Juventus-Verteidiger Chiellini "Arturo Vidal ist ein echtes Goldstück"

Im Achtelfinal-Hinspiel gegen Bayern fehlt Giorgio Chiellini bei Juventus. Im Interview spricht der Innenverteidiger über den eigenwilligen Stil von Thomas Müller und die weiche Seite von Arturo Vidal.

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Zur Person
Giorgio Chiellini, Jahrgang 1984, ist einer der besten Innenverteidiger der Welt. Der Italiener spielt seit 2004 bei Juventus Turin, im gleichen Jahr debütierte er in der Nationalmannschaft. Beim WM-Sieg 2006 gehörte er nicht zum Kader, seitdem war er bei allen großen Turnieren dabei. Mit Turin gewann er viermal die italienische Meisterschaft (der Titel 2005/2006 wurde aberkannt).
SPIEGEL ONLINE: Herr Chiellini, vor zwanzig Jahren hat Juventus Turin in Rom gegen Ajax Amsterdam zuletzt die Champions League gewonnen. Erinnern Sie sich daran?

Chiellini: Ja! Fabrizio Ravanelli hat das Tor für Juventus geschossen, dann ging es ins Elfmeterschießen, dort verwandelte Vladimir Jugovic als Letzter. Ich erinnere mich sehr gut.

SPIEGEL ONLINE: Und wer trifft zwanzig Jahre später im Endspiel in Mailand?

Chiellini: Ich hoffe, dass es ebenfalls ein Spieler von Juventus sein wird. Zunächst jedoch wird es im Achtelfinale gegen Bayern München (Anpfiff 20.45 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE) schwierig genug. Ich bin aber überzeugt: Wir haben die Waffen, um zwei große Spiele zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Wie schlägt man die Bayern?

Chiellini: Wir müssen versuchen, die großen Meister der Bayern einzuschränken, sie an der Entfaltung zu hindern.

SPIEGEL ONLINE: Die Innenverteidigung der Münchner fällt verletzt aus. Jérôme Boateng, Javier Martínez und jetzt auch noch Holger Badstuber sind nicht dabei, Mehdi Benatias Einsatz ist fraglich - ein Vorteil für Juve?

Chiellini: Nein, denn Bayern ist auch so eine sehr starke Mannschaft. Ich wünschte nur, dass wir selbst alle Spieler zur Verfügung hätten. Leider haben auch wir im Moment ein paar Verletzte, ich selbst werde wegen einer Wadenverletzung im Hinspiel ja auch nicht dabei sein können.

SPIEGEL ONLINE: Sprechen wir über die Offensive der Münchner. Zum Beispiel Robert Lewandowski und Thomas Müller.

Chiellini: Lewandowski ist derzeit mit Luis Suárez vom FC Barcelona der beste Mittelstürmer der Welt. Müller ist ein Spieler, den ich sehr, sehr bewundere; er ist auf dem Platz zwar weniger schön anzusehen, aber von einer unglaublichen Schlagkraft. Meiner Meinung nach ist er für die Mannschaft sehr viel entscheidender als die anderen.

SPIEGEL ONLINE: In der Partie kommt es zum Wiedersehen mit Ihren ehemaligen Teamkollegen Kingsley Coman und Arturo Vidal. Was sagen Sie zur Entwicklung der beiden bei Bayern?

Chiellini: Coman hat gleich in München eingeschlagen, und wir freuen uns sehr, ihn in so guter Form zu sehen. Meiner Meinung nach hat er bei Bayern einen Fußballstil gefunden, der besser zu seinen Qualitäten passt, als das in Turin der Fall war. Die Bayern setzen auf schnelle Außenspieler wie ihn, wir haben so eine Position nicht.

SPIEGEL ONLINE: Und Vidal?

Chiellini: Arturo liegt uns allen hier bei Juve am Herzen, er hat hier in Turin Spuren hinterlassen - als Spieler und als Mensch. Er ist ein echtes Goldstück.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird er in Turin empfangen werden?

Chiellini: Ich hoffe, mit großem Applaus, wie er es verdient. Über die 180 Minuten werden wir Gegner sein. Aber man darf nicht vergessen, wie viel Vidal Juventus gegeben hat.

SPIEGEL ONLINE: Wie denken Sie persönlich über Bayern München?

Chiellini: Das Besondere an den Bayern ist - abgesehen von der Qualität ihrer Spieler - die innere Haltung, die sie vor allem in den vergangenen Jahren bewiesen haben. Es ist kein Zufall, dass sie regelmäßig das Halbfinale der Champions League erreichen oder sogar noch weiter kommen. Das verbindet Bayern und Juventus: Es sind Vereine mit großer Vergangenheit, die eine ganz bestimmte Mentalität bewahren wollen.

SPIEGEL ONLINE: Um Juventus musste man sich zu Saisonbeginn allerdings Sorgen machen, der Start war miserabel. Danach folgte ein Klubrekord mit 15 Siegen in Serie. Was ist passiert?

Chiellini: Es war ein schwieriger Anfang. Nicht nur Andrea Pirlo, Carlos Tévez oder Vidal hatten den Verein verlassen, die halbe Mannschaft war ausgetauscht worden. Wir haben schlecht losgelegt und sind in eine Negativspirale geraten. Doch es gab einen Wendepunkt (beim 2:1-Sieg im Derby gegen Torino, 31.10.2015; die Red.), danach haben wir uns Spiel für Spiel verbessert, und jetzt erleben wir gerade eine unglaubliche Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Der Klub steht sonst eher für Kontinuität als für Umbruch.

Chiellini: Das stimmt, Juventus bleibt Juventus, auch wenn wichtige Spieler weggehen. Es wird Wert auf Kontinuität gelegt und darauf, viele Italiener im Team zu haben sowie Spieler mit einer gewissen Einstellung.

SPIEGEL ONLINE: So wie Sie. Ihre Rückennummer ist die Drei, hat das etwas mit Paolo Maldini zu tun?

Chiellini: Ja und nein. Ja in dem Sinne, dass Paolo seit meiner Kindheit immer mein Idol war. Er war ein unglaublicher Fußballspieler, der Geschichte geschrieben hat. Und nein, weil die Drei schon seit der Jugend meine Nummer ist. Ich habe damals links außen gespielt, in Italien benutzt man für diese Position die Drei. Wenn ich als Kind innen angefangen hätte, dann hätte ich die Fünf gehabt.

SPIEGEL ONLINE: Der verletzt fehlende Boateng und Sie waren beide zunächst Außenverteidiger und sind dann Innenverteidiger geworden.

Chiellini: Boateng hat sich in den vergangenen Jahren in jeder Hinsicht sehr verbessert: Er beherrscht jetzt Mann- und Raumdeckung und ist ein kompletter Spieler geworden, einer der Besten der Welt. Wir haben beide eine Position gefunden, die ideal zu unseren Eigenschaften passt.

SPIEGEL ONLINE: Welcher Stürmer ist am schwierigsten zu decken?

Chiellini: Hier in Italien war der stärkste, den ich in den letzten zehn Jahren gesehen habe, Zlatan Ibrahimovic. Ganz sicher.

SPIEGEL ONLINE: Während seiner Zeit bei Juve, Inter oder Milan?

Chiellini: Egal bei welchem Klub.

SPIEGEL ONLINE: Und in ganz Europa?

Chiellini: Lionel Messi und Cristiano Ronaldo. Das sind Außerirdische. Zu sagen, welcher von den beiden stärker ist, ist unmöglich.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie wählen könnten: Triumph in der Champions League mit Juventus oder Europameister mit der Nationalmannschaft?

Chiellini: Man kann sich das ja nicht aussuchen. Ich sage immer, es reicht, wenn man irgendetwas gewinnt. Es sind zwei superschöne Ziele, und schon eines der beiden Turniere zu gewinnen, wäre der Höhepunkt meiner Karriere. Das Allergrößte ist aber meine Tochter. Sie wurde vor sechs Monaten geboren. Und dafür gibt es keinen Vergleich. Mit nichts.

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insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
haudinei 23.02.2016
1. Sympathisch
Guter Mann. Schade, dass er heute nicht spielt!
pb-sonntag 23.02.2016
2. .
Möge die bessere Mannschaft gewinnen. Ich drücke Juventus ganz fest die Daumen.
metalslug 23.02.2016
3. Chiellini ist cool
Schade, dass ihr ihm keine Frage zum Gebissabdruck von Suarez in seiner linken Schulter gefragt habt. Vielleicht hat er ja zur Erinnerung ein Tattoo daraus gemacht?
scooby11568 23.02.2016
4. Sehr sympathisch...
kommt der Mann rüber. Ich denke aber, dass meine Bayern bei der Verletztenlage nur Außenseiter sind. Klar ist die Offensivabteilung Weltklasse, bei Juve aber auch. Ich lasse mich aber gerne überraschen.
spmc-131457042643520 23.02.2016
5. sympatisch,fair,kenntnisreich
ein sportsmann wie man ihn sich wünscht.weiter so.
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