Bayern-Trainer Heynckes Ein letztes Mal Don Jupp

So bitter das Champions-League-Aus auch ist: Die Bayern haben in Madrid ein beeindruckendes Spiel abgeliefert. Jupp Heynckes hat zum Schluss seiner Karriere noch einmal eine große Mannschaft gebaut.

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Aus Madrid berichtet Florian Kinast


Auf den ersten Blick war alles wie im Vorjahr. Wie damals schlichen die Spieler des FC Bayern auch jetzt wieder bitter frustriert durch die Kabinengänge unterhalb der Osttribüne des Bernabéu-Stadions. Wieder fühlten sie sich leer und enttäuscht. Wieder waren sie an Real gescheitert, und wieder überwog bei den siegreichen Madrilenen vor allem die Erleichterung, am Ende doch knapp weitergekommen zu sein.

Reals brasilianischer Linksverteidiger Marcelo verließ wie im Vorjahr mit seinen beiden kleinen Kindern Enzo und Liam an den Händen das Stadion, wieder hatte der eine Bub einen Fußball in der Hand und der andere ein Tablet. Die Bilder ähnelten sich.

Vorjahresniederlage war eine Zäsur

Und doch war diesmal vieles anders. Damals, im Viertelfinale 2017, war das Aus trotz der dramatischen 2:4-Niederlage nach Verlängerung hochverdient. Auch wenn Karl-Heinz Rummenigge bis heute gern erzählt, man sei wegen des Schiedsrichters gescheitert: Tatsächlich war Real in beiden Spielen deutlich besser gewesen, auch die Bayern hatten zudem von Fehlentscheidungen profitiert. Diesmal, und das war das Bittere an diesem Halbfinal-Aus, dominierten die Bayern, waren sie zweimal die überlegene Mannschaft - und flogen dennoch wieder raus. "Heute tut das noch mehr weh als letztes Jahr, da waren wir nicht so gut wie heute", sagte auch Mats Hummels nach Abpfiff.

Der wirklich große Unterschied war aber: Damals trainierte noch Carlo Ancelotti die Bayern. Diesmal Jupp Heynckes.

Die Niederlage im April 2017 war eine Zäsur gewesen und der Anfang vom Ende der Amtszeit Ancelottis. Der Italiener traf sonderbare Personalentscheidungen bei Ein- und Auswechslungen, immer weniger erreichte er seine eigenen Spieler, zwischen ihm und der Mannschaft offenbarten sich erste kleine Risse, die sich weiter verstärkten. In der neuen Saison drohte das Team unter dem immer lustloseren Ancelotti dann ganz zu zerbrechen - bis Jupp Heynckes kam.

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Heynckes gelang wie schon in seiner vorherigen Amtszeit in München mit seinem sportlichen Fachwissen als Fußballtrainer und seiner zugleich starken Menschenführung, aus einem verunsicherten und schlecht trainierten Haufen wieder eine von sich selbst überzeugte und körperlich leistungsfähige Mannschaft zu formen. Mit der richtigen Mischung aus harter Arbeit, den Spielern alles abzuverlangen und sie bis an die Leistungsgrenze zu treiben einerseits. Und ihnen gleichzeitig mit Empathie Rückhalt zu geben.

Krönung zum Abschluss bleibt ihm versagt

Heynckes formte wieder eine große Mannschaft, die sogar noch besser spielte als im Halbfinale 2012 - als man gegen Real durch den unvergessenen Sieg im Elfmeterschießen ins Finale dahoam einzog. Wie auch Heynckes am Dienstag selbst bekannte: "Ich habe das meinen Spielern in der Kabine schon gesagt: Ich habe den FC Bayern in Bernabéu noch nie so gut spielen sehen."

Seine vermutlich nun wirklich allerletzte Saison als Fußballtrainer noch einmal mit dem Triple abzuschließen, wäre die Krönung gewesen, ein fast schon zu kitschiges Märchen. Es war aber auch so schon eine große Saison, in der noch die gute Chance auf den Pokalsieg in Berlin besteht, woran Heynckes in einer emotionalen Kabinenansprache nach Spielende erinnerte. Selbst mit einem Double hatte vor gut einem halben Jahr kaum jemand gerechnet.

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"Man muss einfach auch mal sehen, wo wir herkommen", sagte Sportdirektor Hasan Salihamidzic: "Im Oktober waren wir abgeschrieben. Und dann haben wir gesehen, was mit dem Trainerwechsel kam. Ein großes Lob daher an Jupp und sein Team."

Heynckes selbst bewies nach dem Spiel erwartungsgemäß Größe. Keine Vorwürfe an einzelne Spieler und auch nicht an den Schiedsrichter wegen des nicht gegebenen Handelfmeters kurz vor der Halbzeit. Ob er denn Wehmut spüre, nach seinem letzten Champions-League-Spiel, wurde Heynckes noch gefragt: "Bei mir kommt nie Wehmut auf. Ich bin genau wie meine Mannschaft enttäuscht, weil wir es verdient hatten, ins Endspiel einzuziehen. Dass man in der Champions League ausscheiden kann und keine Garantie hat, ins Endspiel zu kommen, das ist normal. Aber ich sehe das ganz realistisch und nüchtern."

Die nächste Saison wird Heynckes daheim auf seinem Bauernhof am Niederrhein im Fernseher beobachten, was die Bayern unter Niko Kovac erreichen werden. So schwer das Erbe sein wird: Heynckes hat alles dafür getan, dass sein Nachfolger eine intakte Mannschaft vorfindet, die erfolgreich spielt und untereinander harmoniert. Wäre der FC Bayern eine Immobilie, dann hat Heynckes in den vergangenen sieben Monaten kräftig renoviert, aufgeräumt, gestrichen und alles fein herausgeputzt. Heynckes übergibt den FC Bayern schlüsselfertig.



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