Netflix-Doku über Juventus "Dies ist die schwarzweiße Legende"

Eine Saison mit Juventus - eine neue Netflix-Dokumentation verspricht den Blick hinter die Kulissen eines großen Fußballvereins. Herausgekommen ist ein mehrstündiger Hochglanzwerbefilm. Wann zieht der FC Bayern nach?

Douglas Costa
IMG/ Netflix

Douglas Costa

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"Alle glücklichen Familien ähneln einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich." So beginnt der Roman "Anna Karenina" von Leo Tolstoi. Man sollte demnach denken, dass es wesentlich interessanter ist, über unglückliche Familien zu lesen als über solche, in denen alles beim Rechten ist. Leider ist der Juventus Football Club eine sehr glückliche Familie: Der Verein aus Turin war zuletzt sechs Mal in Folge Italienischer Meister.

Leider, denn genau von Juventus handelt die neue Serie "Juventus Turin: Der Rekordmeister", deren erste drei Folgen jetzt auf Netflix abzurufen sind. Die Dokumentation behandelt den Klub getreu nach Tolstoi als Familie. Familie ist das Wichtigste im Leben von Gonzalo Higuaín. Für seinen Teamkollegen Miralem Pjanic gibt es nichts Schöneres, als seinen Sohn von der Schule abzuholen. Auch Claudio Marchisio verbringt am liebsten Zeit mit seinem Nachwuchs. Das zumindest erzählen die Stars in die Kamera.

Der Familienbegriff hört aber nicht bei den unmittelbaren Angehörigen auf: Auch die Fans, so erfahren wir gleich zu Beginn der Serie, werden von den Profis als Familienangehörige angesehen. Kommt einmal die Partnerin eines Spielers zu Wort, dann sagt sie, wie zum Beispiel die Freundin von Daniele Rugani, die namentlich gar nicht vorgestellt wird, Dinge wie: "Ich bin stolz auf ihn und bin stolz, seine Freundin zu sein."

Eingebetteter Journalismus?

Beim amerikanischen Krieg im Irak 2003 kam erstmals der Begriff "Embedded Journalism" zur Anwendung. Damit wurden Journalisten beschrieben, die "eingebettet" in Einheiten der amerikanischen Streitkräfte ihrer Arbeit nachgingen und vom Krieg berichteten. Die Kritik an dieser Praxis: Durch die Anbindung an eine Kriegspartei gehe die Objektivität verloren, außerdem kontrolliere das Militär faktisch, welche Informationen die Journalisten zu sehen bekommen.

Das Juventus-Projekt von Netflix geht aber noch einen Schritt weiter. Produziert wurde die Serie von der Marketingfirma IMG, die nebenbei auch Juventus in vielen Ländern vermarktet. Hier geht es gar nicht mehr um Journalisten, die über einen Klub berichten. Es fühlt sich vielmehr an wie ein einziger mehrstündiger Werbefilm. Mehrere Sponsoren des Klubs werden sehr positiv ins Bild gesetzt, wenn etwa Benedikt Höwedes und seine Teamkollegen viel Spaß beim Werbedreh mit den neuen Jeep-Modellen haben.

Vorbild NFL-Doku: Wenigstens unterhaltsam

"Juventus: Der Rekordmeister" fällt noch deutlich hinter vergleichbare Serien wie "All or Nothing" zurück. Diese Serie, die auf Amazon Prime zu sehen ist, begleitet in jeder Staffel ein Football-Team der NFL eine Saison lang. Zwar wurde auch "All or Nothing" direkt von NFL Films produziert. Aber zumindest sind wirkliche Blicke hinter die Kulissen zu sehen, wie etwa im Hinterzimmer bei der Spielerauswahl, der Draft, und es gehen auch mal Dinge schief, Trainer oder Manager verwenden Kraftausdrücke - alles ist etwas rauher und hat zumindest den Anschein einer echten Dokumentation.

Beim Juventus-Film hingegen sind die meisten Sequenzen bei öffentlichen Anlässen entstanden wie Pressekonferenzen oder Spielen, bei denen vor allem die Verwendung von Bildern am Spielfeldrand das Gefühl von Nähe erzeugt. Echte Konflikte gibt es nicht, kein Spieler wird kritisiert, der Trainer macht keine Fehler, kein Fan schlägt über die Stränge - es ist eine heile Welt, in der einzig die Erinnerung an das verlorene Champions-League-Finale von Cardiff und der Wunsch, den siebten Meistertitel in Serie zu gewinnen, als Motivationsfolie aller Protagonisten herhalten müssen.

Von den Klubs oder den Ligen selbst produzierte Dokumentationen - das wäre auch in Deutschland der logische nächste Schritt für den FC Bayern München, der neben seinen hauseigenen TV-Sendern sicher auch gerne über Streamingplattformen ein neues Publikum erreichen würde.

Vom erzählerischen Standpunkt her wäre es sicher spannender, etwa Benevento zu begleiten - den Aufsteiger und Serie-A-Debütanten aus Kampanien, der die ersten 14 Spiele seiner Erstligageschichte alle verloren hat - oder den Hamburger SV. Aber die erfolgreichsten Klubs haben im Fußball eben die meisten Fans. Und deshalb gibt es "Juventus: Der Rekordmeister". "Questa è la legenda bianconera", heißt es in der ersten Folge: "Dies ist die schwarzweiße Legende." Das fasst es ganz gut zusammen.

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insgesamt 2 Beiträge
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crazy_swayze 16.02.2018
1.
Die Dokumentation würde ehrlicher sein, wenn sie auch über den Zwangsabstieg und die gekauften Titel berichten würde.
solltemanwissen 17.02.2018
2.
Zitat von crazy_swayzeDie Dokumentation würde ehrlicher sein, wenn sie auch über den Zwangsabstieg und die gekauften Titel berichten würde.
Sie erwarten im Fussball Ehrlichkeit? Lesen Sie Football Leaks. Die ganze Branche ist so dermaßen verkommen, dass dieses Hochglanz-Image-Video nun wirklich nicht mehr verwundert.
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