Juventus Turin Gute Verlierer

Verloren mit einem Lächeln auf den Lippen: Bei Juventus Turin überwiegt trotz der Niederlage im Champions-League-Finale der Stolz über eine beeindruckende Saison. Dabei hat das Team wohl eine einmalige Chance verpasst.

Turins Pogba und Pirlo: Konnten schon bald wieder lächeln
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Turins Pogba und Pirlo: Konnten schon bald wieder lächeln

Von , Berlin


SPIEGEL ONLINE Fußball
Der Trainer war "stolz auf diese Mannschaft", er betreue ein Team, "das Persönlichkeit gezeigt hat", sagte Massimiliano Allegri am Ende dieses Abends. Und sein Mittelfeldmotor Claudio Marchisio freute sich darauf, "diese Momente einfach nur zu genießen mit einer tollen Mannschaft".

So reden Gewinner. Juventus Turin hatte da gerade das Champions-League-Endspiel 1:3 gegen den FC Barcelona verloren.

Es gibt im Fußball sehr viele schlechte Verlierer, aber selten hatte man nach einem Endspiel in der Fußball-Königsklasse so zufriedene Verlierer erlebt wie die Italiener. Sogar der aggressive Leader Arturo Vidal konnte wenige Minuten nach dem Abpfiff schon wieder lachen. Was umso mehr erstaunt, da man sich bei Vidals Spielweise gar nicht vorstellen kann, dass dieser Mann überhaupt irgendwann mal lacht. Der Chilene war schon nach einer Viertelstunde durch zwei üble Fouls wieder im gewohnten dunkelgelben Verwarnungsmodus angekommen, riss sich dann aber zusammen und schaffte es, dem Feldverweis zum Erstaunen aller zu entgehen.

In die Partie hineingestemmt

Vidal grinste nach Spielende im kurzen Gespräch mit Uefa-Boss Michel Platini, der den Verlierern ihre Ehrenmedaille umhängte. Und irgendwie hatten die Italiener auch allen Grund dazu. Hatten sie doch zuvor ihren wertvollen Beitrag zu einem höchst unterhaltsamen Fußballspiel geleistet und sich trotz der klar ersichtlichen Unterlegenheit gegen die Offensivkünstler aus Katalonien in die Partie hineingearbeitet, hineingestemmt.

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"Es hat nicht gereicht, daher ist die Enttäuschung schon groß", fand zumindest Außenverteidiger Stephan Lichtsteiner die Worte, die man von einem Verlierer erwartet. Und Mittelfeld-Denkmal Andrea Pirlo hatte nach dem Spiel dann doch kurzzeitig mit den Tränen zu kämpfen. Für Pirlo war es wahrscheinlich der letzte große Akt auf der Fußballbühne. Der Abschied des 36-Jährigen von Juventus deutet sich an, die USA locken mit ihren Dollars. Pirlo hätte einen besseren persönlichen Abschied verdient.

Der Weltmeister, der Vize-Europameister, der zweifache Champions-League-Sieger, an ihm lief dieser Berliner Fußballabend weitgehend vorbei. Pirlo verlor fast jeden Zweikampf, Impulse gingen kaum von ihm aus, seine berühmten Pässe erhoffte man vergebens.

"Wir konnten sie nicht aufhalten"

Ein Pirlo in Bestform, er hätte in der Phase nach dem 1:1 durch Alvaro Morata vielleicht geholfen, das Spiel zugunsten der Italiener zu kippen. Stattdessen "haben sie in dem Moment, wo wir dabei waren, die Kontrolle über das Spiel zu bekommen, gnadenlos zugeschlagen", sagte Allegri. Es klang wie ein Achselzucken. So sind sie eben, die Jungs vom FC Barcelona: "Wir konnten sie nicht aufhalten, am Ende hatten wir ihnen nichts entgegenzusetzen".

So ist Allegri eben, der Trainer, der eher unscheinbar wirkt, kein Sprücheklopfer, ein Realist, kein Charismatiker, aber einer, der mit klarem Verstand und viel Vernunft eine Mannschaft geformt hat, die zwar nicht mit Barça mithalten konnte, die es aber immerhin zwischendurch geärgert hat.

Die Würde des Alters

Sie sind einsame Spitze in Italien, sie haben den Liga-Titel geholt, sie haben den Pokal gewonnen, sie haben ihr Land in der Champions League bis ins Finale vertreten, da muss es auch mal die Erkenntnis geben, dass man nicht überall der Beste sein kann. Manchmal darf man auch mit dem zweiten Platz zufrieden sein. Und wenn man sich schon in das Unausweichliche beugen muss, gegen dieses in Europa überragende Team des FC Barcelona zu verlieren, dann bitte wenigstens so. Mit aller Würde.

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Eine Würde, die allerdings bei Juventus auch die des Alters ist. Zahlreiche Spieler im Kader haben die 30 hinter sich gelassen. Eine Chance wie am Samstag bekommen Torwart Gianluigi Buffon, 37 Jahre alt, Außenverteidiger Patrice Evra, 34, oder Abwehrchef Andrea Barzagli, 35, vielleicht nie wieder. Juventus hat zwölf Jahre gebraucht, um mal wieder ein Endspiel der Champions League zu erreichen. Noch einmal zwölf Jahre darf es für die meisten im Team nicht dauern.

So klang Buffon auch schon mehr als wehmütig, wenn er sagte: "Es gab Momente, in denen wir glaubten, wir könnten den Sieg erringen. Wir haben es leider nicht geschafft." Buffon hat bei Juve alles erlebt, er ist mit dem Klub abgestiegen, er ist Meister geworden, er war beim letzten Champions-League-Finale schon dabei, für den Torwart, für Pirlo und die anderen alten Männer wäre es noch einmal ein besonderer Triumph gewesen. Sie waren nah dran, aber mehr auch nicht. Allegri bilanziert: "Die Champions League bleibt ein Traum."



insgesamt 16 Beiträge
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rudy532 07.06.2015
1.
Herr Ahrens hat recht.Juve hat es schliesslich ins Endspiel geschafft.War auch gut zu sehen,dass die Mannschaft endlich ihren typische cattenaggio-Fussball aufgegeben hat.Barca war einfach besser.Hoffe,die Italiener finden Nachwuchs für grossartige Spieler wie Buffon und Pirlo.
doktordoktormueller 07.06.2015
2.
Juventus war nicht schlecht, ist auch eine relativ gut besetzte Truppe. Ihr Problem ist, dass sie eigentlich zu gut für die italienische Liga sind. Wenn sie noch mehr aufrüsten würden, dank FIAT, dann würde die Serie A in der Langeweile verenden. Denn im Gegensatz zur Bundesliga, in der der Meisterschaftskampf ja auch von Volkswagen mehr oder weniger tot gemacht wurde, ist der Abstiegskampf in der Serie A kaum interessant, da sich hier die Fahrstuhlclubs die Klinke in die Hand drücken und es niemanden so richtig interessiert, ob Lecce oder sonst wer mal wieder nach unten geht.
clauebers 07.06.2015
3. bitter
es ist tatsächlich eine merkwürdige eingenheit des sports, dass eine überragende saison, nationales double und cl finale, wegen einer niederlage einen so bitteren beigschmack bekommen kann man kann dem team nur wünschen mit ein wenig zeitlichen abstand das geleistete zu würdigen
okonski 07.06.2015
4.
Wochenlang wurde der Freistosspfiff von Gräfe im Relegationsspiel hier thematisiert, jetzt aber kein Wort zum nicht-gegebenen Elfer für Juve. Wenn es jetzt nicht Barca sondern der HSV gewesen wäre der so gewonnen hätte, würde SPON heute titeln: "Klare Fehlentscheidung! Juve wird CL-Sieg geraubt nachdem ein klarer Elfer nicht gepfiffen wurde". Soviel zur Qualität und Objektivität der Sport-Berichterstattung von SPON...
stern4 07.06.2015
5.
Es war ja auch kein Elfmeter. Vielmehr hat Barca sogat noch ein Tor mehr erzielt. Und ihr HSV ist nur dank klarer Bevorzugung durch Gagelmann gegen Dortmund und Paderborn, Gräfe gegen Karlsruhe und nicht gegebenem Elfer für Freiburg in Hamburg durch einen weiteren Schiri, nicht abgestiegen. Fakten, die doch eigentlich sehr leicht zu verstehen sind. Freuen Siw sich doch einfach über den unberechtigten Klassenerhalt.
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