Juve-Star Del Piero Die schwarz-weiße Wache

Juventus Turin ist mal wieder oben mit dabei - aber nur in der Serie B. Weltmeister Alessandro Del Piero ist trotz des Zwangsabstiegs geblieben. Der oft melancholische Stürmer soll den Rekordmeister zurück ins Oberhaus führen. In Deutschland denkt man ungern an ihn.

Von Vito Avantario


Ausgerechnet mit seiner Paradenummer wird er den deutschen Fußballfans ewig in Erinnerung bleiben. Das erste Gegentor von Fabio Grosso im WM-Halbfinale war diesen gerade aufs Gemüt geschlagen, als sein Kapitän den Gnadenstoß einleitete: Weltfußballer Fabio Cannavaro fängt einen laschen Sturmversuch der Deutschen ab. Dann: Cannavaro auf Francesco Totti, Totti auf Alberto Gilardino und weiter zu Del Piero. Der Juve-Spieler war vom eigenen Strafraum zu einem unter normalen Umständen idiotisch erscheinenden Sprint über 80 Meter gestartet. Wie aus dem Nichts taucht Del Piero am Strafraum der Deutschen auf, als sein Sturmpartner ihm gerade den Ball übergibt. Aus halblinker Position im deutschen Strafraum stopft Del Piero die Kugel an Torwart Jens Lehmann vorbei in den rechten Winkel. "La Matonella" wird diese Nummer Del Pieros in Italien genannt. Mit diesem Schuss, der einschlug wie ein "Ziegelstein", hatte er die deutsche Jubelorgie im WM-Sommer 2006 beendet und sich selbst endgültig in die Geschichtsbücher gebracht.

Die hängende Juventus-Spitze war wie häufig in den vergangenen Jahren auch gegen Deutschland nur eingewechselt worden. An seine Rolle als Edel-Komparse hatte sich Del Piero über die Jahre gewöhnen müssen, obwohl zu Beginn seiner Karriere Trainer und Fans schnell die des Anführers für ihn vorgesehen hatten. Solche Spieler rufen die Tifosi "La Bandiera" (die Fahne). Den Leithammel zu geben, entsprach aber nie Del Pieros Mentalität.

Als Giovanni Trapattoni Del Piero 1993 vom Zweitligisten Padova für umgerechnet zwei Millionen Euro nach Turin holte, eroberte sich der Sohn eines Elektrikers schnell einen Platz neben dem unwiderstehlichen Gianluca Vialli. Später nannten sie in Italien die linke Seite des Feldes die "Zona Del Piero", weil er auf dieser Flanke gewissermaßen Territorialrecht hatte: Von hier schlug er den Torhütern ein ums andere Mal seine mittlerweile berühmt gewordenen "Ziegelsteine" ins Netz.

Seit 1994 trägt Del Piero bei Juventus (Volksmund: "Die alte Dame") die Rückennummer 10. Seine Leistungen veranlassten das Management dazu, ausgerechnet den Vertrag seiner Majestät Roberto Baggio nicht zu verlängern und stattdessen auf den melancholischen Del Piero zu setzen. "Vergleicht mich bitte nicht mit Baggio", hat er immer wieder verlegen gesagt, aber natürlich verglichen ihn alle mit Baggio, weil er sich nicht vehement genug wehrte.

Del Piero hat nicht die vulkanische Explosivität eines Gennaro Gattuso, die ritterliche Aura von Cannavaro oder diesen unverschämten Schneid eines Totti. Weder auf dem Platz noch außerhalb. Del Piero, von Beruf Buchhalter, stammt aus einem Ort namens Conegliano in der Nähe von Treviso im norditalienischen Venetien. In seinem Heimatdialekt rufen ihn die Leute "bronsa cuerta", was wörtlich übersetzt "zugedeckte Kaminglut" bedeutet. Er ist die Glut, die unter der Asche weiterlodert: Er ist zurückhaltend, höflich, ernst, ein Spieler mit meist gutmütigen Gesichtszügen, auch wenn er die miesesten Fouls einsteckt.

"Ein Kavalier verlässt seine Dame nicht", hatte er gesagt, als sich vergangenen Sommer abzeichnete, dass Juventus wegen der Verwicklung in den Manipulationsskandal ("Calciopoli")mindestens in die Serie B verbannt würde. Viele Spieler waren gegangen, etwa die Weltmeister-Kollegen Cannavaro und Gianluca Zambrotta. Del Piero blieb auch in seiner zwölften Serie Juventus treu, obwohl er eine harte Spielzeit zu erwarten hatte. Ursprünglich 17 Punkte wurden dem Rekordmeister (je nach Zählweise 25 oder 27 Titel) für die Zweitliga-Saison 2006/2007 abgezogen. In der Berufungsinstanz wurde die Strafe auf neun Minuspunkte verringert. Inzwischen hat sich Juventus, das seit seiner Gründung 1897 immer erstklassig gekickt hatte, bis auf Platz drei hochgearbeitet.

Der zwangsabgestiegene Club ist das Zugpferd der Serie B. Wo Juventus gastiert, strömen die Zuschauer ins Stadion. Auf die eigene Bilanz schlägt sich die zweite Spielklasse hingegen negativ nieder: Am Ende der Saison befürchtet Präsident Cobolli Gigli einen Gesamtverlust von rund 100 Millionen Euro. Man wird wohl Weltmeister Gianluigi Buffon verkaufen müssen, den derzeit besten Torwart der Welt. Del Piero dagegen wurde gerade ein Vertrag auf Lebenszeit angeboten. Um den 32-jährigen Hobbywinzer und den Tschechen Pavel Nedved, 34, baut Trainer Didier Dechamps ein neues Juventus-Team auf, das an die alten Erfolge anknüpfen soll.

"Wir warten auf Godot", hatte 1998 Juve-Ehrenpräsident Gianni Agnelli über Del Piero gesagt. Er spielte damit auf dessen schleppende Genesung nach einem Kreuzbandriss an. Derselbe Agnelli hatte ihn noch zuvor "Pitturicchio" genannt, nach dem Freskenmaler von Papst Pius II. Agnelli liebte Del Pieros feinsinnige Art zu spielen, aber warf ihm wie viele Fußball-Anhänger in Italien vor, sein göttliches Talent zu verschleudern. Zu lethargisch, zu freundlich, zu genügsam sei er, rechneten sie ihm vor. "Hör auf zu schlafen, Godot!", stand damals auf einem der Transparente im Stadio delle Alpi, was soviel hieß wie: "Mach dich endlich nützlich!".

Heute ist Del Piero der am höchsten dekorierte aktive Fußballer Italiens. Mit 204 Toren hat er inzwischen den bisherigen Juve-Rekordtorschützen Giampiero Boniperti überholt. Stilistisch hat er sich in die Riege famoser italienischer Kreativspieler eingereiht wie Sandro Mazzola oder Gianni Rivera - Typen, die mit Intelligenz und Virtuosität das Offensivspiel ihrer Mannschaft komponierten, ohne sich selbst großartig schmutzig machen zu müssen. In Del Pieros Heimatort Conegliano haben sie gerade das Stadion nach ihm benannt. Godot ist angekommen. Und die Deutschen haben ihn als ersten durch die Tür treten sehen müssen.

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