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Bayern-Trainer für die Restsaison

Heynckes' Stärken, Heynckes' Schwächen

Wenn bei Bayern München ein Trainer gesucht wird, fragt Uli Hoeneß seinen besten Freund. Doch ob Jupp Heynckes diesmal der Richtige ist, um die Probleme des Vereins zu lösen, ist fraglich.

Von Florian Kinast und Christoph Leischwitz, München

AFP

Jupp Heynckes und David Alaba

Donnerstag, 05.10.2017   15:41 Uhr

Nun also Jupp Heynckes. Wieder einmal. Zum vierten Mal schon. Ab dem späten Mittwochabend liefen die ersten Meldungen über ein bevorstehendes Comeback des 72-Jährigen beim FC Bayern, und selbst wenn eine offizielle Bestätigung aus der Säbener Staße bis Donnerstagmittag noch fehlte und die Münchner Presseanfragen ignorierten: Es dürfte wohl sicher sein, dass Heynckes am 14. Oktober in der Allianz Arena gegen den SC Freiburg auf der Trainerbank der Heimmannschaft sitzen wird.

Heynckes zu verpflichten, ist eine Entscheidung nach einem altbekannten Muster. Wenn es bei den Bayern nicht läuft, dann kann man eben mal auf dem Bauernhof in Schwalmtal am Niederrhein anrufen. Der Jupp wird's schon richten. Auf Heynckes war ja noch immer Verlass. So war es im April 2009, als Heynckes erstmals aus dem Ruhestand reaktiviert wurde, um für die letzten fünf Saisonspieltage den an seinen eigenwilligen Konzepten gescheiterten Jürgen Klinsmann zu beerben. Und so war es 2011, als Heynckes nach dem noch viel eigenwilligeren Louis van Gaal die Bayern übernahm - und sie in zwei Jahren zum Triple führte.

Fraglich ist nur, ob Jupp Heynckes nach vier Jahren als Rentner die Bayern auch jetzt wirklich noch einmal weiterbringt.

Als großer Favorit auf die Nachfolge von Carlo Ancelotti hatte Thomas Tuchel gegolten. Tuchel ist 44 Jahre alt und wäre zu haben gewesen, vergangene Woche gab es bereits Gespräche zwischen den Bayern-Bossen und dem ehemaligen Dortmund-Trainer.

Tuchel aber, so stellte sich schon bei der ersten Kontaktaufnahme heraus, ist ein schwieriger Charakter, den mächtigen Klub-Bossen vielleicht zu schwierig. Wie die "Sport Bild" berichtete, soll Tuchel in der ersten Telefonkonferenz sein Engagement an Bedingungen geknüpft und bereits über sportliche Inhalte gesprochen haben. Das könnte Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge dann aber wohl doch schon zu viel des Guten gewesen sein. Ein Trainer mit eigenen Ideen? Einer, der sich vielleicht nicht einfach so ins Bayern-Gefüge einordnen mag? Vielleicht lieber doch nicht.

Deswegen also doch lieber die Variante, die ein wenig an den Slogan von Konrad Adenauer im Wahlkampf 1957 erinnert: "Keine Experimente". Deswegen lieber bei Heynckes anrufen. Da weiß man, was man hat. Der beste Freund von Uli Hoeneß wird keine Schwierigkeiten machen.

Hoeneß hält die Laudatio auf Heynckes

Immer wieder hatten Hoeneß und Heynckes in den vergangenen Jahrzehnten von ihrer engen Verbindung gesprochen. Wie Heynckes nach dem Flugzeugabsturz von Hoeneß 1982 am Krankenbett anrief und ihm Hoeneß sagte: "Du wirst einmal Bayern-Trainer sein." Wie sie am Abend von Heynckes' Entlassung 1991 noch bis drei Uhr in der Früh am Tegernsee lustig schafkopften. Und als Hoeneß 2016 aus dem Gefängnis kam, führte ihn sein erster öffentlicher Termin nach Mönchengladbach, wo Heynckes den Ehrenring der Stadt bekam, Hoeneß hielt die Laudatio.

Sicher werden die zwei auch jetzt wieder schöne gemeinsame Abende bei einem Glas Wein verbringen, die Frage ist nur, was das dem FC Bayern bringt. Der deutsche Rekordmeister droht international gerade den Anschluss zu verlieren, die Lücke zu den gerade wirklich großen europäischen Klubs wächst weiter an.

Bleibt abzuwarten, ob es Heynckes da als dreivierteljährige Interimslösung bis Saisonende schafft, diese Lücke wieder zu schließen. Oder ob es nicht sinnvoller gewesen wäre, doch gleich einen frischen Trainer zu holen, einen, der eben doch eigene Ideen hat. Und der die Bayern nicht schon in- und auswendig kennt wie Heynckes.

Immerhin, eine von Heynckes' großen Stärken ist, dass er im richtigen Moment auch sehr ungemütlich werden kann. Gerade in seiner dritten Zeit zwischen 2011 und 2013 fand er, wie die Spieler damals bestätigten, immer den richtigen Ton. Konnte schlichten, versöhnen, aber auch mächtig durchgreifen, wenn auch mit einer größeren Gelassenheit als in seiner ersten Amtszeit, als man ihn wegen seiner Gesichtsfarbe nach aufbrausenden Wutanfällen gerne "Osram" nannte. Heynckes glückte es, aus einzelnen eitlen Egos wieder eine Mannschaft zu formen, eine Qualität, die auch jetzt wieder gefragt ist, nach Carlo Ancelotti, der seine Autorität bei der Mannschaft zum Teil verloren haben soll. Vor Heynckes haben die Spieler in jedem Fall Respekt.

Der FC Bayern muss schon für den eigenen Anspruch schleunigst wieder die Kehrtwende schaffen, zurück zu einem europäischen Spitzenklub. Das versuchen sie nun also mit Jupp Heynckes. So risikoarm die Entscheidung anmuten mag, vielleicht gehen sie genau damit ein großes Risiko ein.

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