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06. Oktober 2017, 16:37 Uhr

Heynckes beim FC Bayern

Aus dem Ruhestand zum Rekordmeister - geht das gut?

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In der Bundesliga tummeln sich die Jungtrainer. Und die Bayern? Reaktivieren einen 72-Jährigen. Jupp Heynckes soll den Klub durch die Saison bringen. Ist er taktisch noch auf der Höhe?

Der älteste Trainer der Bundesliga war einst der jüngste. Als Jupp Heynckes im Sommer 1979 vom Spielfeld auf die Bank von Borussia Mönchengladbach wechselte, war der damals 34-Jährige der bis dahin jüngste Chefcoach der Ligageschichte. Wenn Heynckes jetzt, knapp 40 Jahre später, mal wieder zurückkehrt, ist er der erfahrenste Trainer der Liga, der drittälteste der Bundesliga-Historie.

Ein Rentner zwischen all den Vertretern einer jungen Trainergeneration wie Julian Nagelsmann, 30, oder Domenico Tedesco, 32. Kann das gut gehen?

Er müsse das Ganze dann auch erst mal analysieren, so Heynckes, 72, immerhin seien "viereinhalb Jahre vergangen, seit ich bei Bayern aufgehört habe", und der Fußball habe sich seitdem verändert.

Nun ist es aber nicht so, dass der Fußball in den vergangenen viereinhalb Jahren neu erfunden wurde. Die Trainer sind in der Bundesliga im Schnitt deutlich jünger geworden, das schon. Der zweitälteste Coach, Dieter Hecking, ist 19 Jahre jünger als Heynckes. Und auch durch den Einfluss von dessen damaligen Nachfolger Pep Guardiola sind viele Mannschaften flexibler, Taktik-Anpassungen an den Gegner zur Regel geworden.

Allerdings galt Heynckes selbst stets als moderner Coach, der offen ist für Entwicklung und Veränderung. Man muss nur auf seine vergangene Episode in München zurückschauen.

Juli 2011, Heynckes wird zum dritten Mal Chefcoach bei den Bayern. Der Klub hat keine gute Saison hinter sich, Trainer Louis van Gaal musste gehen, die Mannschaft wurde Dritter. Für Bayern-Verhältnisse ein verlorenes Jahr. In Wahrheit trug es zu den vielen Titeln der Folgejahre bei.

Heynckes fand ein taktisches Fundament vor, auf dem er aufbauen konnte. Viele von van Gaals Prinzipien ließ er unangetastet. Dass etwa, wenn möglich, nicht der nächste freistehende Mitspieler angespielt werden soll, sondern der weiter entfernte. Positionsspiel, Ballbesitz, das alles kam mit van Gaal zum FC Bayern.

Zwei taktische Änderungen aber prägten Heynckes' Amtszeit von 2011 bis 2013:

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Die Bayern spielten wuchtiger als sie es unter van Gaal taten und später unter Guardiola tun sollten, sie brauchten weniger Zeit für den Weg aus der eigenen Feldhälfte bis zum gegnerischen Tor. Wann immer es ging, wurde gekontert. Die Abwürfe von Torwart Manuel Neuer über 40, 50 Meter sind mittlerweile in Vergessenheit geraten, damals leiteten sie regelmäßig Angriffe ein.

Ebenso verhält es sich mit Kontern nach gegnerischen Standardsituationen, einer damals mächtigen Waffe der Münchner. Das führte dazu, dass Bälle häufiger verloren gingen, und dazu, dass das Bayern-Spiel nicht mehr so starr wirkte wie unter van Gaal. Heynckes verlieh den Profis im Angriff Freiheiten. Das ist eigentlich das, was sich in München viele einst von Carlo Ancelotti versprachen.

Auch diesmal findet Heynckes eine Konstellation vor, die ihm gefallen dürfte. Vorgänger Ancelotti hielt zwar wenig von Flexibilität und davon, die Taktik der Gegner zu sezieren. Geschadet hat ihm das womöglich in der Kabine, so verbreitet es zumindest Uli Hoeneß. Auf dem Rasen haben die Bayern aber faktisch keinen solchen Einbruch erlebt, wie es die historisch frühe Trennung suggeriert.

Die Daten zeigen zwar, dass die Bayern von Saison zu Saison weniger gut spielen, seit Guardiola nach Manchester gewechselt ist. Weniger gut heißt aber eben noch lange nicht: schlecht. Zumal nur die wenigsten Bundesligisten die Bayern ernsthaft fordern.

Die Mannschaft lässt kaum gegnerische Abschlüsse zu. Sie hat sogar mehr Schüsse aufs Tor gebracht als in der Vorsaison. Auch weil die Chancenverwertung nicht auf demselben Niveau war, sind die Spiele gegen Hoffenheim (0:2) und Wolfsburg (2:2) dennoch nicht gewonnen worden.

In vielen anderen Bereichen ist die Mannschaft unter Ancelotti näher bei Heynckes als bei Guardiola, etwa dem konsequenten Spiel über die Flügel, dem Anteil langer Bälle oder auch der gegnerischen Fehlpassquote, die als Indikator für das bayerische Pressing dient. Die Daten zeigen auch, dass das derzeit nicht weit entfernt ist von dem Zustand unter Heynckes im Sommer 2013. Das Gegenpressing funktioniert nicht mehr ganz so gut, es hapert an der Struktur in der Offensive, aber das ist nichts, was sich nicht reparieren ließe.

Sogar der Kader, mit dem Heynckes arbeiten muss, hat sich kaum verändert. Einen Großteil der Mannschaft, die im Champions-League-Finale 2013 spielte, könnte Heynckes bei seinem Debüt am 14. Oktober gegen Freiburg aufbieten. Was, angesichts des fortgeschrittenen Alters manches Profis, nicht unbedingt für die Kaderplanung der Bayern spricht.

Mit Arturo Vidal arbeitete er in Leverkusen bereits zusammen, den formschwachen Chilenen könnte Heynckes aufpeppeln. Für James Rodríguez könnte er die Rolle eines von links kommenden verkappten Spielmachers erfinden, wie er es einst mit Toni Kroos bei Bayer tat.

Das ist zwar schon sieben Jahre her. Aber das heißt nicht, dass es heute nicht mehr funktioniert.

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