Hoffenheim-Trainer Nagelsmann Zeit für neue Helden

Am Nachmittag kommt es zwischen Dortmund und Hoffenheim zum Duell um Platz drei. Dass es die TSG so weit gebracht hat, ist eine Sensation - und hat einen Grund: Nirgends sonst ist der Erfolg so sehr mit dem Trainer verknüpft.

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Als ich ein kleiner Junge war, hatte ich wie so viele andere meine Zimmerwände mit Postern von Fußballern tapeziert. Bei mir als Werder-Fan hingen dort keine angesagten Kicker wie Mehmet Scholl, sondern, nun ja, Andree Wiedener und andere Bremer Ikonen der Neunzigerjahre. Was dort nicht hing: ein Poster von Trainer Otto Rehhagel.

Der Fußball lebt vom Starkult. Doch welcher Nachwuchsfan hat jemals ein Poster vom Trainer statt vom Top-Stürmer aufgehängt? Trainer sind wichtig, klar. Zum Helden aber wird, wer das Tor schießt. In Hoffenheim könnte sich das gerade ändern.

Am Samstag trifft die TSG auf Borussia Dortmund (15.30 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE), mit einem Unentschieden würde Hoffenheim den BVB auf Distanz halten und damit die Chance auf Platz drei deutlich erhöhen.

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Hoffenheim vor Dortmund. Als Nagelsmann kam, lag das Team am Boden. 20 Spieltage waren vorbei, die TSG stand auf einem Abstiegsplatz, hatte 14 Punkte gesammelt. Zahlen eines Absteigers.

Der Schlüssel? Der Trainer!

15 Monate später steht Hoffenheim vor dem Einzug in die Champions League. Wie das gekommen ist? Ganz einfach: Es gibt in der Bundesliga keinen Klub, bei dem der sportliche Erfolg so eindeutig mit dem Trainer verknüpft ist wie Hoffenheim. Denn allein durch Willenskraft ist ein Lauf wie der von Hoffenheim nicht zu schaffen. Und auch an einer Offensive auf dem Transfermarkt lag der Aufschwung nicht. Mit Kevin Volland gab die TSG sogar ihren wertvollsten Spieler ab.

Dafür kamen Profis wie Kevin Vogt und Sandro Wagner. Gute Fußballer, aber wahrlich keine Wunderkicker. Nagelsmann jedoch ist es gelungen, Spieler zu verbessern. Plötzlich explodierte Mark Uth, ein Stürmer, der zuvor schon als Fehlkauf galt. Sebastian Rudy wird interessant genug für die Bayern, Kerem Demirbay vom Zweitligaspieler zum Erstligastar.

Geht's raus und denkt's Fußball

Vor allem aber hat Nagelsmann der Mannschaft ein neues Verständnis vermittelt, wann sie sich wie bewegen soll. Wie öffne ich Passwege in die Offensive? Wann besetzt der Stürmer eine Schnittstelle, wann steht er beim gegnerischen Innenverteidiger? Man darf anzweifeln, dass Nagelsmanns Vorgänger Huub Stevens, 63, mit den Spielern über solche Details gesprochen hat. Hoffenheims Fußball ist komplexer geworden. Geht's raus und denkt's Fußball.

Trainer wie Nagelsmann, Thomas Tuchel oder Pep Guardiola lassen mit ihren Systemwechseln und ihrer Detailarbeit den Fußball komplizierter erscheinen. Das gefällt nicht jedem, schließlich lebt der Sport auch von seiner Einfachheit. Von seinen Emotionen. Dem Chaos.

Gewiss kann man die Bedeutung von Taktik im Fußball auch überbewerten. Nagelsmann selbst sagt gerne Dinge wie "Taktik ist der persönlichen Beziehung untergeordnet" oder "70 Prozent der Arbeit sind mental, 30 Inhalt". Auch Tuchel betont, wie viel wichtiger die Spieler im Vergleich zum Coach sind. It's a players game.

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Hoffenheim unter Nagelsmann: Aus dem Keller nach Europa

Doch klug angewandt, kann Taktik ein entscheidendes Mittel sein, den Rückstand auf vermeintlich bessere Mannschaften zu verkürzen. Gute Spieler verbessern sich. Nur wer alles beherrscht, Taktik, Trainingsarbeit, Menschenführung, ist heute als Trainer auf Dauer erfolgreich.

Trotzdem sichten viele Bundesligisten noch immer vor allem Spieler statt Trainer. Nur die wenigsten sind bereit, hohe Ablösen für sie zu bezahlen. Das ist absurd. Welcher Verein würde keine Millionen in einen einzigen Transfer stecken, wenn dieser genügte, um die Erfolgschance zu potenzieren?

Nagelsmann wird zum Symbol

"Der Nagelsmann des Handballs" titelte die "Zeit" kürzlich über den neuen Handball-Nationaltrainer, weil dieser ein "versessener Analytiker" sei, der "extrem viel Wert auf Taktik und eine präzise Spielvorbereitung legt".

Nagelsmann wird zum Symbol, ob er will oder nicht, das ist auch in dem Text so, den Sie gerade lesen. Mit 29 Jahren ist er der jüngste Bundesligacoach der Geschichte, sein Team spielt schön und erfolgreich. Er tauscht sich mit Wirtschaftsbossen über Menschenführung aus, interessiert sich für Sportwissenschaft.

Das erinnert an den Trainer des aktuellen Gegners, Tuchel. Auch der sprach einst als junger Bundesligacoach darüber, verkrustete Denkmuster im Fußball aufbrechen zu wollen, indem er häufiger pro Saison die Formation ändert. Mittlerweile ist das in der Liga fast so gängig wie die Abseitsfalle.

Ganz sicher wird Nagelsmann früher oder später seine Krise erleben, das ging selbst dem erfolgreichsten Trainer der Welt so. Wie er und seine Mannschaft in der kommenden Saison mit der zusätzlichen Belastung durch die Europacupspiele zurechtkommen werden? Abwarten. Gewiss scheint aber, dass er dafür Häme ernten wird. Der Wunderjunge glaubt wohl, er habe den Fußball neu erfunden. So ist das mit Symbolfiguren.

Vielleicht hängen bis dahin trotzdem ein paar Trainerposter in den Zimmern junger Fußballfans.

insgesamt 3 Beiträge
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Freidenker10 06.05.2017
1.
Cooler Typ, aber bevor man ihn jetzt zum neuen Bundestrainer hochjubelt, sollte man schon noch 1-2 Saisons abwarten! Kann ja auch sein, dass er einfach nur Glück mit seinem Kader und der Zusammenstellung hatte...
Klinsmeier 06.05.2017
2. Tuchel, Nagelsmann
Tuchel geht nach dem Streit mit den BVB Bossen nach England, wo einige scharf auf ihn sind. Dann kann Nagelsmann in Dortmund übernehmen.
FuggU 06.05.2017
3. Laßt mal den Nagelsmann im Dorf!
Ein beeindruckender, bodenständiger Typ. Er tut mit seiner bescheidenen, analytischen, unaufgeregten Art diesem in nicht allzu lange zurückliegenden Zeit teilweise desaströs geführten Club und dessen Entwicklung sehr, sehr gut. Ebenso der hysterisch aufgeblasenen Fußball-Branche. Das außergewöhnliche Trainer-Talent des jungen Julian wurde von seinen wichtigsten Förderern Bernhard Peters und Ernst Tanner, der ihn 2010 von 1860 München nach Hoffenheim als Co-Trainer der U-17 holte, erkannt. Er kennt in dem Verein alle und alles. Er kennt sein Spieler und diese kennen ihn. Mit einigen des aktuellen Profi-Kaders wurde er Deutscher U-19-Meister. Der respektvolle Umgang miteinander ist beeindruckend. Ihm steht ein Umfeld, ein unglaublicher personeller und technischer Apparat zur Verfügung, wie es nur in einem von finanziellen Problemen völlig befreiten Umfeld möglich ist. Das ist ebenso wenig selbstverständlich wie die Fähigkeit Nagelsmanns, diese Optionen zielführend, behutsam und mit Empathie im Interesse des Team-Erfolgs zu nutzen. Ob allerdings die von dem Erfolg des Nagelsmann-Teams etwas überforderte Medien- und Kommunikationsabteilung initiierte medial überbordende Nagelsmann-Kampagne im Interesse des jungen Mannes und seiner Zukunft ist, erscheint fraglich. Fragen, irrsinnige Prognosen und anderes bezüglich seiner Zukunft sowie die von Patron Hopp in einem Anflug von Humor geäußerte Wert-Bestimmung - € 400 Mio. - könnten sich schnell als Stolperfallen und Bumerangs erweisen. Manche Trainer funktionieren "nur" in dem ihnen seit vielen Jahren vertrauten Umfeld wie z. B. der hochgeschätzte, intelligente und erfrischend unkonventionelle SCF-Trainer Streich.
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