er tut das oft bei Fußballspielen. Er erreicht seine Elf, die besser ins Spiel findet und schließlich 1:0 siegt.

Viele Details zeigen, wie gut Nagelsmanns Mikromanagement ist: Die Abstände, die seine Spieler untereinander und zum Gegner halten; das Timing beim Aufrücken und Zurückschieben der Ketten, all das funktioniert hervorragend. Beeindruckend ist auch, wie intensiv die Mannschaft nach Ballverlusten auf Abwehr umschaltet. Gerade in diesen Bereichen sind viele Jugendspieler oft nachlässig. Das zeugt von Nagelsmanns hoher Überzeugungskraft.

Ein Jahr später, Hoffenheims A-Jugend spielt erneut um den Einzug ins Meisterschaftsendspiel, diesmal gegen RB Leipzig. Der Gegner schießt zwei Tore, beide Male genügt ein einfacher Querpass, um die Hoffenheimer Defensive zu knacken, weil sich jeweils sechs Verteidiger in der einen Hälfte des eigenen Strafraums tummeln, dabei jedoch einen auf der anderen Seite wartenden Angreifer übersehen.

Alle Mann auf den Ball

In der Defensive scheint manchmal Chaos zu herrschen. Nagelsmanns Fußball wirkt dann geradezu kindlich: Alle Mann auf den Ball. Doch das hat System. Das Prinzip dahinter ist, den Gegner so sehr zu stressen, dass er den Überblick verliert. Die Gefahr, blank erwischt zu werden, nimmt man in Kauf, solange die Chance auf eine Balleroberung größer ist. Das geht manchmal schief, noch öfter aber klappt es. Nagelsmann und seine Mannschaft gewinnen die Partie gegen Leipzig 3:2, später verpassen sie knapp die erfolgreiche Titelverteidigung.

Die Spielweise ähnelt jener, mit der Ralf Rangnick die TSG einst in die Bundesliga führte. Nagelsmann soll in Hoffenheim den Fußball nicht neu erfinden, sondern den Hoffenheimer Fußball wiederfinden. Er soll die Sehnsucht nach einer Identität stillen.

Einen solchen Versuch unternahm Hoffenheim schon einmal. Markus Gisdol gab der Klub bei dessen Amtsantritt vor, er müsse die abstiegsbedrohte TSG nicht um jeden Preis retten, sondern vor allem "Talente integrieren", "attraktiven Fußball bieten" und "auf dem bewährten Weg wieder nach vorn kommen." Das war im April 2013.

Nun, fast drei Jahre danach, versucht es Hoffenheim auf ähnliche Weise. Nur mit einer jüngeren Version.

Zusammengefasst: Julian Nagelsmann feiert am Samstag sein Debüt bei 1899 Hoffenheim. Er wird der jüngste Cheftrainer in der Bundesligageschichte. Sein Stil entspricht jenem, mit dem Hoffenheim einst erfolgreich war: Offensiv setzt er auf Tempo statt auf geduldigen Spielaufbau, die Basis bleibt der Ballgewinn.



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insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
Orthoklas 11.02.2016
1. Tschüss Huub, hallo 2. Liga
Nix gegen den Jungen, aber im Härtefall lässt sich ein 33jähriger Vollprofi von diesem Trainer ganz sicher nix sagen. Außerdem: wer will jetzt als Spieler noch zur TSG wechseln? Der Trainer ist einfach noch zu jung.
freedent 11.02.2016
2. Qualität über Alter
Ich glaube nicht dass es auf das Alter ankommt... Er hat es sicher nicht so leicht aber ein überzeugendes auftreten und wenn er es schafft die Spieler von seiner Idee zu überzeugen und sie für sich zu begeistern kann er es schaffen. Ich hatte selbst einmal einen Trainer der jünger war als ich, aber als ich gemerkt hab dass er mehr weiß von was er redet als die meisten davor war das kein Problem. Auch wenn das zugegebener Maßen auf deutlich tieferem Niveau war ;)
_gimli_ 11.02.2016
3.
Zitat von OrthoklasNix gegen den Jungen, aber im Härtefall lässt sich ein 33jähriger Vollprofi von diesem Trainer ganz sicher nix sagen. Außerdem: wer will jetzt als Spieler noch zur TSG wechseln? Der Trainer ist einfach noch zu jung.
Dann fliegt der Vollprofi raus und kann sich einen neuen Job suchen. Auch in der Wirtschaft gibt es 30jährige Teamleiter, die "alten Hasen" Ansagen machen. Wenn denen das nicht passt, müssen sie gehen.
kanan 11.02.2016
4. Charakter und Talent
ist alles, Alter ist nur eine Zahl, nur Biologie. Viel Erfolg Julian.
Mondaugen 11.02.2016
5. Chance
Die jetzige Situation der TSG ist doch prima für den jungen Mann: Du hast keine Chance, also nutze sie! Schlechter als nach dem Heimdebakel gegen Darmstadt kann es nicht werden. Wenn sie absteigen, liegt es nicht an Nagelsmann, wenn nicht, hat er eine große Leistung vollbracht. Auch das Argument mit dem Alter zählt m. E. nicht. Viele normale Arbeitnehmer haben auch jüngere Chefs, da zählt die Leistung, nicht das Alter. Wenn die Spieler erkennen, dass er ihnen neue Impulse geben kann, werden sie ihm folgen. Beim ach so erfahrenen Stevens hat das ja eher nicht geklappt.
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