Kampf um Liga-Chefsessel Hoeneß will Rauball stürzen

Bayern-Präsident ist nicht genug: Uli Hoeneß will Liga-Chef werden und gegen Amtsinhaber Reinhard Rauball kandidieren. Das Interesse am Wohl aller 36 Profi-Clubs ließ er bislang allerdings vermissen. Seine Wahl ist deshalb alles andere als sicher.

ddp

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Eine der spannendsten Entscheidungen der kommenden Bundesligasaison wird schon vor dem ersten Spieltag fallen: Am 18. August wählen die 36 Erst- und Zweitligaclubs bei ihrer Vollversammlung in Berlin den neuen Präsidenten der Deutschen Fußball Liga (DFL) - und dabei wird es zu einer Kampfabstimmung kommen. Bayern Münchens Präsident Uli Hoeneß will nach Informationen der "Bild"-Zeitung gegen Amtsinhaber Reinhard Rauball antreten.

Rauball sagte der "Welt am Sonntag": "Uli Hoeneß hat mich angerufen und mir seine Entscheidung mitgeteilt. Ich war über seine Kandidatur aber nicht überrascht." Damit spielte Rauball auf Äußerungen von Hoeneß an, der bereits Ende April von einer möglichen Kandidatur gesprochen hatte. Rauball sagte, seine eigene Kandidatur bleibe von Hoeneß' Entschluss unberührt.

Viele Eigenschaften machen den Bayern-Präsidenten zu einem geeigneten Kandidaten: Er ist resolut, machtbewusst und kann Interessen vertreten wie kaum ein Zweiter. Nicht zuletzt deshalb war Hoeneß eine der führenden Personen bei der Gründung der DFL im Jahr 2000, die ein Gegengewicht zum mächtigen DFB sein soll.

Kaum jemand hat sich im deutschen Fußball so erfolgreich für einen Club eingesetzt wie Hoeneß für den FC Bayern. 1997 etwa sagte Hoeneß der "Welt", er sei nicht dem Fußball verantwortlich, sondern dem FC Bayern.

Dieser Verantwortung wurde er zweifellos gerecht - zur Not auch gegen die eigenen Fans. Denen hielt Hoeneß etwa bei der Jahreshauptversammlung am 12. November 2007 in einer legendären Wutrede vor, sie seien für die "Scheißstimmung" im neuen Stadion verantwortlich.

Taugt die Reizfigur zum Präsidenten?

Klare Ansage, klare Meinung: Schon als Spieler und vor allem als Manager war Hoeneß eine Reizfigur. Konfrontation statt Kooperation mag auch jetzt als Bayern-Präsident noch funktionieren. Aber bei der DFL müsste Hoeneß nicht einen, sondern 36 Clubs im Blick haben. Ob er diese Rolle überzeugend ausfüllen kann, ist fraglich. Zwar ist unbestritten, dass der Geschäfts- und Privatmann Hoeneß eine soziale Ader hat, die nicht nur der oberflächlichen Imagepflege dient. So kümmerte er sich beispielsweise im Stillen um Sebastian Deisler, als der wegen Depressionen seine Karriere beendete.

Aber wenn es um handfeste finanzielle Interessen ging, zeigte Hoeneß bisher Solidarität vor allem mit den Clubs, deren Interessen und finanzielle Gegebenheiten denen des FC Bayern ähnelten. Oder mit Clubs, die den Münchnern nicht gefährlich werden konnten wie der FC St. Pauli. Den Hamburger Kultverein rettete Hoeneß 2003 mit einem Benefizspiel vor der Pleite. Aber diese Großzügigkeit muss man sich leisten können. Das schaffte Hoeneß nur, indem er die Interessen des FC Bayern voranstellte.

Wiederholt sprach er sich in seinen Tagen als Bayern-Manager gegen das bestehende System aus, wonach die TV-Einnahmen unter den 36 Erst- und Zweitligisten aufgeteilt werden. Hoeneß wusste, dass der FC Bayern bei einem Exklusivvertrag mit Fernsehsendern, wie ihn etwa italienische Topclubs besitzen, mehr Geld bekommen würde als unter dem bestehenden DFL-Verteilungsschlüssel.

Die Armen für Rauball, die Reichen für Hoeneß

Es lässt sich also kaum behaupten, dass Hoeneß sich bei den anderen Erst- und Zweitligisten beliebt gemacht hat. Ob der 57-Jährige bis zum 18. August genügend Vereine davon überzeugen kann, Interessenvertreter aller Proficlubs zu sein, ist fraglich.

Erschwerend kommt für Hoeneß' Kandidatur hinzu, dass Amtsinhaber Reinhard Rauball eine beachtliche Bilanz vorzuweisen hat. Der 63-Jährige ist seit 2007 DFL-Präsident. In seiner Amtszeit entwickelte sich die Bundesliga zur zuschauerstärksten Liga der Welt. Zudem hat es der 2007 einstimmig gewählte Rauball geschafft, die Interessen der Clubs auszubalancieren - etwa als das Bundeskartellamt 2008 die Vermarktungspläne der DFL kippte und der Verband zur Selbstvermarktung überging.

Bei der Vollversammlung könnte es also auf eine Spaltung der Club-Gemeinschaft hinauslaufen. Überspitzt gesagt: die Reichen für Hoeneß, die Armen für Rauball. In diesem Fall stünden Hoeneß' Chancen schlecht.

Neue Aufgabe für den Macher

Die Kandidatur gegen den erfolgreichen Amtsinhaber Rauball, der Druck, die Interessen von 36 Clubs zu vereinen - warum will sich Hoeneß das antun? Beim FC Bayern könnte er in guter Münchner Tradition ab und zu den präsidialen Grantler geben und sich ansonsten im Erfolg des Vereins sonnen, für den er während 30-jähriger Managerarbeit die Grundlage schuf.

Doch Hoeneß war immer ein Macher. Als er den FC Bayern 1979 übernahm, machte der Club 12 Millionen Mark Umsatz und hatte sieben Millionen Mark Schulden. Daraus formte Hoeneß den wohl finanziell gesündesten Fußballclub der Welt mit einem der modernsten Stadien. Wer das geschafft hat, will nicht nur repräsentieren, sondern Einfluss nehmen.

Bayern-Präsident fürs Herz, DFL-Präsident fürs Ego - es könnte für Hoeneß die perfekte Mischung sein.

Vorausgesetzt, er wird gewählt.

insgesamt 54 Beiträge
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Seite 1
sponfeind 17.07.2010
1.
Schwer zu sagen. Eigentlich finde ich keinen der beiden genannten besonders geeignet, da imo beide die nötige Neutralität vermissen lassen. Von den Verflechtungen und Gefallen den sie dem ein oder anderen im Geschäfft noch schulden, mal ganz zu schweigen.
cautious_analyst 17.07.2010
2. fünf Etagen drüber
1976. Endspiel. Elfmeterschiessen. Seit 34 Jahren fällt mir bei diesem Namen partout nichts anderes ein.
puter70 17.07.2010
3. Der kann das!
Hoeneß hat bei Bayern sein Können bewiesen, erstklassige Arbeit geleistet und den Club zur deutschen Nummer Eins gemacht. Er war der mit Abstand beste Manager der Liga. Mit seiner Cleverness/Intelligenz und seinem Durchsetzungsvermögen wird er aufgrund seiner über dreißigjährigen Erfahrung ein erfolgreicher, sehr guter DFL-Präsident werden, muss sich dabei aber nicht nur um die Spitzenclubs kümmern, sondern sich auch für die armen Schlucker der Liga einsetzen und ihnen faire finanzielle Unterstützung gewähren, sonst wird es eine zwei-Klassen-Gesellschaft geben.
Nikolai C.C. 17.07.2010
4. Macher sind gefragt
Wäre schön, wenn er die Chance bekommen würde. Und danach lade ich ihn ein, etwas aus dem Nähkästchen zu plaudern für das gemeinnützige Münchner Projekt http://bit.ly/3dwCgR . Allerdings sind nur Erzähler ab 65 Jahren gefragt :-)
Foul Breitner 17.07.2010
5. Und Rauball
drückt bei den Finanzgeschichten von S04 die Augen zu, weil er selbst, bzw. der BVB, seinerzeit auf Wohlwollen angewiesen war.
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