Juve-Profi Salihamidzic: Ein bosnischer Bayer in Italien

Von Tom Mustroph, Turin

Gut gelaunt und viel gerannt: Hasan Salihamidizic spielt auch bei Juventus Turin so, wie ihn die Fans aus Deutschland kennen. Auch wenn die Konkurrenz in der Serie A größer und die Abwehrreihen stärker sind. SPIEGEL ONLINE hat ihn besucht.

Hasan Salihamidzic strahlt, als er das Training im Juventus-Center beendet. Er hat mit seinen neuen Mannschaftskollegen gerade ein bisschen Kurzpassspiel mit der Hacke probiert, sich danach das leuchtend rote Trainingstrikot glatt gestrichen und ist im Spiel gegen die Roten mit den gelben Leibchen die Außenbahn rauf und runter gewetzt, so wie man das aus seiner Zeit beim FC Bayern kannte. Später wird er in einen schwarzen Audi mit Münchner Kennzeichen steigen und davonrasen. Was, um Himmels Willen, hat sich im Leben des ehemaligen Bayernspielers überhaupt verändert?

Das Trainingsgelände befindet sich nicht mehr in der Säbener Straße, sondern an einer Schnellstraße südlich von Turin. Die Farben, in denen Salihamidzic am Wochenende den Rasen betritt, sind nicht mehr rot, sondern die des Zebras. 18 von bislang 25 Ligaspielen absolvierte der Bosnier in schwarz-weiß. Eine gute Quote angesichts Größen wie Mauro Camoranesi und Pavel Nedved auf den Außenpositionen im Mittelfeld.

Neu wie diese Konkurrenten um einen Platz in der Startelf ist für Brazzo auch die Vereinssprache: ein piemontesisches Italienisch mit breiten Vokalen. Salihamidzic beherrscht sie nach Auskunft der Vereinsangestellten inzwischen recht gut. "Ich habe schon in den letzten Monaten bei Bayern mit dem Italienisch-Unterricht angefangen", sagt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Englisch lernt er parallel zum Italienischen. "Deutsch kann ich ganz gut, oder?", fragt er. Und zu Hause, mit Ehefrau Esther Copado (die Schwester von Hoffenheim-Stürmer Francisco Copado), den drei Kindern und der mexikanischen Haushaltshilfe ist Spanisch die Standardsprache.

Vielseitig ist Salihamidzic auch auf dem Rasen: Er spielt rechts- wie linksaußen, vorne, in der Mitte und hinten. Für Juventus hat er bislang oft die Rechtsverteidigerposition besetzt. Trainer Claudio Ranieri hält viel von ihm. Er schätzt seine Kampfkraft, seinen Charakter. Er setzt auf Salihamidzic, wenn das Spiel noch Feuer braucht, aber auch, wenn es um Willenskraft, Durchhalten, um das Herauskitzeln der letzten Energiereserven geht."Sie haben mich wegen der deutschen Mentalität geholt", sagt "Brazzo" selbst. Ein Bosnier, der deutsche Mentalität nach Italien bringt – Globalisierung im Fußball bedeutet wohl genau das.

Der 31-Jährige hat sich gut eingelebt in Turin. "Die Stadt ist attraktiv. Es gibt viele schöne Cafès und Restaurants. Die Leute haben mich vorher gefragt: 'Was willst bloß in Turin? Warum verlässt du München?' Aber Turin ist reizvoller als mancher denkt", sagt er. München ist ihm aber noch nah. "Ich habe neun Jahre dort gespielt und gelebt. Ich habe viele Freunde dort. München ist für mich die schönste Stadt", sagt Salihamidzic.

Aber auch, wenn sein Herz noch an der Isar sein mag, auch wenn er dem FCB weiter die Daumen drückt - seine Gegenwart heißt Juventus. "Ich fühle mich wohl in der Mannschaft. Ich bin gut aufgenommen worden. Uns alle schweißt der Wille zusammen, Juventus wieder auf den Platz im europäischen Fußball zu führen, der dem Club gebührt." Also mitten hinein in die Champions League. Der AS Rom auf dem zweiten Platz, der die direkte Qualifikation bedeutet, ist nach dem Remis im Stadtderby gegen den AC Turin vier Punkte entfernt - die Chancen sind also weiterhin da.

Gegen die Top-Vereine der Liga sah der Aufsteiger aus der Serie B immer gut aus (ein Sieg, drei Unentschieden, zwei davon auswärts). "Es war wichtig für unser Selbstvertrauen, gleich zu beweisen, dass wir mithalten können", sagt Salihamidzic. Nur gegen schwächer eingeschätzte Clubs patzte Juve des Öfteren. "Wir tun uns schwer gegen Mannschaften wie Cagliari oder Reggina. Sie machen die Räume eng und zwingen uns das Spiel auf", erklärt der 31-Jährige. Und manchmal hat man den Eindruck, als würden Nedved und Camoranesi, Alessandro Del Piero und David Trezeguet nur dann mit voller Konzentration durchspielen, wenn es gegen Stars wie Zlatan Ibrahimovic von Inter, Francesco Totti (AS Rom), Kakà oder Andrea Pirlo (beide AC Milan) geht.

Hier spielt das eine Jahr in der Serie B der Mannschaft vielleicht noch einen Streich. Nach anfänglichen Schwierigkeiten hatte die verbliebene Kerntruppe die Zweite Liga dominiert. Sie hatte Tempo und Rhythmus bestimmt und wohl geglaubt, gegen die Nobodys der 1. Liga ebenso verfahren zu können. Aber selbst wenn die Namen Reggina oder Cagliari keinen internationalen Klang haben, können diese Teams jedem Gegner das Leben schwer machen. "In der Serie A ist es viel schwerer, Tore zu erzielen, als in der Bundesliga. Die Mannschaften spielen taktischer. In jedem Team sind ehemalige Juve-, Inter-, Milan- oder Romaspieler, die für eine insgesamt hohe Qualität sorgen", hat Salihamidzic beobachtet. Er umdribbelt die Frage, welche Liga denn besser sei. Aber er schätzt: "Juve würde in Deutschland um den Titel mitspielen."

Neben Tomas Ujfalusi, Stammspieler beim derzeitigen Fünften Fiorentina, ist Salihamidzic der einzige langjährige Bundesligaprofi, der gegenwärtig in der Serie A aktiv ist. Doch generelles Desinteresse der italienischen Clubverantwortlichen an der Bundesliga hat er nicht ausgemacht. "Jetzt sind die großen Clubs hinter Bremens Diego her", sagt er. Und auch Schalkes Jungstar Ivan Rakitic soll auf Einkaufszetteln in Italien stehen.

Die Entscheidung, ins Ausland zu gehen – Deutschland ist für den als Teenager eingereisten Bosnier kein Ausland - hält Salihamidzic für richtig, immerhin lerne er "eine neue Sprache und eine neue Kultur kennen". Seinen Vierjahresvertrag möchte er erfüllen. Eine Methusalemkarriere wie die von Paolo Maldini – der 39-Jährige feierte zuletzt sein 1000. Pflichtspiel für den AC Mailand – hält er allerdings für sich selbst für wenig wahrscheinlich. "Mit 40 könnte man schon an etwas anderes als Fußball denken", so Salihamidzic.

Aber so lange es Spaß macht und der Körper mithält, so lange will auch er seinen Beruf weiter ausüben. "Je älter man wird, umso mehr Spaß macht der Fußball. Als älterer Spieler weiß man, dass das Ende dieser schönen Zeit immer näher rückt. Und genau deshalb genießt man jeden Tag, den man dabeisein kann, desto mehr", sagt Salihamidizic und lacht wie ein Junge, der zu Weihnachten gerade den ersten Fußball geschenkt bekommen hat.

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