Juventus-Torjäger Higuaín Südamerikas Gerd Müller

In der Champions League hofft Juventus vor dem Achtelfinalrückspiel bei Tottenham auf die Genesung von Gonzalo Higuaín. Der Argentinier ist vor dem Tor normalerweise Mister Zuverlässig - nur in den ganz wichtigen Endspielen nicht.

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Wer etwas bösen Willen mitbringt, könnte Gonzalo Higuaín als einen Unglücksfußballer bezeichnen. Im WM-Finale 2014 vergab der Argentinier die größte Chance seines Teams zur Führung, Deutschland wurde stattdessen Weltmeister. Im Endspiel der Copa America 2015 verschoss er im Elfmeterschießen, ein Jahr später stand er im Endspiel der Copa frei vorm Torwart und zielte am Tor vorbei. Sechseinhalb Jahre stand Higuaín bei Real Madrid unter Vertrag. Erst als er den Klub 2013 verließ, gewann Real ein Jahr später die Champions League.

Man kann die Geschichte von Gonzalo Higuaín natürlich auch ganz anders erzählen: Dreimal wurde er mit Real Spanischer Meister, mit dem SSC Neapel feierte er den Pokalsieg und war Torschützenkönig der Serie A. Bei seinem jetzigen Verein Juventus Turin hat er gleich im ersten Jahr Meisterschaft und Pokal gewonnen und ist bis ins Champions-League-Endspiel vorgedrungen. Für Real erzielte er in der Liga 107 Treffer, für Neapel traf er in 104 Ligaspielen 71 Mal, bei Juventus hat er schon wieder 37 Tore in 60 Partien zu Buche stehen.

Egal, wo er war: Higuaín hat immer seine Tore geschossen. Kein Wunder, dass sie in Turin vor allem auf ihn hoffen, wenn es am Abend bei Tottenham Hotspur (20.45 Uhr Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: Sky) darum geht, trotz eines enttäuschenden 2:2 im Hinspiel noch das Champions-Viertelfinale zu erreichen. Beide Treffer im Hinspiel machte, na klar, Gonzalo Higuaín.

In Neapel gilt er als Verräter

Diego Maradona hat ihn einmal als "den komplettesten Stürmer der Welt" bezeichnet. Maradona und er - sie haben eine gemeinsame Geschichte. Beide sind Argentinier, beide haben den SSC Neapel in Italien zum Spitzenverein gemacht. Doch während Maradona bis heute am Vesuv alle zu Füßen liegen, gilt Higuaín in Neapel als Verräter.

Weil er den Verein 2016 verließ, um in den verhassten Norden zum erst recht verhassten FC Juventus zu wechseln und dort zum Großverdiener aufzusteigen. Higuaín-Trikots wurden verbrannt, mehrere Napoli-Fans ließen angeblich ihre Higuaín-Tattoos entfernen. 90 Millionen Euro versüßten dem Verein den Abgang. Nie war ein Spieler, der innerhalb der italienischen Liga wechselte, so teuer. Als Juventus im Dezember beim bis dahin ungeschlagenen Tabellenführer Napoli spielte, entschied der Argentinier die Partie. Das hat ihm in Neapel keine neuen Freunde gemacht.

Bei Juventus hat Higuaín einfach da weitergemacht, wo er in Madrid und Neapel aufgehört hat. Tore sind seine Währung. Auf dem Platz wirkt er oft stoisch, er führt eine kleine, aber durchaus vermerkbare Wampe spazieren, Higuaín ist kein Modellathlet. Aber der Strafraum ist sein Revier. Der "Kicker" hat mal geschrieben, seine Tore seien keine Kunstwerke. Er dreht keine Pirouetten, er ist nicht der Hacke-Spitze-Fußballer. Aber ehe sich die gegnerischen Verteidiger versehen, ist der Ball im Tor. Higuaín ist weniger Lionel Messi, mehr Gerd Müller.

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Gonzalo Higuaín: "Pipita" und die vielen Tore

Seit zehn Jahren gehört der mittlerweile 30-Jährige jetzt zur internationalen Spitze. Man hat das Gefühl, Higuaín gebe es schon ewig, aber große Kränze sind ihm nicht gebunden worden. Die Zeitungen schreiben lieber über andere, der Argentinier hat nichts Glamouröses an sich, von ihm sind keine Marotten überliefert, es gibt keine erwähnenswerten Skandale. Er selbst hat über sich gesagt: "Ich bin ein Arbeiter, ein Kämpfer."

Domenech wollte ihn für Frankreich haben

Ein Kämpfer, der fast nicht etwa in der argentinischen, sondern in der französischen Nationalmannschaft gelandet wäre. Higuaín wurde in der Normandie geboren, sein Vater stand als Fußballprofi damals beim dortigen Klub Stade Brest unter Vertrag. Vater Jorge Higuaín war ein Liebling der dortigen Fans, sie riefen ihn "El Pipa", die Pfeife, weil seine markante Nase so aussah. Von ihm übernahm er denn auch den Spitznamen: Gonzalo wurde demnach "Pipita" gerufen, das Pfeifchen.

Als Gonzalo zehn Monate alt war, siedelten die Higuaíns zurück nach Argentinien. Bis heute spricht er kein Wort Französisch, aber die Doppel-Staatsbürgerschaft behielt er. Frankreichs damaliger Nationaltrainer Raymond Domenech hätte den jungen Higuaín gern in sein Team geholt, der entschied sich aber für Argentinien. Mit Frankreich verbinde ihn nichts.

Ein Segen für die Argentinier. Mit dem Genius Messi und dem lakonischen Tormacher Higuaín hat das Land eigentlich ein Pärchen, mit dem man jede Abwehr der Welt aushebeln kann. Trotzdem fremdeln beide mit den großen Erfolgen der Mannschaft, nur mit Mühe hat sich das Team für die WM in Russland qualifiziert. Dass Higuaín in 68 Länderspielen trotzdem mehr als 30 Tore geschossen hat, versteht sich von selbst. Eine bessere Quote in der argentinischen Nationalmannschaftsgeschichte hatte nur "Batigol" Gabriel Batistuta.

Vor dem Tottenham-Spiel war Higuaín angeschlagen, sein Coach Massimiliano Allegri setzt jedoch fest darauf, dass er im Achtelfinale spielen kann. Auf ihn wird es schließlich ankommen, seine Kälte vor dem Tor, seine Treffer aus dem Nichts. Ihm gegenüber steht mit Tottenhams Harry Kane allerdings einer, der ihm ähnlich ist. Es wäre eine spezielle Anekdote, wenn es wieder nichts mit dem Champions-League-Traum des Argentiniers würde - weil auf der anderen Seite einer steht, der noch higuaínesker ist als Gonzalo Higuaín.


Video Tottenham vs. Juventus: "Das Blatt kann sich schnell wenden"



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Standeck 07.03.2018
1. Wenn er in den ganz wichtigen Spielen nicht trifft...
ist er auch kein Gerd Müller. :) Der hat in wichtigen Spielen getroffen (WM Finale 74), wie auch in den unwichtigen.
C. V. Neuves 07.03.2018
2. Arg hinkender Vergleich
Relativ biederer Mittelstürmer mut Torquote um die 50% - schlechter in der Nationalmannschaft wo er in 68 Spielen 31 Mal traf. Gerd Müller: 62 Spiele, 68 Tore, davon jeweils eins in Europa- und Weltmeisterschaftsfinales. Besser war vor bis etwa 15 Jahren der Argentinier Gabriel Batistuta mit 77 Länderspielen und 55 Toren. Realistischer wäre ein Vergleich mit Mario Gómez (71/31). Auf Vereinsebene haben alle einer Trefferquote von etwas besser als einem Tor alle zwei Spiele, Gerd Müller knapp eines pro Spiel (80%).
aurichter 08.03.2018
3. Und Pipita
zeigt allen, auch den beiden Kommentatoren hier, eine lange Nase. Ein Tor "errochen" und eines wunderbar vorbereitet. Da hat Allegri wieder einmal Recht gehabt mit seiner Einschätzung, der Spieler hat Juve in das VF gebracht, der "Meister" beibJuve war einen Tick besser als der "Schüler" bei Tottenham - noch jedenfalls! Schon erstaunlich, wie effektiv die Alte Dame wieder agiert hat, das nennt man Kaltschnäuzigkeit :-))
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